Erfolgsautorin Hansen in Bayreuth Sterben der Dorfkultur: "Ein Zeitalter geht zu Ende"

"Marret ist wie aus dichtem Nebel auf mich zugekommen": Dörte Hansen über ihre manchmal recht schrulligen Gestalten. Foto: Sven Jaax/red

BAYREUTH. Mehr als eine halbe Million verkaufte Exemplare, begeisterte Kritiker: Dörte Hansens Debütroman "Altes Land" war einer der sensationellsten Erfolge der vergangenen Jahre. Auch mit ihrem neuen Buch "Mittagsstunde" schafft sie das Kunststück, anspruchsvoll und zugleich fesselnd zu erzählen. Am Freitag liest sie in der Buchhandlung Rupprecht in Bayreuth aus "Mittagsstunde". Wir sprachen mit ihr über Ruhm, Verlust von Identität und vom Ende des Dorfes, wie es die Menschen über lange Zeit kannten.

Mir fällt im Moment kein Debütroman ein, der so erfolgreich war wie "Altes Land". Wie verändern Geld und Ruhm das Leben?

Dörte Hansen: Ich konnte ohne finanziellen Druck mein zweites Buch schreiben, das war ein großes Glück. Was den Ruhm angeht: Ich muss mir zuhause immer noch den Kaffee selbst kochen und mich beim Gemüsehändler auf dem Husumer Wochenmarkt hinten anstellen. Eigentlich skandalös, wenn ich darüber nachdenke...

Kritiker sprachen vom Hansen-Sound: Was macht diesen Sound aus?

Hansen: Ich ringe beim Schreiben um Verdichtung, Klarheit und Reduktion. Lieber ein Wort zu wenig als eines zu viel! Und natürlich klingt das Norddeutsche ein bisschen durch. Ein Leser schrieb mir, dass meine Bücher eine Art „plattdeutschen Unterton“ hätten. Das könnte stimmen.

"Ein Strukturwandel in ganz Europa"

Ihr neuer Roman spielt zu weiten Teilen in dem Dorf Brinkebüll. Man wird es vergeblich auf Landkarten Norddeutschlands suchen. Abgesehen davon, dass Platt gesprochen wird: Könnte ich auch in Oberfranken, in der Schweiz oder in Österreich danach suchen? 

Hansen: Die Menschen in Brinkebüll erleben, wie ihre bäuerliche Welt untergeht. Das alte Dorf verschwindet. Dieser Verlust der Dorfkultur betrifft nicht nur Norddeutschland. „Brinkebüll ist überall,“ schrieb eine hessische Journalistin, und ich glaube tatsächlich, dass die Folgen des Strukturwandels auf dem Land in ganz Europa spürbar sind.

"De Welt geiht ünner": Das Dorf als in sich abgeschlosses Mini-Universum wandelt sich, so wie es sich immer wandelte. Sehen Sie es nunmehr am Verschwinden?

Hansen: Der Wandel, der sich seit den 1960ern in den Dörfern vollzieht, hat eine neue Qualität. Da geht wirklich ein Zeitalter zu Ende, es verschwinden gerade die letzten Reste der Agrargesellschaft. Die Ära der Sesshaftigkeit, die im Neolithikum begonnen hat, geht nun zu Ende - so deute ich diese Entwicklung jedenfalls in meinem Roman.

Ist der Protagonist Ihres neuen Buches deswegen Archäologe? Oder weil man so trefflich über schrullige Wissenschaftler scherzen kann? (Hat sich übrigens Marcus JunkelmannIst der Protagonist Ihres neuen Buches deswegen Archäologe? Oder weil man so trefflich über schrullige Wissenschaftler scherzen kann? Hat sich übrigens Marcus Junkelmann schon bei Ihnen gemeldet, der Experimentalarchäologe, der in Legionärsrüstung als Römer die Alpen überquerte?

Hansen: Ich wollte einen Protagonisten, der die Entwicklung seines Dorfes historisch einordnen kann, und ich finde, als Wissenschaftler darf man ruhig ein bisschen „schratig“ sein. Es gibt diese leicht exzentrischen Typen natürlich nicht nur in der Archäologie! Herr Junkelmann und seine Kollegen mögen mir den kleinen Seitenhieb auf die Experimentalarchäologie verzeihen. Ich bin schon seit Thor Heyerdahls Kon-Tiki-Exkursion von dieser Art der Wissenschaft fasziniert.

"Laden und Gasthof sind das Minimum"

Wie würden Sie das Verhältnis von Städter und Dorfbewohner bezeichnen? So ähnlich wie das Verhältnis zwischen Besucher und Heimatmuseum?

Hansen: Wie zwischen Romantikern und Realisten!

Was gehört für Sie zu einem gesunden Dorf?

Hansen: Ein Laden und ein Gasthof sind eigentlich das Minimum.

Wo sind Sie der Gestalt der Marret begegnet?

Hansen: Marret ist wie aus dichtem Nebel auf mich zugekommen, zuerst habe ich nur das Klappern ihrer Holzlatschen gehört. Ganz allmählich nahm sie Formen an. Es gibt in jedem Dorf ein paar einsame, seltsame Menschen, in meinem Heimatdorf gab es sie auch, aber ich hatte für Marret kein lebendes Vorbild.

Auch das zweite Buch scheint auf Erfolg programmiert. Schafft Ihnen das Druck fürs Dritte? Gibt es da schon eine Idee?  

Hansen: Ich freue mich jetzt erstmal über die große Resonanz auf „Mittagsstunde.“ Im Moment bin ich ganz planlos und drucklos zufrieden!

INFO: Dörte Hansen liest am Freitag, 23. November, um 20 Uhr in der Buchhandlung Rupprecht an der Maximilianstraße 59 in Bayreuth aus ihrem Roman "Mittagsstunde". Eintritt: 10 Euro.

 

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