Entlassmanagement Kliniken drohen Regressforderungen

Kommen und Gehen am Eingang des Klinikums Bayreuth: Viele Patienten, die das Klinkum verlassen, brauchen danach noch Rezepte, Hilfsmittel oder Krankschreibungen. Das klappt nicht immer gleich gut. Foto: Archiv/Andreas Harbach

BAYREUTH/MÜNCHEN. Tausende Patienten, die jedes Jahr in Bayreuth aus dem Krankenhaus entlassen werden, brauchen auch nach dem Klinikaufenthalt noch Unterstützung, weil sie nicht ganz gesund sind: Arzneimittel, Rollstühle, Pflegebetten, ambulante Pflege, Haushaltshilfe, Reha- oder Pflegeplätze. Seit gut einem Jahr haben Patienten bundesweit einen Rechtsanspruch auf ein sogenanntes Entlassmanagement. Wenn sich Kliniken dabei Fehler erlauben, drohen ihnen jetzt finanzielle Einbußen.

Zuständig für das Entlassmanagement an Krankenhäusern sind die Sozialdienste. Dessen Leiter am Klinikum Bayreuth ist Andreas Berghammer. Jeder Fünfte der gut 40.000 Patienten, die das Klinikum Bayreuth jedes Jahr verlassen, brauche noch Unterstützung zuhause, schätzt er. Diese Fälle tragen Ärzte und Pflegepersonal des Klinikums an den 16-köpfigen Sozialdienst heran. „Wir machen diese Arbeit schon seit Jahren“ sagt Berghammer.

Arzneiverordnungen bei Entlassung

Seit Oktober 2017 aber gibt es nach langen Streitigkeiten zwischen Deutscher Krankenhausgesellschaft, Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung einen Rahmenvertrag, an den sich alle deutschen Krankenhäuser beim Entlassmanagement halten müssen. Neu ist darin zum Beispiel, dass der Sozialdienst die Arzneiverordnungen durch einen Arzt für den zu entlassenen Patienten organisiert.  

Das müsse sich erst noch einspielen, sagt Berghammer. Die Regel sei bisher, dass das Klinikum Patienten, die am Freitag oder Samstag entlassen werden,  die nötigen Arzneien mitgebe, so dass sie übers Wochenende reichen. Danach müsse der Patient sich seine Arzneien vom niedergelassenen Arzt verordnen lassen. Laut Rahmenvertrag können vom Krankenhausarzt nun Arzneien für bis zu sieben Tage verordnet werden.

Notfälle nicht mit Papierkram belasten

Was in Kliniken zum Beispiel für Unmut sorgt: Patienten müssen ein Formblatt unterschreiben, dass sie mit dem Entlassmanagement und der damit verbundenen Datenverarbeitung einverstanden sind. Berghammer hält das für nicht immer praktikabel: „60 Prozent unserer Patienten kommen über die Notaufnahme. Solche Notfälle können wir nicht mit Papierkram belästigen.“ Wenn die Unterschrift nicht gleich bei Ankunft geleistet wird, könnten die Patienten der Bürokratie durchrutschen. Berghammer spricht von „bürokratischem Wahnsinn, der an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht“.

Das könnte teuer werden

Seit dem 1. Januar 2019 drohe den Kliniken sogar Regress, wenn sie beim Entlassmanagement Fehler machen, sagt Klinikumssprecher Frank Schmälzle. Das könne ein Formfehler sein, eine vergessene Arzt- oder Betriebsnummer, das könne die Verordnung der falschen Packungsgröße für Tabletten sein oder die Verschreibung einer zu teuren Arznei – also Verstöße gegen das Wirtschaftlichkeitsverbot. Dann drohen Kliniken Regressforderungen durch Krankenkassen, „und das könnte bei unseren vielen Patienten teuer werden“, sagt Schmälzle.

AOK prüft Umsetzung

Die AOK Bayern bestätigte die Möglichkeit der Regresse bei fehlerhaftem Entlassmanagement durch Krankenkassen. Wie die konkrete Umsetzung aussehen wird, weiß sie allerdings selbst noch nicht. Das werde „derzeit geprüft“, teilte ein Sprecher dem Kurier auf Anfrage mit.  

Kärtchen für die Kitteltaschen

Das Klinikum hat seinen Mitarbeitern schon mal auf Informationsblättern eingeschärft, wie wichtig ein korrektes Entlassmanagement ist. Jeder Arzt, der entsprechende Verordnungen ausstellen darf, hat extra einen eigenen Stempel bekommen, auf denen die vorgeschriebenen Angaben vermerkt sind: Eine Telefonnummer zum Beispiel, wie man am Samstag von 10 bis 14 Uhr zu erreichen ist. Und an Ärzte wurden Checklisten in Form von Kärtchen für die Kitteltaschen verteilt, wie sie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen fehlerfrei ausfüllen müssen.

Betroffen vom Thema Regress dürften auch die Bezirkskrankenhäuser sein, aber in welchen Umfang, ist noch unklar. Prof. Thomas Kallert, Ärztlicher Direktor der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken, sagt: „Wir sind neugierig und gespannt“. Die Ankündigung passe in das Gesamtbild, dass sich Krankenhäuser immer öfter Prüfungen durch Krankenkassen stellen müssten.

"Qualität unterschiedlich"

Niedergelassene Ärzte halten Verbesserungen beim Entlassmanagement der Kliniken im Prinzip für wünschenswert. Dr. Petra Reis-Berkowicz,  Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbandes, hat in ihren rund 30 Jahren als Hausärztin in Gefrees schon viel mit Patienten erlebt, die aus dem Krankenhaus kommen: dass sie  ohne Medikamente fürs Wochenende am Freitagabend entlassen werden, dass in Entlassbriefen an den Hausarzt die nächsten Therapieschritte nicht genannt werden,  dass Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen fehlen – was im Extremfall dazu führen kann, dass Patienten aus ihrer Krankenversicherung rausgeworfen werden. 

„Die Qualität des Entlassmanagements ist sehr unterschiedlich. Was das Klinikum Bayreuth betrifft, hängt das von der Station ab“, sagt sie.  Bei manchen Stationen laufe es super, die Verzahnung mit den Hausärzten sei vorbildlich, andere kümmerten sich nicht. Das könne auch damit zusammenhängen, dass Assistenzärzte sehr häufig wechselten.

Nur Einzelfälle

Ihre Erfahrungen decken sich mit der Einschätzung von Dr. Stefan Wirth, Vorsitzender des Hausärzteverbands Bayreuth. Fälle wie der eines Patienten, der nach sieben Monaten Krankenhausaufenthalt am Freitagnachmittag entlassen worden sei, „und es war nichts vorbereitet“, seien krasse Ausnahmen. Probleme beim Entlassmanagement seien Einzelfälle geworden. Das Klinikum habe ein Beschwerdeformular herausgegeben, mit dem man als Arzt Rückmeldung bei  Schwierigkeiten geben könne.

Reis-Berkovicz sagt: Krankenhäuser seien Budgets und Regressforderungen, denen niedergelassene Ärzte seit langem ausgesetzt sind, nicht gewöhnt. Mit dem neuen Rahmenvertrag für das Entlassmanagement gelten diese Beschränkungen auch für sie, das sei ihnen unangenehm. Aber die Krankenhausgesellschaft habe den Rahmenvertrag unterschrieben. „Also müssen sich die Krankenhäuser auch daran halten.“


Lückenhafte Information

Nach einer Umfrage der Krankenkasse HKK unter ihren Versicherten ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Rahmenvertrags waren nur gut ein Drittel der befragten Krankenhauspatienten über das Pflichtangebot ihres Krankenhauses zum Entlassmanagement informiert worden. Nur gut ein Viertel der Patienten wurde schriftlich über Inhalt und Ziele in Kenntnis gesetzt. 38 Prozent der Patienten, die wegen ihres Krankenhausaufenthaltes eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigten, erhielten diese nicht.

 

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