Friedrich Schuberth Als Kindersoldat in den Zweiten Weltkrieg gezogen

KULMBACH. Ein Mann, der bewegende Geschichten zu erzählen hat: Der 89-jährige Friedrich Schuberth erinnert sich an jüdische Mitbürger und einen Kameraden, der sein junges Leben einem Wahn geopfert hat.

Es gibt Geschichten, die brennen sich ein. Sie werden im Alter drängender: Friedrich Schuberth steht im 90. Lebensjahr. Vor einem guten Jahr ist er von dem Haus am Kronhüttenweg, in dem seine Frau noch wohnt, in das Heiner-Stenglein-Senioren- und Pflegeheim Am Rasen umgezogen. Früher hat der Industriekaufmann in der Plüschfabrik Türk & Kneitz gearbeitet.

„Ich war ein glühender Hitler-Anhänger“

In seiner heiteren Art, mit blitzenden Augen und schalkhaftem Lachen sorgt er für gute Laune im Haus. Auf seinem Tisch in seinem Zimmer steht eine alte Olympia, eine mechanische Schreibmaschine, auf der er seine Briefe tippt und Erinnerungen festhält. Wenn er erzählt, 70, 80 Jahre zurück, ist es so lebendig, als wenn es gestern gewesen wäre. Ein alter Mann, der Geschichten los werden möchte.

„Ich war ein glühender Hitler-Anhänger“, gesteht er. „Wir wurden verführt und verheizt“, setzt er hinzu. Mit zehn tritt er beim Jungvolk ein. „Wir Jungs waren begeistert. Die HJ hat uns was geboten – Lagerfeuerromantik, sportliche Wettkämpfe, weg von den Eltern unter Freunden sein. Für uns war es die Freiheit und Abenteuer“. Bis heute schwärmt er von einem Besuch auf dem Segelschulschiff „Admiral von Trotta“ im Stettiner Haff.

Mischung aus Angst und Stolz

Am 25. März 1945 wird er mit den anderen 16-Jährigen im Kulmbacher Vereinshaus auf den „Führer vereidigt“, anschließend „Jugendweihe“ auf dem Marktplatz. Drei Tage später – die US-Panzerspitzen stehen schon vor Aschaffenburg – wird er als „Kriegsfreiwilliger“ einberufen und einer Flak-Batterie bei Forchheim zugewiesen.

In einer Mischung aus Angst, Stolz und patriotischer Pflicht ist er für sechs Wochen einer der Kindersoldaten Hitlers, die in einen sinnlosen Abwehrkampf geschickt wurden. „Wir waren in unseren Gefühlen zerrissen, einer jahrelangen Gehirnwäsche ausgesetzt. Gottlob habe ich die Zeit heil überstanden“, sagt er.

Auf dem Laster unter Beschuss genommen

Als er im Mai 1945 nach Kulmbach zurückkehrt, erfährt er von zwei Vorgängen, die sich ihm bis heute eingebrannt haben: Er wird zu einem Holzkreuz auf der Forstlahmer Höhe an der Alten Bayreuther Straße geführt. Er hört, dass hier sein HJ-Kamerad Siegfried Wölfel begraben liege.

Beim Einmarsch der US-Panzerdivision am 13. April 1945 habe er sich noch in einem Wehrmachts-Lkw befunden, den die Amerikaner unter Feuer genommen haben. Siegfried, der mittlere von drei Brüdern, die in der Blaicher Hermann-Limmer-Straße gewohnt haben, war ein guter Freund von ihm. „Irgendwann wurde er gezwungen, die SS-Junkerschule in Bad Tölz zu besuchen. Von da an verlor sich unser Kontakt“, sagt Fritz Schuberth.

"Warum Siegfried geblieben ist, ist mysteriös."

Auch Hans Nützel (87), der als 15-Jähriger zum „Volkssturm“ beordert wurde, hat Wölfel gut gekannt. Die Hintergründe von dessen Aktion bei Forstlahm sind ihm ein Rätsel. „Wir haben uns allesamt Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner ins Oberland verdünnisiert. Warum Siegfried geblieben ist, ist mysteriös. Vermutlich war die SS im Spiel. Auch sein jüngerer Bruder Viktor hat in der Nachkriegszeit über den Tod keine Silbe verloren“, so der frühere Diplomingenieur.

Seit Jahren verfolgt Pfarrer Klaus Kuhrau alle möglichen Spuren, die zum Grab des „Unbekannten deutschen Soldaten“ im Mangersreuther Friedhof führen. Sicher ist nur, dass der Tote, der nach der Besatzung ohne Soldbuch und Erkennungsmarke auf der Forstlahmer Höhe gefunden wurde, ursprünglich dort beigesetzt worden war. Beim Ausbau der B 85 ist er dann nach Mangersreuth umgebettet worden. Durch Schuberths Erinnerungen könnte das Rätsel um die Identität des Toten gelöst sein.

Berta Davidsohn blieb, bis die Nazis sie geholt haben

Bald nach seiner Rückkehr hat es dann ein Gespräch mit seiner Mutter gegeben – ein Gespräch über die Ermordung der Familie Davidsohn. „Mutter wollte nicht schweigen, nicht verdrängen. Sie erzählte mir von ihrer Freundschaft zu Berta Davidsohn, die blieb, bis sie sie geholt haben “, so der 89-Jährige. Frieda Münch und die vier Jahre ältere Berta Marcus (1893 geboren) wohnten in der Basteigasse 14 Tür an Tür. Täglich gingen sie zusammen zur Oberen Schule.

Später ging jede ihren Weg. Frieda arbeitete im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester im Kulmbacher Lazarett, heiratete 1921 Nikolaus Schuberth und wurde Mutter von drei Kindern. Berta schloss 1925 die Ehe mit Georg Davidsohn, einem städtischen Angestellten in Berlin, der das Kurz- und Spielwarengeschäft ihres Vaters am Holzmarkt 12 übernahm.

Pension durch die Nazis aberkannt

Drei Kinder stellten sich ein – Inge und die Zwillinge Hilde und Albert. „Davidsohn war ein herzensguter, frommer Mensch, der sehr sozial eingestellt war. Mutter hat es so berichtet, ich selber habe es als kleiner Junge mitbekommen: Solange es ihm möglich war, hat er in der Metzgerei meines Großvaters Fritz Münch in die Langgasse 27 häufig Fleisch und Wurst für Kriegerwitwen und kinderreiche Familien bestellt und bezahlt. Ein Metzgerslehrling von uns hat die Ware dann mit dem Fahrrad ausgeliefert.“

Nach der Machtübernahme der Nazis war die Familie Schikanen und Boykotten ausgesetzt. Nach der Verabschiedung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, der Entlassung Missliebiger, wird ihm seine Pension aberkannt.

Endstation: Vernichtungslager Krasniczyn bei Lublin

Im Juli 1934 wurde den Davidsohns am Holzmarkt gekündigt, sie müssen in eine Bruchbude im Priemershof umziehen. Sie versuchten das Geschäft in das Spitalgasse weiterzuführen, doch die Kunden wurden bespitzelt und auf eine Schwarze Liste gesetzt. „Meine Mutter hat mir erzählt, wie Berta die Leute anflehte, ihnen etwas abzukaufen. Sie hat’s nach Kräften getan, viele andere nicht. Ihre finanzielle Lage wurde immer schlechter, an eine Ausreise, bei der die Nazis viel Geld abpressten, war nicht zu denken. Mutter hat miterlebt, wie Georg bis zum Schluss verzweifelt versucht hat, durch eine Schweizer Bürgschaft eine Ausreisegenehmigung nach Australien zu bekommen, wo ein Onkel gelebt hat. Vergebens.“

Am 25. April 1942 wurde das Ehepaar mit seinen drei Kindern von der Gestapo aus der Baracke geholt, zum Kulmbacher Güterbahnhof gebracht und in bereitstehende Waggons verfrachtet. Heute weiß man, dass die Endstation das Vernichtungslager Krasniczyn bei Lublin sein sollte.

Info: Vor 80 Jahren erreicht die staatlich organisierte Judenverfolgung mit der zynisch sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 eine weitere Eskalationsstufe. Synagogen werden in Brand gesetzt, jüdische Mitbürger terrorisiert. Fritz Schuberth (Jahrgang 1929) war damals neun Jahre alt. Er hat als Bub die frühen Nazi-Jahre erlebt, mit 16 wurde er als „Kriegsfreiwilliger“ in einen so sinnlosen wie mörderischen Verteidigungskampf geschickt. Heute ist er ein „alter Opa“, wie er sagt, mit einem Wunsch: dass seine Erinnerungen die heutigen Jugendlichen erreichen.

 

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