Gebärdensprache im Gericht Gehörlose klären Bahnsteigprügelei

Im Prozess um einen angeblichen Angriff auf einen Bahnmitarbeiter am Bahnsteig sorgten zwei besondere Zeugen für die Entlastung der Angeklagten. Archivfoto: Ronald Wittek

BAYREUTH. Zwei junge Männer kommen als Angeklagte vor Gericht, weil sie am Bahnsteig einen Bahnangestellten niedergeschlagen haben sollen. Zwei besondere Zeugen bewahren sie vor der Verurteilung – nicht mit einer Aussage im üblichen Sinn, sondern mit Handzeichen.

Der 21-Jährige und der 23-Jährige aus Selb wollten am 23. Juni frühmorgens kurz vor 6 Uhr raus aus Bayreuth. Welcher Zug? Welcher Bahnsteig? Sie fragten einen Bahnmitarbeiter, der in der Nähe am Bahnsteig stand.

Was auf den Wunsch nach Hilfe und Auskunft passierte, klingt nach der Aussage des Bahnmitarbeiters und nach der Anklage der Staatsanwaltschaft so: Der jüngere Angeklagte habe den Bahnmitarbeiter festgehalten, der Ältere dem Mann eine runtergehauen. Weil in dem Sachverhalt ein gemeinsames Vorgehen geschildert ist, lautet die Anklage auf gefährliche Körperverletzung.

Im Prozess bei Amtsrichterin Christiane Breunig am Montag bestritten beide Angeklagte den Hergang der Auseinandersetzung am Bahnsteig.

Der 23-Jährige sagte aus, dass er und sein mitangeklagter Freund auf die Frage, wie und wo sie einen Zug nach Selb kriegen könnten, eine unbefriedigende Antwort bekommen hätten. Der Bahnmitarbeiter habe schlecht gelaunt vor sich hin gebrummelt, etwas davon gesagt, die zwei Reisenden sollten sich gefälligst an die Info wenden.

Der jüngere Angeklagte bestätigte, es habe einen verbalen Streit gegeben, dann habe der Bahnmitarbeiter eine Beleidigung ausgesprochen – auf die der ältere Angeklagte erwiderte: „Verpiss Dich.“ Hierauf sei der Bahnbedienstete mit erhobener Hand auf den Älteren losgegangen, worauf der ihn lediglich gepackt und zu Boden geworfen habe: „Ich wollte ihm noch eine reinhauen, aber ich habe nicht getroffen.“

Entlastungszeugen mit scharfen Augen

Die Beweisaufnahme begann mit Stühlerücken: Eine Gebärdendolmetscherin setze sich mit dem Rücken zur Richterin, das Gesicht den beiden nacheinander aufgerufenen Tatzeugen zugewandt. Die Zeugen, ein Bayreuther Ehepaar, sind nämlich gehörlos – aber mit umso schärferen Augen ausgestattet, wie sich herausstellte.

Die 56-jährige Zeugin erklärte, sie und ihr Mann hätten an jenem Tag auf ihren Zug für den Norddeutschlandurlaub gewartet. Die Dolmetscherin übersetzte die Gesten und Gebärden der Zeugin: Die „Buben“ und der Bahnmitarbeiter hätten gestritten, das habe man am unfreundlichen und wütenden Gesicht des Bahnmitarbeiters gesehen.

Die Zeugin habe ein „Gefecht“ gesehen – Angreifer sei der Bahnmitarbeiter gewesen. Einen Schlag eines der beiden „Buben“ sah die Zeugin nicht.

Die Aussage ihres 61-jährigen Ehemannes deckte sich damit: „Ich habe gesehen, wie wild geredet wird.“ Der „wirklich sehr unfreundliche Bahnbedienstete“ habe angegriffen und sei „gefallen“. Tritte oder Schläge durch die Angeklagten habe es nicht gegeben.

Weil der Bahnbedienstete als Zeuge nicht erschienen war, konnte die Richterin die Angeklagten nicht freisprechen – hierfür müssen sämtliche Beweismittel ausgeschöpft sein, wie es im Juristendeutsch heißt. Das Verfahren wurde eingestellt, die Kosten übernimmt die Staatskasse – ein Quasi-Freispruch.

Für den Bahnmitarbeiter dürfte es besser gewesen sein, dass er nicht in den Zeugenstand gerufen werden konnte – seine Anzeige bei der Polizei war nach der Aussage der gehörlosen Zeugen vermutlich falsch.

 

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