Granaten, Minen, Dünnbier Ewald Raschke: Von der Pegnitzhütte zum KSB-Standort

Er stöberte im Pegnitzer Stadtarchiv, sprach mit Zeitzeugen, die heute um die 90 Jahre alt sind, wertete vorhandene Publikationen aus und befragte KSB-Mitarbeiter: Ewald Raschke. Foto: Roman Kocholl

PEGNITZ. Am Anfang stand die Suche nach den Spuren der eigenen Großväter. Herausgekommen ist ein umfangreicher Beitrag zur Industrie- und Sozialgeschichte der Stadt Pegnitz, der die Entwicklung von der einstigen Pegnitzhütte zum KSB-Standort nachzeichnet. Der zweite Teil von Ewald Raschkes Arbeit wurde nun im 98. Band des Archivs für Geschichte von Oberfranken veröffentlicht.

Es war kurz nach 1900, als es die beiden Großväter des heute 81-Jährigen Ewald Raschke nach Pegnitz verschlagen hatte. Beide fanden hier Arbeit. Der eine als Werkzeugmacher, der andere als kaufmännischer Angestellter. Raschkes Großväter profitierten von jenem langlebigen Konjunkturaufschwung, „der Deutschland in das Spitzentrio der Industriestaaten getragen hatte“.

Und Pegnitz in die Liga der kleinen Industriestädte. Aus den 40 Arbeitern, mit denen die damalige Eisengießerei im Jahr 1890 begann, waren bis 1914 mehr als 400 geworden. Die Lebenssituation der Arbeiter hatte sich kontinuierlich verbessert. Lohnsteigerungen waren größer als die Preissteigerungen für die Güter des täglichen Lebens. Im Sommer 1914 sollte sich die positive Entwicklung drastisch umkehren. Dann kam der Krieg.

Raschke, der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 als Lehrer am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Bayreuth unterrichtete, zeichnet ein detailliertes Bild vom Auf und Ab am Wirtschaftsstandorts Pegnitz. Der Autor stöberte im Pegnitzer Stadtarchiv, sprach mit Zeitzeugen, die heute um die 90 Jahre alt sind, wertete vorhandene Publikationen aus und befragte KSB-Mitarbeiter. Schnell zeigte sich, wie die damalige Firma Amag, also der heutige KSB-Standort, die kleine Stadt verändert hat. Und wie sich die deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Pegnitz spiegelte.

Schiffskreiselpumpen und Artilleriegeschosse

So kann man bei Raschke nachlesen, dass die Gießerei mit Beginn des Ersten Weltkrieges die Produktion auf Kriegszwecke umstellen musste. Neben Schiffskreiselpumpen für die kaiserliche Marine wurden auch Artilleriegeschosse hergestellt. Der damals noch „Pegnitzhütte“ genannte Betrieb stellte Granaten und Wurfminen her. Zugleich sank der Lebensstandard der Menschen. In einer Akte im Stadtarchiv Pegnitz vom 23. Mai 1917 heißt es: „Um der Bierknappheit einigermaßen hinwegzuhelfen soll an das Bezirksamt der Antrag gestellt werden, dass ... die sämtlichen Brauer im Bezirke Pegnitz nur mehr Dünnbier herstellen dürfen.“

Wie Raschke schreibt, musste die Amag, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg die Fabrikation nicht auf Kriegszwecke umstellen. Wegen der wachsenden Technisierung des Krieges waren ihre Pumpen und Armaturen aber unentbehrlich in einer zunehmend arbeitsteiligen Wirtschaft geworden. Das Werk wurde in das nationalsozialistische Zwangsarbeits-System eingebunden. „Während des Krieges wurden in Pegnitz sowohl ausländische Zivilpersonen – die wenigsten davon kamen freiwillig – als auch Kriegsgefangene als Arbeitskräfte eingesetzt.“ Es kamen Italiener, Polen, Belgier, Franzosen, Serben und Sowjetrussen. Diese arbeiteten in der örtlichen Landwirtschaft, im Handwerk und vor allem in den beiden Großbetrieben, also im Eisenerzbergwerk „Kleiner Johannes“ und in der Amag. Untergebracht waren die Kriegsgefangenen in der städtischen Jugendherberge und in der Schlossberghalle. Die Amag zahlte dafür pro Person und Nacht 20 Pfennige an die Stadt Pegnitz.

Zwangsarbeiter in der Jugendherberge untergebracht

Raschke berichtet von einem Gespräch mit einem alten Pegnitzer, der sich noch an den „Russen Gregor“ erinnerte. Dieser muss im Lager eine Art Sonderstatus innegehabt haben. „Russe Gregor“ verdingte sich als Bäckereigehilfe in der Backstube des Konsumvereins.

Nach dem Krieg profitierte die Amag, die 1959 in die Struktur des KSB-Konzerns mit Sitz in Frankenthal integriert wurde, schnell vom Wirtschaftswunder. Die Personalentwicklung erreicht im Jahr 1965 ihren Höchststand mit 3000 Mitarbeitern in Pegnitz. Danach ging die Zahl kontinuierlich zurück. Seit 2005 bewegt sie sich konstant bei rund 1500.

Längst ist aus KSB ein Unternehmen geworden, das sich im globalen Wettbewerb behaupten muss. In seinem abschließenden Kapitel „Zwischen Kontinuität und Wandel“ zieht Raschke einen interessanten Vergleich: „Was verdeutlicht mehr den gewaltigen Strukturwandel bei KSB (und der gesamten deutschen Industrie) als die Tatsache, dass im Jahr 1890 für die Erzeugung von Armaturen und Pumpen eine Graugussproduktion in Pegnitz errichtet wurde und die wesensgleiche Firma heute einfache Gussarten in ihrem Werk im fernen Indien herstellen lässt. Vor 125 Jahren war Pegnitz aus Nürnberger Sicht der „Low Cost Standort““.

Über drei Jahre hinweg hat Raschke an seinem Text recherchiert und geschrieben. Am Ende steht für den 81-Jährigen die Erkenntnis: „Wenn es einem Unternehmen nicht gelingt, mit seinen Produkten an der Spitze zu stehen, wird es nicht mithalten können.“


Info: „Von der Pegnitzhütte zum KSB-Standort: Ein Beitrag zur Industrie- und Sozialgeschichte der fränkischen Kleinstadt Pegnitz“ von Ewald Raschke ist im Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 98, erschienen. Der Text ist auch mit zusätzlichem Bildmaterial auf der Internetseite des kleinen historischen Kreises Pegnitz zu lesen.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading