Erhärtete Indizien Dealer im Alltagsstress

Das rauschgift stammt meist aus Tschechien und sieht so aus wie auf diesem Foto der Polizei. Archivfoto: Alexander Czech / Polizei Bayreuth

BAYREUTH. Ein Belastungszeuge, der bedroht worden sein will, konspirative Telefonate mit Codewörtern in Sintisprache, exakte Beobachtungen und Telefonmitschnitte – in einem Prozess um mutmaßlich schwungvollen Drogenhandel in der Altstadt verdichten sich die Indizien. „Dem Gericht reichen die Anhaltspunkte eigentlich“, deutete der Strafkammervorsitzende Bernhard Heim am dritten Verhandlungstag gegen zwei Angeklagte an.

Die Männer im Alter von 42 und 46 Jahren sollen zwischen August und Oktober vergangenen Jahres insgesamt mindestens 250 Gramm Crystal Speed an die Süchtigen in der Szene in Bayreuth abgesetzt haben – und dabei kräftig verdient haben: Mit 14 000 Euro setzt die Anklage den Marktwert der Drogen an. Abnehmer des aus Russland stammenden Duos sollen zwei Schwestern gewesen sein, die bei der Kripo amtsbekannt sind. Umschlagplatz für die Drogen war nach den Ermittlungen der Drogenfahnder eine Wohnung in der Altstadt, in der eine der Frauen lebte und die in den Wochen vor der Festnahme der Dealer Ende Oktober überwacht worden war.

Die zwei Schwestern sollen das von den Angeklagten gelieferte Rauschgift weiterverkauft haben. Wie das System war, berichtete ein 33-jähriger Belastungszeuge, der selbst wegen Drogenhandels im Gefängnis sitzt. Der Syrer sagte, er habe ursprünglich nur Haschisch konsumiert, dann habe ihn eine der Schwestern zum Crystal Speed gebracht, mit den Worten: „Ich habe was viel besseres.“

Profit in ein Haus in Russland investiert

Der Belastungszeuge sagte aus, in der Wohnung der einen Schwester sei er ständig Gast gewesen, um von der Frau Crystal zu kaufen. Er sei von der Frau nicht nur süchtig gemacht worden, sondern auch zum Dieb: Die Frau habe Diebesbeute wie Handys, Computer oder Parfüm zu Geld gemacht. Geld, mit dem möglicherweise die Angeklagten bezahlt wurden. Der Zeuge sagte, er habe in der Wohnung oft den älteren Angeklagten gesehen – der habe stets Wert darauf gelegt, dass er mit der Wohnungsinhaberin allein sein konnte. Der Zeuge musste sich dann kurz ins Bad entfernen. Er sagte aber aus, seine Dealerin habe ihm gesagt, der „Russe“ liefere Drogen. Und er bestätigte Erkenntnisse von der Wohnungsdurchsuchung der Polizei: Die Dealerin hatte in der Wohnung einen Tresor mit Bargeld und Drogen darin. Der Zeuge berichtete auch, dass er gehört habe, dass der „Russe“ von seinen Gewinnen aus dem Drogenhandel in seiner Heimat ein Haus gekauft oder gebaut habe. Und: Er selbst sei im Vorfeld dieses Prozesses im Gefängnis mit „umbringen“ bedroht worden, falls er in dem Fall aussage.

Die Kripo war durch einen anonymen Tipp auf den Fall aufmerksam geworden. Es dauerte einige Zeit, bis die Ermittler die zwei Angeklagten identifiziert hatten und ihre Telefone anzapfen konnten. Am 21. Oktober 2018 fuhr der 42-Jährige nach Tschechien. Eine Kontrolle auf der Rückfahrt ergab zunächst nur, dass der Mann stark unter Amphetamineinfluss stand. Wie sich herausstelle, hatte der Mann es in einem unbemerkten Moment geschafft, in der Polizeidienststelle in Schirnding ein Päckchen mit 38 Gramm Crystal in einen Aschenbecher fallen zu lassen. Nur weil der Mann das seinem Komplizen am Telefon erleichtert erzählte, kamen die Ermittler dahinter.

Die telefonischen Bestell- und Lieferverhandlungen zwischen dem älteren Angeklagten und seiner Abnehmerin sind aufgezeichnet. Auf Antrag der Verteidiger Stephan Schultheis und Tobias Liebau wurden die Gespräche, die in einem Mischmasch aus Sintisprache und Deutsch mit russischem Akzent geführt sind, im Prozess vorgespielt: Darin fragt der Angeklagte nach Geld und sagt getarnt in Sinti: „Gibts du uns Geld?“ Der Begriff „Drogen“ oder „Stoff“ wird strikt vermieden, die mutmaßliche Bestellung einer Menge wird mit „Bring uns zwei oder besser fünf“ – gemeint sind Gramm – umschrieben. Zeitgleich zu der Telefonüberwachung waren außerhalb der Wohnung in der Altstadt Zivilfahnder postiert, die beobachteten, wie der jüngere Angeklagte seinen Komplizen per Auto in die Altstadt brachte. Auf den Telefonmitschnitten ist zu hören, wie der Mann vor Betreten der Wohnung mit seinem Handy „anklingelte“.

Der Prozess wird fortgesetzt.

 

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