Gralstempel in den Bergen vor Kufstein

Seit dem finalen Gralsraub vor nunmehr 104 Jahren muss sich Bayreuth damit abfinden, dass der „Parsifal“ auch woanders als im Festspielhaus gespielt werden darf – und kann. Zunächst in den Metropolen, mittlerweile anscheinend überall. Zum Beispiel in Erl, wo man mit der Wiederaufnahme des „Parsifal“ von 2006 kürzlich Ehre einlegte.

Die Voraussetzung

Erl ist ein Dorf mit 1500 Einwohnern und Passionsspieltradition. Das passt auf den ersten Blick ganz gut zum „Bühnenweihfestspiel“, das allerdings – allen christlichen Dekors wie Abendmahl und Karfreitagszauber zum Trotz – gar nicht so christlich ist.

Was auch auf den zweiten Blick gar nicht passt: Erl hat seine eigene #metoo-Debatte. Gegen den Allmächtigen von Erl, den Theatermacher Gustav Kuhn, hat der Blogger Markus Wilhelm schwere Vorwürfe erhoben. Von „Schikane“ und „Probenterror“ ist da die Rede, von „demütigenden Erfahrungen“ für Künstler. Von „Riesenvorverurteilung“ spricht Kuhn, die Tiroler Landesregierung hat die Angelegenheit zur Chefsache erklärt – mit dem erkennbaren Willen, sie baldmöglichst und ohne weiteres Aufsehen zu den Akten legen zu können. Der Riesenjubel für Kuhn und sein Ensemble bei der Wiederaufnahme des „Parsifal“ hörte sich ein wenig trotzig an. Motto: Unsere Passion lassen wir uns nicht kaputt machen.

Und Kuhn?

Genoss nach all den Diskussionen seinen Auftritt wie einen Triumphzug, während des Spiels und hinterher, beim Schlussapplaus. Unter rein ästhetischen Aspekten betrachtet, hat er's gut gemacht. Ein ruhiges Dirigat, ohne Geheimnis, geradezu humorlos direkt, aber wirkungsvoll. So gut wie von Kuhn und seinem multinationalen Ensemble hört man's nicht immer.

Die Solisten

Kuhn hat ein glückliches Händchen bewiesen. Die Sängerriege ist durchwegs solide bis gut. Ein jugendlich kantiger Parsifa (Ferdinand von Bothmer), weniger Klaus Florian Vogt, eher in Richtung Andreas Schager; ein stimmlich fast zu blühender Gurnemanz (Pavel Kudinov), ein sehr exakter und auch darstellerisch guter Klingsor (Michael Kupfer-Radecky), ein Amfortas, der zum Überakzentieren neigte: Das konnte sich bei Thomas Ghazeli schon mal ziemlich „schamärzvoll“ anhören. Dann die Frauen: eine gut verständliche, stimmsichere, vor allem endlich mal verführerische Kundry: Nicola Beller Carbone hat ihre Sache großartig gemacht. Ebenso die Blumenmädchen. Schöne Frauen, betörender Gesang: Wagner hätte die eine oder andere legitime Nachfolgerin für Carrie Pringle erlebt. Allein schon deswegen hat man den "Parsifal" nicht einfach nur auf die Bühne "gestemmt"; nein, das lief schon recht selbstverständlich.

Das Bühnenbild

Wirkte so inspirierend wie ein evangelischer Gemeindesaal. So sparsam wie in einem schwedischen Möbelhaus ausgesucht, nur ohne die letzte Finesse skandinavischen Designs. Den Forst erleben wir lediglich im nächsten Aggregatszustand – als Tischmöbel. Dabei bleibt's im wesentlichen, ob im Hain, in oder vor der Gralsburg, ob beim Bad des Königs oder dem Abendmahl. Der große Schwachpunkt dieser Inszenierung.

Die Regie

Endlich mal Personenregie. Die Sängerdarsteller tun, was sich so ungefähr auch Wagner vorgestellt haben könnte: Sie stehen abseits ihrer Einsätze nicht nur einfach rum, sie reagieren aufeinander, singen und zeigen Gefühl. Vor allem Kundry ist da stets ein Hingucker. Bühnenfiguren, die mit Geste und ganzem Körpereinsatz nachvollziehen, was die Geschichte hergibt: Das mag mancher für bieder halten. In Erl ist genau das einfach nur schön und stimmig. Die Oper wird da dann doch wieder zum Gefühlskraftwerk.

Der beste Regieeinfall Kuhns: Der von Parsifal verwundete Schwan ist eine Ballettänzerin mit Tutu (Katharina Glas). Klar, da stand Schwanensee Pate. Nur: Kuhn führt das Ganze konsequent weiter. Die Tänzerin erweist sich im weiteren Spiel als Engel, als göttlicher Bote also. Die unglaublich knifflige Szene, in der Parsifal dem Klingsor den geschleuderten Speer als heilwirkende Waffe abgewinnt, ist so elegant gelöst: Der Schwanenengel fängt die Waffe und lässt sie auf sanften Schwingen in Parsifals Hände gleiten. Warum nicht? Seit „Lohengrin“ wissen wir, dass Schwäne alles mögliche sein können.


Infrastruktur. Das alte Passionsspieltheater, das "Zwölfapostel-Silo", steht direkt neben dem modernen Konzerthaus, in dem wegen der winterlichen Temperaturen diesmal der „Parsifal“ über die Bühne ging. Beides Hingucker: Mut auch zur ausgefallenen, wenn nicht sogar gelungenen Architektur haben die Tiroler jedenfalls. Seit kurzem gibt es ein Parkhaus. So elegant, wie ein Parkhaus sein kann, mit praktischen Neuerungen wie etwa am Münchner Flughafen. Leuchten an der Decke zeigen dem Ankommenden schon kurz nach Passieren der Schranke, wo noch freie Parkplätze sind. Schlau das, es gilt in Österreich der Kunst noch da, wo man in Deutschland das Planen schon beendet hat.

Außerdem haben die Erler sich vor wenigen Monaten ein stilvolles Künstlerhotel gebaut. Wäre das nicht für Bayreuth eine Überlegung, wenigstens für Teile der natürlich viel, viel größeren Belegschaft? Dort würde eine solche Artistenherberge dem Immobilienmarkt Beine machen. Manche Bayreuther vermieten nur für die drei Monate der Festspielzeit - Wohnungen, die ansonsten leer stehen. So bleibt der Druck groß genug, dass man an Studenten auch noch Schrottbuden vermieten kann.

Was Bayreuth besser kann

Aus dem Stand weg Akkustik. Erls Schwachpunkt im neuen Theater- und Orchesterhaus ist der Klang, der den Besucher nicht einhüllt und wie in Bayreuth einem Parfüm gleich umschmeichelt. Gerade beim „Parsifal“, dem Werk, das Wagner für das Festspielhaus und im Wissen um seine Besonderheiten geschrieben hat, fallen in Erl Kanten auf. Das Gebäude hallt trotz Deckel für das Orchester nach, wie ein guter Konzertsaal eben, was aber nicht unbedingt ein Ausweis für eine Gralsburg ist.

Die Punktabzüge sollten nicht übermäßig ins Gewicht fallen: Es bleibt Staunen vor der großen Leistung des kleinsten Wagner-Standorts überhaupt. Im Sommer bringen die Erler den „Ring“, mitten in der Bayreuther Festspielzeit, man wird einander schon keine Konkurrenz machen: Erl ist ausverkauft, Bayreuth wohl auch.





 

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