Eltern behinderter Kinder schlagen Alarm

Der Bezirk Oberfranken sieht Bedarf für neue Betreuungseinrichtungen in Bayreuth. Es brauche nur einen Träger. Die Diakonie Bayreuth könnte ein solcher Träger sein. Der Geschäftsführer verweist auf das Problem der Finanzierung. Für Eltern wie Helmut Billenstein (69) und Karlheinz Schuder (70) drängt die Zeit. Sie können ihre behinderten Kinder bald nicht mehr zu Hause betreuen.

Karlheinz Schuder sitzt am Küchentisch mit seinem Sohn Frank (40) und schüttelt den Kopf. „Darüber kann ich nicht mit ihm sprechen. Das ist ein Tabuthema.“ Schuder ist 70. Er hat nach dem plötzlichen Tod seiner Frau vor 38 Jahren die drei Kinder alleine durchgebracht. Der Jüngste mit geistigem Handicap. „Da gibt dir das Leben auf einmal so eine Aufgabe und dann machst du das.“ Er hätte eher seinen Beamtenjob an den Nagel gehängt und von Sozialhilfe gelebt, als Frank in ein Heim zu geben. Jetzt könne er aber nicht mehr die Augen davor verschließen, dass das irgendwann ein Ende hat.

Schlechtes Gefühl und schlechtes Gewissen

Helmut Billenstein (69) ringt die Hände. Er habe ein „ganz schlechtes Gefühl“ und ein „furchtbar schlechtes Gewissen“ bei der Vorstellung, dass er seine Sophia (29) einmal wird weggeben müssen. Sein spastisch gelähmtes Kind sei ein „lebenslustiger Mensch“, gehe gern arbeiten in der Werkstatt für Behinderte, aber wenn das Thema „Heim“ angeschnitten werde, falle sie in sich zusammen.

Die beiden Väter organisieren die Freizeit ihrer Kinder. Wenn Frank und Sophia nicht in der Werkstatt für Behinderte arbeiten, sollen sie etwas erleben. Die Väter fahren sie ins Schwimmbad, zum Kegeln, zum Stammtisch ins Dubliner, Aktionen, damit die Kinder „unter sich“ sind, „Kontakt mit Gleichaltrigen haben“, nicht nur mit den Eltern. Wenn Schuder und Billenstein ihre Kinder jetzt weggeben müssten, müssten die Kinder umziehen. Wohl nach Himmelkron oder Michelfeld.

Wie soll er seine Tochter besuchen?

Die Betreuungsplätze in Bayreuth sind rar. „Bei der Vorstellung wird mir ganz anders“, sagt Billenstein. Die Situation mit zunehmendem Alter weite Wege fahren zu müssen, um seine Tochter sehen zu können, mache ihn „hilflos“. Zumal er meint, abschätzen zu können, was es für seine Tochter bedeuten würde, den bisher bekannten Bezug zu verlieren. „Das wäre ein Desaster.“ Wer auf Hilfe angewiesen sei, könne sich nicht so gut selbst helfen.

Schuder schaut seinen Sohn an. „Du bist schon einer.“ Die beiden lachen sich an. Die Väter engagieren sich im Elternbeirat der Werkstatt für Behinderte. Sie wollen die anderen Eltern anschreiben, wer ähnliche Probleme hat wie sie, und den Bedarf ermitteln.

Träger mit Konzept gesucht

Die Diakonie geht davon aus, dass Bayreuth zwei weitere Betreuungseinrichtungen mit je 24 Plätzen gebrauchen kann. Der Bezirk geht sogar noch weiter. Bei 330 Plätzen in der Werkstatt für Behinderte gebe es nur 100 Wohnheimplätze. „Wir wollen, dass dort gewohnt werden kann, wo gearbeitet wird“, sagt Bezirkssprecherin Monika Hopf. Der Bezirk würde „nur“ auf einen Träger warten, der ein Konzept hat. Dann entscheide der Sozialausschuss.

Die Diakonie Bayreuth ist ein möglicher Träger. Sie betreibt drei Wohngruppen in der Stadt mit gut 70 Plätzen und die Werkstatt für Behinderte. Geschäftsführer Franz Sedlak sieht den Markt für neue Betreuungseinrichtungen. Es sei ein „mindestens physisches Beschwernis“, wenn die Mitarbeiter zu weite Strecken zwischen Wohnort und Werkstatt zurücklegen müssten. Es gebe bereits „Gespräche und Planungen in Richtung neuer Wohneinheiten, aber wir können nicht zaubern“.

Diakonie braucht stabile Bilanzen

Die erste Herausforderung eines solchen Projekts liege in der Vorfinanzierung. Die Diakonie müsse die finanzielle Stabilität haben, um das schultern zu können. „Und dafür brauchen wir einige Jahre stabile Bilanzen“, sagt Sedlak und spielt auf das Schutzschirmverfahren für den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Verein „Hilfe für das behinderte Kind“ an. Die zweite Hürde sei, dass der Bedarf über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt.

Der Bedarf sei gegeben, sagt Bettina Wurzel, Behindertenbeauftragte der Stadt Bayreuth. Die Bevölkerung werde immer älter, habe allein durch das Alter mit seinen Begleiterscheinungen und Handicaps einen wachsenden Betreuungsbedarf.

Bisher kein Antrag beim Bezirk

Sedlak stellt eine „Übergangslösung“ mit einem Kooperationspartner in Aussicht. „Um die Zeit des Wartens auf neue Einrichtungen in Bayreuth zu überbrücken.“ Noch ist allerdings kein Antrag der Diakonie beim Bezirk eingegangen. Behindertenbeauftragte Wurzel will in einer Arbeitsgemeinschaft Bezirk, Stadt und Träger an einen Tisch bringen, um „zeitnah Lösungen zu finden“.

Die beiden Väter, Helmut Billenstein und Karlheinz Schuder, sagen: „Es ist allerhöchste Zeit, dass sich jemand in Bayreuth für die Inklusion verantwortlich fühlt und endlich etwas tut.“

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Aktionsplan Inklusion

Michael John vom Bamberger Basisinstitut erarbeitet seit gut einem Jahr im Auftrag des Stadtrats einen Aktionsplan für die Inklusion in der Stadt. Alle Bürger und Institutionen waren aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Viele sind dem Aufruf gefolgt. Mittlerweile liegt die vorläufige Endfassung vor, mehrere Hundert Seiten stark. Im Dezember soll der Stadtrat darüber beschließen. Die Probleme in Bayreuth unterschieden sich nicht sehr von denen in ganz Bayern, sagt John. Die Barrierefreiheit und der Zugang zum Arbeitsmarkt seien überall schwierig. Ein „besonderes Problem“ in Bayreuth sei aber, dass es keinen adäquaten Wohnraum für Menschen mit speziellen Einschränkungen gebe. „Wenn Sie als Mensch mit kognitiven Einschränkungen und dem Bedarf an Betreuung, aber dem Wunsch nach einem hohen Grad an Selbstständigkeit in Bayreuth wohnen wollen, haben Sie ein Problem“, sagt John.

In Bayreuth gebe es zu wenig Träger sozialer Einrichtungen und die bestehenden Träger bewegten sich nicht schnell genug in die Richtung des Bedarfs. Der Bezirk unterstütze zwar, greife aber nicht offensiv in die Situation ein, sagt John. „In anderen Bundesländern haben die Bezirke das Problem angepackt und planen selbst und bedarfsgerecht. In Bayern geht man das eher an wie in einer Volkshochschule.“ Mit solcher Generalkritik tut man sich beim Bezirk schwer. Da müsse man sich schon im Detail unterhalten, sagt die Sprecherin des Bezirks, Monika Hopf. Der Aktionsplan Inklusion werde detaillierte Handlungsempfehlungen enthalten, sagt John, unter anderem für die Träger sozialer Einrichtungen, den Bezirk, die Stadt und die Wohnungsbaugesellschaften.

Für Bettina Wurzel, Behindertenbeauftragte der Stadt, kann jeder zum Gelingen der Inklusion beitragen: aufgeschlossen und sensibel für Barrieren in seinem Umfeld sein und die eigenen Barrieren im Kopf abbauen.

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