Europawahl Rotation um jeden Preis

Die Grünen lassen Ulrike Gote nicht ins Europaparlament. Eine kurzsichtige Entscheidung. Foto: Archiv/Andreas Harbach

KOMMENTAR. Ist die Europaliste der Grünen für die Wahl im Mai der Weisheit letzter Schluss? Zweifel daran sind erlaubt.

Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa, hat man einst gespöttelt. Die Zeiten sind längst vorbei, vor allem bei den Grünen. 27 Jahre alt war die jetzige bundesweite Spitzenkandidatin Ska Keller, als sie 2009 erstmals ins Europakandidat gewählt wurde, 48 Jahre alt ist die bayerische Europaspitzenkandidatin Henrike Hahn, die noch nie in einem Parlament saß, 25 Jahre alt ist der neue oberfränkische Spitzenkandidat Malte Gallée. Die Grünen setzen auf neue Gesichter, wohin man sieht. Die einzige oberfränkische Bundestagsabgeordnete Lisa Badum ist 35, der Bayreuther Tim Pargent mit 25 zweitjüngster Landtagsabgeordneter.

Jugend kommt an

Junge, neue Leute mit viel Schwung und Ehrgeiz: Das kommt an bei Wählern und auch bei den Delegierten auf den Parteitagen, die bei der Vergabe der aussichtsreichen Plätze die Daumen heben oder senken. Die Grünen reklamieren stets für sich, dass die Nominierungen in keiner anderen Partei so demokratisch ablaufen wie bei ihnen, weil es keine Vorabsprachen und Mauscheleien von Parteioberen gebe. Die Kehrseite: Letztlich entscheidet wie im Fall der Europaliste ein einziger Auftritt mit wenigen Minuten Redezeit über eine gute Platzierung oder das politische Aus. Ist das fair, weil jeder die gleichen Chancen hat? Oder ist das unfair, weil bei dieser Auswahl vor allem die Fähigkeit zur Selbstdarstellung zählt? Nicht die politische Substanz eines Bewerbers, nicht die Erfahrung, nicht Geschick, Moderations- und Durchsetzungsfähigkeit im Parlamentsbetrieb.

Franken ausgebootet

Wäre es darauf angekommen, hätte Ulrike Gote bessere Karten für die bayerische Spitzenkandidatur zur Europawahl gehabt. Es gewannen aber Neulinge, noch dazu beide aus dem Münchner Raum. Da haben sich die Franken ausbooten lassen. Was die regionalen Egoismen der Bezirksverbände angeht, sind die Grünen eine sehr normale Partei.

Grüne haben ein Problem

Wenn Gote auch noch recht hat mit ihrer Vermutung, dass ihre langjährige Arbeit im Landtag ihr bei der Europakandidatur geschadet hat, dann hätten die Grünen ein ernstes Problem. Denn wer gute Arbeit abstraft, dem geht es eben nicht darum, die jeweils besten Kräfte auf Entscheiderpositionen zu bringen. Vielmehr spukt noch der alte Gedanke von der Rotation in den Köpfen herum. Rotation um jeden Preis, auch den der Qualität. Neid könnte ebenfalls eine Rolle spielen. Der spätere Bundesvorsitzende Cem Özdemir, dem 2009 die sichere Bundestagskandidatur verweigert wurde, kann ein Lied davon singen.

So bitter es für Demokraten ist: Mehrheitsbeschlüsse allein sind noch kein Garant dafür, dass auch weise Entscheidungen getroffen werden.

 

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