Esskultur Kampf um die Dorfwirtshäuser

KULMBACH. Europäische Experten setzen bei ihrer Tagung in Kulmbach ein Zeichen für den Erhalt der Esskultur. Genussregion und Bierland Oberfranken gelten als Musterknaben - bis auf eine große Ausnahme.

Das knusprige Schäufele und die leckere Gänsebrust von Elfriede Frank ist nur noch eine Erinnerung. "Wenn ich daran denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen", sagte Oberbürgermeister Henry Schramm. Seit dem Tod der Wirtin im Sommer 2017 steht die Einkehr zur Schmiede im Kulmbacher Stadtteil Blaich leer. Im Mönchshof-Bräuhaus nebenan hat sich auch noch kein neuer Pächter gefunden.

Das Umfeld für die Gastronomie wird schwieriger. In der Stadt und auf dem Land haben viele ehemalige Wirtshäuser dicht gemacht. Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) nimmt den Kampf auf, um die einzigartige Kultur zu erhalten. In Kulmbach haben die Fachleute engagierte Mitstreiter gefunden.

Vielfalt erhalteun und bewahren

Bei der Tagung "Ess- und Tafelkultur - Kultureller Austausch in Europa" sind derzeit Experten aus dem In- und Ausland in den Mönchshof-Museen in Kulmbach zu Gast. Sie sprechen unter anderem darüber, wie sich die Vielfalt erhalten lässt und bewahrt werden kann.

"Unsere Kultur verträgt im Lauf der Zeit durchaus Veränderungen, aber keine radikalen Schnitte", erklärte BHU-Präsidentin Herlind Gundelach im Gespräch mit dem Kurier. "Wir sind sicher keine Ewiggestrigen", betonte sie. Es gehe darum, sich in behutsamen Schritten zu verändern und dabei das Erbe zu bewahren. Denn in all ihren Facetten sei unsere heutige Ess- und Tafelkultur das Ergebnis einer langen Kulturgeschichte.

Davon hat Oberfranken enorm viel zu bieten. Bedenken äußerte dennoch Landrat Klaus Peter Söllner. Denn das Gasthaussterben schreite schnell voran. Als Vorsitzender der Vereine Genussregion und Bierland Oberfranken beobachtet Söllner die Entwicklung mit Sorge. "Wir sehen den Erhalt unserer Dorfwirtshäuser als ein zentrales Anliegen", betonte der Landrat. Die neue bayerische Landesregierung habe das Thema sogar in ihren Koalitionsvertrag geschrieben.

Viele schwere Schläge

Verheerend greife das Problem in Oberfranken weiter um sich. Es habe schon viele schwere Schläge gegeben. "In dem Bereich ist die Welt bei uns nicht in Ordnung", sagte Klaus Peter Söllner. Dass dennoch die europäische Hochkultur des Genusses in Oberfranken bis heute besonders ausgeprägt ist, daran gebe es keinen Zweifel.

Eine sehr positive Entwicklung sei bei den Brauereien zu beobachten. Auf den Dörfern werden die alten Brauhäuser wieder zum Leben erweckt. Die Traditionen können fortgeführt und die historischen Gebäude erhalten werden, freute sich Klaus Peter Söllner. Landschaft und Genuss bleiben in unnachahmlicher Weise verbunden. Auch die große Zahl an Metzgereien, Bäckereien und Brennereien zeige die hohe kulturelle Vielfalt.

Kulmbach ist der Sitz von weltweit agierenden Lebensmittelherstellern, daran erinnerte Oberbürgermeister Henry Schramm. Der typische Geruch nach Malz und nach Gewürzen gehöre in der Stadt einfach dazu. Gleichzeitig sind am Standort zahlreiche Behörden angesiedelt, bei denen es ebenfalls um das Thema Ernährung geht.

Zahlreiche Keller und Stollen

Das Stadtoberhaupt lobte die Absicht des Bundes Heimat und Umwelt, nicht nur die Esskultur und die Gasthäuser zu bewahren, sondern auch die oberfränkischen Bierkeller. Auch Kulmbach habe zahlreiche solche Keller und Stollen, die sich hauptsächlich am Burgberg befinden. Die Stadt bietet dort seit einiger Zeit Führungen an und stößt dabei auf ein riesiges Interesse, sagte Henry Schramm. Dieser Zuspruch zeige, dass auch der Bevölkerung der Erhalt der Kultur am Herzen liegt.

Norbert Heimbeck, der Geschäftsführer der Genussregion Oberfranken, betonte in seinem Vortrag, dass die Region noch viel mehr zu bieten hat als die Leitprodukte Bier und Bratwürste. Die Genussregion sei nicht nur ein immaterielles Weltkulturerbe. Die Limmersdorfer Lindenkirchweih, das Flechthandwerk oder das Flößerwesen gehören ebenfalls zur gelebten Kultur.

Aus kulinarischer Sicht sei derzeit ein Trend zu beobachten, der viel mit Rückbesinnung und Bewahrung zu tun hat. "Die Menschen kochen wieder alte Rezepte nach", stellte Norbert Heimbeck fest. Das führe dazu, dass die Vielfalt erhalten bleibt.

Erhalten durch Essen

Das kulturelle Erbe zu bewahren, funktioniert nämlich am besten durch das Tun, sagte der Geschäftsführer der Genussregion. Erhalten durch Essen - so laute das Motto. "Wir müssen zeigen, wie gut unsere Rezepte schmecken", forderte Heimbeck.

Kulinaristik habe sehr viel mit Heimat zu tun, sagte Bezirksheimatpfleger Professor Dr. Günter Dippold. "Heimat ist ein Gefühl. Es haftet an den Gerüchen und Geschmäckern und es stiftet Identität."

Kulmbach sei durch das Brauwesen schon vor 180 Jahren im ganzen Land und darüber hinaus bekannt gewesen, daran erinnerte der Bezirksheimatpfleger. Als Lebensmittel-Cluster zehre die Bierstadt bis heute von ihrem Erbe.


Der BHU

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) wurde 1904 gegründet und setzt sich für die Kulturlandschaften und die dort lebenden Menschen ein. Mit einer halben Million Mitglieder gilt der BHU nach eigenen Angaben als größte kulturelle Bürgerbewegung dieser Art in Deutschland. Der BHU ist der Bundesverband für Bürger- und Heimatvereine. Er will nicht nur Werte bewahren, sondern als Ideengeber und Vermittler dazu beitragen, dass die Bürger aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfeldes arbeiten. Die aktuelle BHU-Tagung "Ess- und Tafelkultur" in Kulmbach findet im Rahmen des europäischen Kulturerbejahres 2018 statt.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading