Festspiele Knappertsbusch: Bayreuthianer alter Schule

Dirigent Hans Knappertsbusch bei den ersten Bayreuther Nachkriegsfestspielen 1951.Foto: Festspiele / Betz

BAYREUTH. Jeder Festspiele-Fan kennt Anekdoten von Hans Knappertsbusch, dem hochgeachteten Bewahrer Bayreuther Dirigier-Tradition. Mit seinem Angriff auf Thomas Mann aber spielte Knappertsbusch eine unrühmliche Rolle. Ein Interview mit dem Thomas-Mann- und Wagner-Experten Hans Rudolf Vaget (am Samstag, 4 August, zu Gast beim Symposium Diskurs Bayreuth) über Kunst im Spannungsfeld zwischen Hitler und Wagner.

Sie sehen Knappertsbusch als äußerst konservativen Vertreter des Wagnertums. Wie passt er dann in das Neubayreuth Wieland Wagners?

Hans Rudolf Vaget: Das war auch für ihn eine Art der Vergangenheitsbewältigung, allerdings in ganz ander Hinsicht als Wieland.

Inwiefern?

Vaget: Wieland hat nach 1945 versucht, seine altmodische Ästhetik über Bord zu werfen und die Theorien des Theatervisionärs Adolphe Appia auf die Bühne zu bringen. Das ist ihm großartig gelungen und begründet seine Stellung in der Geschichte der Opernregie. Knappertsbusch dagegen war ein Bayreuthianer der alten Schule, der mit den Gedanken von Chamberlain und Genossen aufgewachsen war. So weit man von ihm weiß, hat er diese Ideologie nie über Bord geworfen. Knappertsbusch war bereits als junger Mann in Bayreuth gewesen und hat dort seine musikalischen entscheidenden Erlebnisse gehabt. Er hat dort sozusagen das Wagner-Handwerk gelernt, unter Anleitung von Siegfried und Hans Richter. Sein lebenslanger Ehrgeiz war es, nach Bayreuth eingeladen zu werden. Er rechnete schon 1924 damit. Als Siegfried 1930 starb, brachte er sich bei Winifred in Erinnerung. Doch Winifred hatte mit Furtwängler und Toscanini zwei neue Stars, und für Knappertsbusch war kein Platz.

Aber er blieb am Ball ...

Vaget: Als Hitler an die Macht kam, sah Knappertsbusch eine neue Chance. Er war überzeugt, dass er den wahren Wagner-Stil von Richter und Siegfried übernommen habe. Er sei der Siegelbewahrer, der das Geheimnis des wahren Dirigierens kenne, nicht, weil die anderen Dirigenten schlechte Musiker waren, sondern weil sie ihr Handwerk nicht in Bayreuth gelernt hatten. 1933 witterte er eine Gelegenheit, sich ins Gespräch zu bringen – allerdings mit einer ziemlich unrühmlichen Geste.

Mit dem „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ auf einen Vortrag Thomas Manns, „Leiden und Größe Richard Wagners“.

Vaget: Knappertsbusch hat die Sache angezettelt, und viele andere haben ihm und Pfitzner zuliebe unterschrieben.

Auch Richard Strauss.

Vaget: Bei Richard Strauss weiß man’s nicht so genau warum, dem war eine gewisse Wurschtigkeit zu eigen, der hat die Bedeutung dieser Aktion möglicherweise verkannt. Es waren ein auch ein paar Nazis dabei, die waren aber nicht federführend. Die Verantwortung lag eindeutig bei Knappertsbusch. Meine These ist, dass er sich mit diesem „Protest“ gegen Thomas Mann für Bayreuth empfehlen wollte. Die ganze Sache stellte sich aber als Riesenfehlkalkulation heraus. Knappertsbusch wusste offenbar nicht, dass Hitler von ihm als Dirigent keine hohe Meinung hatte.

Wenn Franz Beidler nach dem Kriege die Festspielleitung übernommen hätte – hätte Knappertsbusch dann eine Chance gehabt?

Vaget: Wahrscheinlich nicht. Leute wie Beidler wussten, was Knappertsbusch während des Dritten Reichs gemacht hatte. Er war ein erfolgreicher Dirigent gewesen, die Tatsache, dass er 1935 in München als Operndirektor entlassen worden war, hatte für ihn auch unmittelbar keine so gravierenden Folgen, wie man meint. Er dirigierte dann ja in Salzburg und Wien. Aber die Tatsache, dass er entlassen worden war, erwies sich nach dem Krieg als ein riesiger politischer Bonus. Er stand da wie ein Opfer, und das war er nicht. Ich habe in München studiert, und ich kann mich an mehrere Konzerte mit Knappertsbusch als Dirigent erinnern. Ich habe ihn verehrt.

Was muss passieren, dass man ein Idol vom Sockel stürzt?

Vaget: Bei mir hat das etwas mit meinem Hauptarbeitsgebiet zu tun. Es waren meine Recherchen, die ich schon seit Jahren betreibe, die mich an den Punkt geführt haben, an dem ich sehen konnte, wie das damals wirklich gelaufen ist. Man konnte das immer sehr leicht den Nazis in die Schuhe schieben. Doch dann tauchte der Brief auf, der alles in ein anderes Licht stellte. 1987 berichtete die "Süddeutsche Zeitung" darüber, aber das wurde weitgehend ignoriert. In meinem Buch ist der Text zu finden, ein Telegramm, das offenbar in Zusammenhang mit dem Protest der Wagner-Stadt steht. Knappertsbusch bittet um eine Audienz in dienstlicher Angelegenheit bei Hitler, und zwar unmittelbar nach den Osterfeiertagen. Wohlgemerkt, der „Protest“ erschien in der Osterausgabe. Es kam nicht zu dieser Audienz, weil Knappertsbusch fälschlich davon ausging, dass Hitler eine hohe Meinung von ihm hatte. Aber dem war er zu laut, Hitler vermisste die Subtilität. Noch 1942 in der Wolfsschanze macht er abfällige Bemerkungen über Knappertsbusch.

Heute hält man Knappertsbusch als großen Wagner-Dirigenten in Ehren und erinnert sich an zahlreiche Anekdoten.

Vaget: Dass er so in Erinnerung geblieben ist, das beruht auf unser aller Wunsch, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen. Künstler, die wir verehren, möchten wir moralisch unbefleckt lassen. Das ging auch mir so.

Der „Protest“ führte dazu, dass Mann von einer Vortragsreise im Ausland lieber nicht nach Deutschland zurückkehrte und ins Exil ging.

Vaget: Nun, es stand ja nicht unbedingt fest, dass er nicht zurückkehren würde. Mann hat es zunächst abgelehnt, Hitler öffentlich zu denunzieren. Seine Opposition gegen die Nationalsozialisten und Hitler stand schon lange zu Buche. Er war sozusagen bei den Nazis aktenkundig. Aber 1933 hat er seinem Verleger zuliebe an sich gehalten und geschwiegen. Der Verleger hatte ihm gesagt, das sei die einzige Möglichkeit, dass er noch auf dem Markt bleibe. Als er 1936 unmissverständlich angegriffen wurde, hat er sich unwiderruflich zu Emigration und Exil entschlossen. Dann erst wurde seine Hitler und Nazikritik öffentlich.

Von Thomas Mann stammt der bemerkenswerte Satz, es sei viel Hitler in Wagner. Wie muss man das verstehen?

Vaget: Man muss bedenken, an wen das geschrieben ist, nämlich an Emil Preetorius, den großen Bühnenbildner, der einer von diesen gedankenlosen Mitläufern war. Aus Liebe zu Wagner hat der sich Hitler angedient. Thomas Mann hat das ja auch verstanden, er kannte Preetorius schließlich seit 1919. Dieser Satz ist an jemanden gerichtet, der eine strikte Trennlinie von Hitler zu Wagner ziehen wollte. „Hitler“ steht in Anführungszeichen, ist also nicht wörtlich gemeint, Mann meint damit vielmehr Hitlergeist und Hitlermanieren. Und damit meinte er nicht nur den Antisemitismus.

Wo hat Wagner Hitler am stärksten beeinflusst?

Vaget: Auf dem Gebiet des Theaters. Das Theatererlebnis des "Rienzi" war für den 15-Jährigen das erste Wagnererlebnis, das ihn umgeworfen hat. Das nächte war der „Tristan“ in Wien, mit Gustav Mahler als Dirigent und mit Roller als Bühnenbildner.

Auch das ist widersprüchlich. Ausgerechnet mit dem Juden Mahler ...

Vaget: Na, das war ihm damals noch nicht so wichtig. Er war Ästhet. Hitler hat sein Geld das er ererbt hatte, dafür ausgegeben, dass er im Stehparterre der Hofoper Wagner erlebte. Und in Wien wurde sehr oft Wagner gegeben.

Und bei Wagner finden wir in der überarbeiteten Fassung des „Judenthums in der Musik“ eine giftige Passage, in der die Endlösung anklingt.

Vaget: Das stimmt, die gibt es. Die Tatsache, dass sich Hitler nie auf Wagners Antisemitismus berufen hat, hat dennoch den Grund, dass ihm Wagner in diesem Punkt zu inkonsistent und nicht radikal genug war.

Anders Chamberlain?

Vaget: Der ist das Scharnier zwischen Wagner und Hitler. Es ist der Wagner Chamberlains, der bis 1945 historisch gewirkt hat. Ziemlich ungenießbar, das Ganze. Vor allem die Kriegsessays während des Ersten Weltkrieges. Das waren die Sachen, die ihm das Gewicht und Echo eingebracht haben, das er während des Ersten Weltkrieges hatte. Er hatte Kultstatus. Er prahlte damit, dass er kein Fachidiot sei, sondern über allen Wissenschaften stehe. Er nannte sich mit Stolz einen Dilettanten. Heißt: Ich bin kein Fachidiot.

Wenn man Wolfram Pyta folgt, sah Hitler sich als Politperformer...

Vaget: Hitlers Auftritt im Circus Krone lassen sich rekonstruieren. Der Erfolg beruhte zum einen auf seiner Rhetorik, die sehr geschickt angelegt war. Er steigerte sich wie das Lohengrin-Vorspiel. Dann steigerte er sich weiter, bis zu einem versöhnlichen Ton, als wisse nur er, wie es weitergeht. Das eine sind die theatralen Aspekte. Die Beleuchtung, das Wartenlassen – die machen den Aspekt der Performanz so wichtig und rücken in den Vordergrund, wenn wir über Hitler und Wagner reden. Das Entscheidende ist nicht die Musik, sind nicht die Schriften Wagners, sondern das Theater.


Info: Hans Rudolf Vaget (Jahrgang 1938) ist Professor of German Studies am Smith College (Massachusetts). Zu seinen Schwerpunkten zählen Richard Wagner und Thomas Mann. Vaget war von 2005 bis 2013 Mitherausgeber der Zeitschrift "wagnerspectrum". Von ihm erschien zuletzt „,Wehvolles Erbe’. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann“, 560 Seiten, 28 Euro.

Am Samstag ist Hans Vaget in Haus Wahnfried zu erleben, beim Symposium Diskurs Bayreuth von 10 bis 17 Uhr. Weitere Gäste sind Ex-Innenminister Gerhart Baum, Bernd Feuchtner, Ute Frevert.

Am Sonntag läuft das Symposium von 10 bis 13 Uhr, zu Gast ist u.a. der Komponist Klaus Lang.

 

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