Europapokal-Ära endet in letzter Sekunde

Zu einer Bayreuther Institution hat sich Nils Becker (gelbes Trikot) entwickelt, seit er als Neuzugang in der Saison 1989/90 kam. Er blieb der Stadt nicht nur als Profi treu bis über die letzten Europapokalspieler der 90er Jahren hinaus, sondern spielt noch heute bei Senioren-Meisterschaften mit. Foto: Holger Sauer

Fünfmal Mal nahmen Bayreuther Mannschaften (USC, BG Steiner-Optik, Steiner) zwischen 1979 und 1996 am Korac-Cup teil, dem damals dritthöchsten europäischen Vereinswettbewerb nach dem Europapokal der Landesmeister und dem der Pokalsieger – benannt nach dem langjährigen jugoslawischen Nationalspieler Radivoj Korac, der 1969 im Alter von 30 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.

Der letzte Auftritt am 20. November 1996 endete dramatisch. Am sechsten und letzten Spieltag der Vorrunden-Gruppe J gastierte die Mannschaft von Trainer Calvin Oldham beim damals aufstrebenden, heute jedoch nicht mehr existierenden spanischen Club Turismo Andaluz Granada. Die Andalusier hatten im Sommer zuvor für 400 Millionen Peseten die Erstliga-Lizenz von Baloncesto Salamanca und gleichzeitig dessen Startplatz im Korac-Cup übernommen.

Die Ausgangslage war klar: Der Gewinner des Spiels würde Gruppensieger Kalev Tallinn in die K.o.-Phase folgen, für den Verlierer wäre die internationale Saison vorbei. Nach einem Dreier von Andre Bade sieben Sekunden vor Schluss zur 74:73-Führung war Steiner weiter. „Doch dann haben wir Granadas Spielmacher Frankie King nicht gut genug verteidigt“, erinnert sich der Bayreuther Mannschaftskapitän Nils Becker. „Mit einem total irren Ding“ (Becker) sorgte der Amerikaner, der drei Jahre später in der Bundesliga für Alba Berlin auflief, mit der Schlusssirene für den 75:74-Endstand und damit Ernüchterung im Steiner-Lager.

Gleichzeitig bewahrte er den Verein vor einer Bredouille: Für die K.o.-Phase wäre ein Parkettboden verpflichtend gewesen. Ein solcher war zur damaligen Zeit jedoch noch nicht in der Oberfrankenhalle vorhanden. Die einzigen Möglichkeiten wären gewesen, einen Boden aus der Münchner Olympiahalle auszuleihen, was einen kostspieligen Mehraufwand für den damals finanziell angeschlagenen Verein bedeutet hätte, oder für das Heimspiel gleich in die bayerische Landeshauptstadt auszuweichen (die Arenen in Bamberg und Nürnberg gab es damals noch nicht).

In Oberfrankenhalle fehlte Parkettboden

Trotz des Vorrunden-K.o.‘s: Der internationale Auftritt von Steiner in der Saison 1996/97 war „vor allem angesichts unseres kleinen Kaders aller Ehren wert“, resümiert Becker. Erstmals im Korac-Cup wurden die Teilnehmer in Gruppen eingeteilt (16 á vier Teams), erst danach folgten die K.o.-Spiele. Die Bayreuther erwischten mit Granada und dem estnischen Meister Kalev Tallinn eine der schwierigsten Gruppen. Nur Auftaktgegner Albacomp Szekesfehervar wurde als schwächer eingeschätzt. Beim 72:67-Heimsieg gegen die Ungarn hielten sich die Oldham-Schützlinge schadlos. Topscorer vor lediglich 800 Zuschauern in der Oberfrankenhalle war Derrick Taylor (16), der vor seiner sechsten Saison in Bayreuth die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hatte.

Im zweiten Spiel musste Steiner die Überlegenheit von Kalev Tallinn anerkennen (86:91). Anfang der zweiten Hälfte führten die Gäste um die estnischen Basketball-Legenden Tiit Sokk und Aivar Kuusmaa sogar schon mit 68:44, erst in den Schlussminuten gelang Tony Dorsey (24) und Kollegen Ergebniskosmetik. Enttäuschend: Diesmal waren sogar nur 600 Zuschauer in die Oberfrankenhalle gekommen.

Für einen Paukenschlag sorgte Steiner im dritten Heimspiel hintereinander gegen Granada. Der Ausfall von Derrick Taylor, der in der 16. Minute nach einem Kampf um den Rebound mit einer Gehirnerschütterung das Feld verlassen und sogar ins Krankenhaus transportiert werden musste, schweißte das Team noch enger zusammen. Mit einer Energieleistung und 16 Punkten von Steven Hutchinson erkämpften sich die Bayreuther einen 81:66-Sieg, mit einer Bilanz von 2:1-Siegen stand ihnen das Tor zur Endrunde plötzlich offen.

Der plötzliche Abgang von Derrick Taylor nach Pistoia (Italien) und der Wechselwunsch von Tony Dorsey bestätigten im Herbst 1996 jedoch die schon seit vielen Monaten kursierenden Gerüchte über die finanziellen Probleme des Vereins. Immerhin konnte Dorsey dazu überredet werden, die Korac-Cup-Vorrunde noch in Bayreuth zu beenden. Mit einem 90:83-Erfolg im ersten Auswärtsspiel in Szekesfehervar übernahm Steiner sogar die Tabellenführung in Gruppe J. Nach der einkalkulierten 79:90-Niederlage in Tallinn (Rodney Blake/19) kam es schließlich zum eingangs beschriebenen „Endspiel“ in Granada.

Nach der Saison änderte der Verein seinen Namen von Steiner in Basket Bayreuth, zwei Jahre später folgten der Abstieg aus der Bundesliga und der Neubeginn in der Regionalliga. Die Partie in Granada war für fast 21 Jahre der letzte Auftritt einer Bayreuther Mannschaft im Europapokal.

Europapokal-Kader der Saison 96/97:

Derrick Taylor, Nikos Kosmas, Alex Krüger, Dirk Vogel, Andre Bade, Holger Eggers, Steven Hutchinson, Yannis Papadopoulos, Tony Dorsey, Nils Becker, Rodney Blake.

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