Gipfel in Nürnberg Was Hebammen wirklich wollen

Sie haben viele Anregungen für den bayerischen Hebammengipfel: Susan Gilster (links) und Friederike Engelen. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH/NÜRNBERG. Wie kommt Bayern zu mehr Hebammen? Eine Studie des Gesundheitsministeriums im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass die Qualität der Versorgung gut ist, dass es aber mehr Geburtshelferinnen braucht. Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hat deshalb für diesen Montag in Nürnberg zu einem runden Tisch eingeladen, um herauszufinden, was sich dagegen tun lässt. Ein Blitzumfrage in der Region ergab: Es geht dabei nicht immer nur ums Geld.

Susann Gilster ist als freiberufliche Hebamme im Raum Bayreuth tätig; Friederike Engelen betreibt zusammen mit Cordula Hartl seit einem Jahr das Geburtshaus am Prinzessinnenpalais in Bayreuth, in dem schon rund 70 Kinder das Licht der Welt erblickt haben. Beide sagen, sie lieben ihren Beruf und würden ihn wieder ergreifen. Sie bestätigen aber auch aus eigener Erfahrung, dass es zu wenig Hebammen gibt.

Bayreuth unter dem Durchschnitt

21 freiberufliche Hebammen hat das Gesundheitsamt in Stadt und Landkreis Bayreuth registriert. Nach Zahlen des Landesamtes für Gesundheit für 2017 lag die Zahl der Hebammen in ambulanten Einrichtungen in Stadt und Landkreis Bayreuth im Verhältnis zu den hier lebenden Frauen unter dem oberfränkischen und dem bayerischen Durchschnitt. Der Landkreis Kulmbach ist sogar abgeschlagen Schlusslicht in Bayern.

Viele Absagen an Frauen

Susann Gilster, die nach 22 Jahren als Beleghebamme keine Geburten mehr macht, sondern Frauen zuhause betreut und Geburtsvorbereitungskurse übernimmt, sagt: „Ich bin bis September ausgebucht. 80 Prozent der anfragenden Frauen muss ich absagen.“ Das sei sehr traurig. Wer keine Hebamme finde, gehe ohne diese Vorbereitung zur Entbindung ins Krankenhaus, werde nach einigen Tagen entlassen und sei dann weitgehend auf sich allein gestellt. Friederike Engelen berichtet von einer Frau, die schon bei 15 Hebammen vergeblich angerufen hatte. Gilster schult mittlerweile auch Rettungssanitäter für Entbindungen. Dies sei nötig, weil immer mehr Entbindungsstationen schließen, wie vor einigen Jahren in Münchberg. Damit würden die Wege betroffener Frauen in die Klinik weiter.

Die Wunschliste für den Runden Tisch

Auf die Kurier-Frage, was passieren müsste, damit mehr junge Frauen den Hebammenberuf ergreifen, haben sie sich kurzerhand bei Kolleginnen in der Region umgehört. Heraus kam eine Wunschliste, zusammengestellt von zehn Hebammen aus der Region - der inoffizielle Bayreuther Beitrag für den Runden Hebammentisch in Nürnberg.

Hilfen bei der Mobilität: Freiberufliche Hebammen fahren viele Kilometer zu den betreuten Frauen, Susann Gilster bringt es auf 20.000 im Jahr für ihren Beruf. Ein ganz großer Wunsch sei es, in Bayreuth umsonst parken zu dürfen, auch auf Anwohnerparkplätzen, ohne Strafzettel zu riskieren. In anderen Städten sei dies möglich, nicht aber in Bayreuth, obwohl sich die Stadt gerne familienfreundlich gebe. In Vergünstigungen bei Kfz-Versicherungen und Hilfen bei der Anschaffung umweltfreundlicher Elektro- oder Hybridautos sehen sie einen weiteren Anreiz.

Regresspflicht: Die jetzige Frist von 30 Jahren müsse verkürzt werden. Bisher könne eine Hebamme auch für Spätschäden, die erst 29 Jahre nach der Geburt eines Kindes auftreten, in Regress genommen werden. Sie müssten trotz teurer Haftpflichtversicherung auch mit eigenem Vermögen haften, das schrecke junge Frauen ab. Und insgesamt Abbau der Bürokratie, die 25 Prozent von Engelens Arbeitskraft binde.

Sozialversicherung: Befreiung von den hohen Beiträgen zur Rentenversicherung. Freiberufler bekommen keinen Arbeitgeberbeitrag. Auch wünschen sie sich günstigere Tarife in der Krankenversicherung, wie Ärzte sie bekämen. Gilster sagt: Hebammen achten mindestens so gut wie Ärzte auf sich selbst und haben deshalb ein niedriges Krankheitsrisiko. 750 Euro im Monat für die freiwillige Versicherung sind nach Ansicht Engelens zu viel.

Kinderbetreuung: Betreuungsplätze und womöglich noch Zuschüsse dazu zu bekommen, sei für junge Frauen bei der Berufsentscheidung wichtig.

Mehr Gehalt: Für angestellte Hebammen gehen die Vorstellungen in Richtung 35 Prozent Plus in fünf Jahren. Laut Hebammenstudie verdiente eine Vollzeit angestellte Hebamme im Jahr 2016 im Schnitt knapp 40.000 Euro im Jahr.

Arbeitszeiten: Deutlich besserer Personalschlüssel in Krankenhäusern, keine Anrufe mehr in der Freizeit, verlässliche Pausen, respektvoller Umgang von Kollegen anderer Berufsgruppen wie Ärzten. Engelen wünscht sich, dass Hebammen von den Kommunen angestellt werden sollen.

Weiterbildung: Sinnvolle Angebote, Supervisionen und Mediationen in Krankenhäusern.

Hilfskräfte: Unterstützung in Kreißsälen, zum Beispiel durch Arzthelferinnen für bürokratische Tätigkeiten und Telefonate oder durch Reinigungskräfte für Putzdienste, denn auch das werde mitunter von Hebammen verlangt.

Fördergelder: Sinnvoll einsetzen. 1000 Euro Hebammenbonus zahlt das Gesundheitsministerium pro Jahr seit 2017 rückwirkend. Einmal haben die beiden Hebammen des Geburtshauses den Bonus bislang bekommen, aber vier Boni für zwei Jahre hatten sie beantragt. Und von der Förderung aus dem Zukunftsprogramm Geburtshilfe, 40 Euro pro Geburt für Städte und Landkreise zur Sicherstellung der Hebammenversorgung, hat Engelen noch keinen Cent gesehen. Kann sie auch nicht. Die gut 43.000 Euro, die Stadt und Landkreis für 2019 aus diesem Programm beantragt haben, sollen nach Auskunft der Stadt zur Mitfinanzierung neuer Hebammenstellen im Klinikum dienen.

 

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