Ehemaliges Heimkind Frische Luft gab's nur am Fensterspalt

Das Haus Ruth in Neuenmarkt: Hier war vor 50 Jahren ein Mädchenerziehungsheim untergebracht. Foto: Andreas Harbach

NEUENMARKT/HOF. Sie hat gekämpft und am Ende gewonnen: Marion M. war in ihrer Jugend im Mädchenerziehungsheim Haus Ruth der Diakonissen des Mutterhauses Hensoltshöhe in Neuenmarkt untergebracht. Nach unserer Berichterstattung über die vier Jahre von Sonja Djurovic in diesem Haus meldete sich Marion M. beim Kurier und berichtete ihre Erlebnisse.

Marion M. lebt in Hof und nennt ihren vollen Namen, doch sie möchte ihn nicht  veröffentlicht haben, weil sonst alle ihre Bekannten wüssten, dass sie als Kind in einem Heim lebte. Sie und zwei ihrer Geschwister, uneheliche Kinder, seien in den 60er Jahren schon im Kinderheim bei Regensburg untergebracht gewesen, weil ihre Mutter immer wieder „verschwunden“ sei und Polizei und Jugendamt eingegriffen hätten, sagte die heute 65-Jährige. 1968 sei sie im Alter von 15 Jahren in das Mädchenerziehungsheim nach Neuenmarkt gekommen. „Dort wurden wir rund um die Uhr bewacht“, sagt sie.

Kein Lohn für die Näharbeit

Marion M.s Darstellung deckt sich in weiten Teilen mit den Berichten von Sonja Djurovic, die kürzlich für ihre Mitwirkung im Beirat der bayerischen Auskunfts- und Beratungsstelle des Zentrums Bayern Familie und Soziales (ZBFS) geehrt worden war. Auch sie habe für auswärtige Kunden des Heims nähen müssen, sagt Marion M. „Dafür habe ich nie auch nur eine Mark gekriegt.“ Eigentlich habe sie den Beruf der Krankenschwester lernen wollen. Die Fenster des Speisesaals im Haus Ruth seien mit Eisenstäben vergittert gewesen, in den Schlafräumen im Obergeschoß seien die Fenster immer nur gekippt gewesen. „Wir Mädchen waren an diesem Spalt gehangen und haben nach frischer Luft geschnappt.“

Besuch nur im Sprechzimmer

Als ihre Mutter wiederaufgetaucht sei, habe sie ihre Tochter in dem Heim alle vier Wochen besucht.  „Wir durften nicht hinaus, sondern uns nur in einem Sprechzimmer sehen.“ Am meisten gelitten habe sie unter der Oberschwester der Diakonissen. „Sie hat an meinen Ohren gezogen oder sie verdreht, dass es weh tat.“ Und sie sei mit ihrer Faust an der Wirbelsäule des Mädchens entlanggefahren, was ebenfalls schmerzhaft gewesen sei.

Briefe ans Jugendamt

Jede Woche habe sie ihrem Vormund am Jugendamt Hof einen Brief geschrieben und die Zustände in dem Heim geschildert, sagt Marion M. „Das waren die einzigen Briefe, die ich zukleben durfte.“ Nach 13 Monaten sei sie mit ihrem Kampf am Ziel gewesen: Sie wurde entlassen, kam nach Hof in ein anderes Jugendheim. „Im Vergleich zu Neuenmarkt war das eine andere Welt.“ Dort habe sie sogar bis 22 Uhr Ausgang gehabt.

Marion M. sagt, sie leide heute nicht mehr unter der Vergangenheit im Neuenmarkter Mädchenerziehungsheim. „Ich bin Kämpferin und Optimistin.“ Allerdings sei sie immer wieder in nervenärztlicher Behandlung gewesen. Erst durch den Kurier-Bericht habe sie von den Bemühungen um eine Entschädigung für ehemalige Heimkinder erfahren. Nun will sie sich mit Sonja Djurovic in Verbindung setzen und vom ZBFS beraten lassen.

Frist für Entschädigung abgelaufen

Dort kann sie in der Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder zwar weiterhin Unterstützung in Form von Auskünften, Beratung und Hilfe bei der Beschaffung alter Unterlagen bekommen, finanzielle Leistungen bewilligt der Fonds aber bereits seit dem Jahresende 2014 nicht mehr, teilte das ZBFS mit. Wer sich bis dahin nicht gemeldet hat, geht leer aus, es sei denn, es kämen zum Beispiel Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz oder Leistungen kirchlicher Träger in Frage, sagte ZBFS-Sprecher Michael Neuner.   

 

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