Bayreuther Festspiele Die Walküre: Buh-Rufe für Placido Domingo

Noch einmal zog "Die Walküre" in der Inszenierung von Frank Castorf auf der Bühne von Frank Denic ihre Kreise im Festspielhaus. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Es ist das Jahr zweier prominenter Rückkehrer. Vor 18 Jahren standen beide gemeinsam als Siegmund und Sieglinde auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses. Jetzt sind sie wieder da: Waltraud Meier, die in der „Lohengrin“-Premiere die Ortrud sang, und Placido Domingo, der am Dienstag wieder zurück zur „Walküre“ fand. Freilich nicht als Tenor, sondern als Dirigent. Und mit einer bösen Überraschung.

Dabei liegt Domingos vorübergehend letzter Auftritt auf dem Grünen Hügel keineswegs 18 Jahre zurück. Es war bei einer „Walküre“-Aufführung in der Inszenierung von Tankred Dorst, als sich gegen Ende einer der Pausen folgende unvergessliche Szene zutrug: Ein Teil des Publikums hatte bereits im Saal Platz genommen, als plötzlich Beifall aufbrandete und der Ruf „Bravo Placido“ durchs Festspielhaus hallte. Ja, Domingo war tatsächlich anwesend. Als Zuhörer. Während sich auf der Bühne ein Anderer als Siegmund abmühte.

Am Dienstag fielen die Reaktionen heftiger aus. Aber gewiss nicht so, wie sich das der weltweit gefeierte Startenor wohl gewünscht hätte. Als er nach seinem Dirigat vor den Vorhang trat, übertönten mehrere Buh-Rufe den Beifall. Domingo schien ein wenig ungläubig dreinzublicken. Und zeigte sich kein weiteres Mal alleine auf der Bühne, sondern nur noch einmal zusammen mit dem Sängerensemble. Somit hat ihn nun dasselbe Schicksal ereilt, wie damals den Sänger des Siegmund im Dorst-„Ring“.

Zu wenig Spannung

Es mag daran gelegen haben, dass Domingo in dieser „Walküre“ einen Wagner-Stil praktizierte, von dem man glaubte, dass er längst der Vergangenheit angehört. Der Dirigent setzte auf Pathos, statt auf dramatischen Zugriff. Jedoch: Einfach nur langsamer dirigieren führt nicht zwangsläufig dazu, dass Spannung entsteht, wie sich etwa beim Feuerzauber am Schluss des Stücks zeigte. Die Bewegung in der Musik kam hier fast zum Stillstand. Das Zerdehnen vieler Passagen dürfte auch für die Sänger nicht immer die pure Freude gewesen sein. War es von der Regie gewollt oder schwang da noch eine andere Ebene mit, als Catherin Foster zu der Stelle „trotzt’ ich deinem Gebot“ auf den Boden stampfte und gezielt zum Dirigenten blickte?

Freilich waren die Sänger gut genug, um auch angesichts vieler langsamer Tempi ihre Partien voll auszufüllen. Die Aufführung wurde von dem in allen Rollen exzellent besetzten Ensemble getragen. Dass dieser „Walküre“ aber über weite Strecken die Tiefendimension des „wissenden Orchesters“ fehlte, zeigte sich etwa im ersten Aufzug an den „Wälse“-Rufen des Siegmund, die Stephen Gould zwar großartig mit Wucht und Wohlklang darbot, die aber nicht die seelische Notsituation erlebbar machten, die Siegmund in diesem Moment durchlebt. Hier hätte mehr aus dem Graben kommen müssen.

Einst dirigierte hier Kirill Petrenko

Man darf nicht vergessen, dass diese Produktion in der Inszenierung von Frank Castorf einst zusammen mit dem Dirigenten Kirill Petrenko aus der Taufe gehoben wurde. Was für ein Kontrast! Von Petrenkos klar konturiertem Klangbild, der Präzision im Zusammenwirken von Orchester und Sänger, seinem dramatischen Zugriff, der Wagners Musik hochspannend und in leichtem Ton präsentierte, ist im fünften Jahr nach der Premiere nicht viel übrig geblieben.

Ohnehin zieht diese „Walküre“ als seltsamer Solitär ihre Kreise auf der Castorf-Drehbühne im Festspielhaus. Den kompletten „Ring“ gibt es heuer nicht. Was staunen macht, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Traditionen in Bayreuth vor nicht allzu langer Zeit noch den Status des Sakrosankten genossen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man im Programmbuch zur aktuellen „Walküre“ liest: „Die Spielzeit 2018 der Bayreuther Festspiele gewährt uns die (bisher noch nie dagewesene) Gelegenheit, mit diesem Mythos in Wagners eigenem Festspielhaus zu brechen beziehungsweise diesen zumindest der Prüfung zu unterziehen, da in diesem Jahr ausschließlich „Die Walküre“ ... gezeigt wird, und zwar losgelöst von der Produktion des „Ring“-Zyklus...“

Brünnhilde schlummert ewig

Was hier als nie dagewesene Gelegenheit gepriesen wird, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den Abschied von einem Bayreuther Alleinstellungsmerkmal. Und: Diese Brünnhilde wird sogar Dornröschen toppen und ewig schlummern, kein Held wird sie je wachküssen.

Das Hauptmerkmal, das von der Wiederaufnahme der „Walküre“ vom Dienstag in Erinnerung bleibt, ist die hohe Güte des Gesangs. Catherine Fosters „Hojotoho“-Rufe sind nach wie vor ein Ereignis. So sauber, hell und zugleich mit dramatischer Durchschlagskraft können das nur Wenige singen. Überdies verfügt ihr Sopran über lyrische Qualitäten. Auch Anja Kampe als Sieglinde und Marina Prudenskaya als Fricka boten Wagner-Gesang auf herausragendem Niveau, ebenso John Lundgren als Wotan und Tobias Kehrer als Hunding. Dass Stephen Gould, der erst vor vier Tagen einen großartigen Tristan gesungen hatte, nun auch als Siegmund reüssierte, spricht für sich.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading