Egils Silins bei den Festspielen Heerrufer - zum Glück in einer königlichen Armee

"Der trete vor, der trete vor!": Egils Silins als Herrufer. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Er ist das Sprachrohr des Königs, aber noch mehr: Wagner wollte den Heerrufer des Königs im "Lohengrin" immer von allen Geschehnissen betroffen wissen, „als ob ihn alles persönlich anginge, keine Maschine“. Egils Silins feierte in dieser Rolle heuer sein Bayreuth-Debüt. Mit uns sprach er über Neo Rauchs Bühnenbild, über Regie-Einfälle, über schlimme Erlebnisse in der Armee und über Pläne, das Opernhaus wieder wie zu Wagners Zeiten herzurichten.

Was auffällt: Aus Lettland kommen auffällig viele Stars. Woran liegt das?

Egils Silins: Ich glaube, wir haben von sowjetischer Zeit nicht viele gute Dinge übernommen, aber das System der Musikschulen, überhaupt all dessen, was die Ausbildung für Musik betrifft, das gehört zu den guten Dingen. In jeder Kleinstadt gibt es eine Musikschule. Und zumindest zu meiner Zeit musste man dafür wenig zahlen. Diese Schulen nahmen nur Kinder mit Talent auf. Obwohl Lettland knapp zwei Millionen Einwohner hat, ist das Volk tatsächlich sehr musikalisch. Wir haben auch eine sehr hochklassige Chor-Kultur. Das Sängerfest findet alle fünf Jahre statt, da haben beim Abschlusskonzert über 16.000 Chorsänger teilgenommen. Und da wurden nicht alle zugelassen, sondern nur die Besten. In fast jeder Familie gibt es jemanden, der früher zumindest mal im Chor gesungen oder anderweitig mit Musik zu tun gehabt hat.

Musik ist bei Ihnen so etwas wie Breitensport…

Silins: Das könnte man fast sagen. Es ist diese Zielstrebigkeit; wenn man schon Musik lernt, dann richtig, nicht nur als Hobby. Die Programme an den Musikschulen sind ziemlich anspruchsvoll, es gibt Examen, und wenn du die nicht bestehst, hast du noch ein oder zwei Chancen. Wenn du die nicht nützt, dann fliegst du raus. Musik wird also nicht als Hobby gesehen, sondern man möchte Resultate sehen. Ich selbst habe mit ungefähr acht Jahren angefangen.

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Mit Gesang?

Silins: Nein, zuerst mit Horn und später Klarinette. Ich habe dann eine Art Musikgymnasium abgeschlossen. Aber dann gab es da ein Vorsingen für einen professionellen Chor, den Chor der lettischen Philharmonie, wohin ich aus Spaß einen Freund begleitet habe. Ich wurde aufgenommen. Und da wurde es mit dem Singen etwas ernster. Ich hatte es vorher allerdings auch schon als Zweitfach gehabt, mit einer professionellen Gesangslehrerin, die schon zu mir gesagt hatte: Klarinettisten gibt es viele, Sänger nicht. Ein zweiter Schritt war die Einberufung in die russische Armee. Als Lette (lacht)! Ich absolvierte also einige Monate lang regulären Dienst in einer Fallschirmjägereinheit. Und dann hatte ich Glück, dass ich zu einem Armee-Ensemble wechseln konnte. Ich dachte, dass ich da weiter Klarinette spielen könnte, aber da war ein besserer Klarinettist, der auch schon einen Hochschulabschluss hatte, und so blieb mir nur Singen übrig.

Über die sowjetische Armee hört man Fürchterliches…

Silins: Man kann es als durchaus nicht angenehme Erfahrung bezeichnen.

Sie wirken auf mich dennoch wie ein sehr freundlicher und entspannter Zeitgenosse. Sind Sie gut durch diese Zeit gekommen?

Silins: Die ersten drei Monate waren wirklich sehr, sehr am Limit.

Physisch oder psychisch?

Silins: Wenn es nur nach dem gegangen wäre, was eine Armee so verlangt – das wäre eine einfache Sache gewesen. Aber dann gibt es dieses Nachleben, wo dann die Soldaten, die schon mehr als ein Jahr dabei waren, ihre Tradition des Missbrauchs der Jüngeren ausgelebt haben. Das war da schon seit langem Tradition. Wenn du über ein Jahr dabei bist oder im letzten halben von den zwei Jahren Armeedienst stehst, dann hast du einen Sonderstatus und machst den Neuankömmlingen das Leben schwer. Da gab es viele junge Burschen, die das nicht ausgehalten haben.

Unser Neo-Rauch-Erklärstück

Sie haben den Weg raus geschafft.

Silins: Ja. Das Einzige, was mich später noch verfolgt hat, war dieser Traum: Ich werde wieder in die russische Armee eingezogen, ich gehe zwar zur Dienststelle und sage, dass ich doch schon gedient habe, aber die sagen zu mir: Ne, ne, wir haben Ihre Papiere nicht, Sie müssen noch mal in die Armee. Das habe ich mehrere Jahre lang immer wieder geträumt, und am Morgen wachte ich auf und war heilfroh, dass es nur ein Traum gewesen war (lacht). Aber das ist schon lange her.

Und jetzt in Bayreuth haben Sie schon wieder einen Job beim Militär. Sie sind der Heerrufer.

Silins: Aber in einer königlichen Armee.

Sie kennen all die großen Häuser. Was bedeutet da für Sie Bayreuth?

Silins: Für einen Sänger, der viel Wagner singt, ist es der ideale Raum. In einem Haus aufzutreten, das der Künstler selbst konzipiert hat, für das Orchester, das er sich vorstellte, mit der Akustik, die ihm vorschwebte – das zu erleben, ist etwas Besonderes. Man sieht dann wiederum, wie unpassend kleinere Häuser, in denen trotzdem Wagner gespielt wird, manchmal für diese Musik sind. Weil in den Orchestergraben nicht einmal hundert Leute hineinpassen und dann die Klangmischung nicht stimmt. Ich hatte die Möglichkeit, Generalproben anzusehen, und da hatte ich den Eindruck, dass die Sänger fast über Mikrofon singen. So gut war das zu verstehen.

Sie als Sänger auf der Bühne bekommen aber erst mal die Dröhnung ab. Der Klang des Orchesters flutet gegen die Schallblende und von dort direkt auf Sie.

Silins: Ich würde das nicht so ausdrücken. Wir stehen als Sänger oft ziemlich weit hinten. Mich hat eher die gute Akustik auch in den Situationen beeindruckt, in denen man nicht alleine singt. Das heißt, du kannst sehr bequem singen, die Akustik ist ja schon um dich herum, sie hüllt dich ein. Es ist eben nicht so, dass du nur den Klang in den Saal aussendest. Dadurch kann man viel besser piano singen und bei der Dynamik differenzieren. Du weißt, dass jedes Piano im Zuschauerraum gut hörbar ist, was bei vielen anderen Opernhäusern leider nicht funktioniert.

Man könne sich förmlich auf den Klang „legen“, sagen manche Sänger.

Silins: Ja, genau. Das Orchester kann ruhig auch drei Forte spielen und ist mit den Sängern immer noch in Balance. Ein großer Teil der Opernhäuser bekommt das so nicht hin. In Bayreuth können die Zuschauer höchste Qualität genießen. Wenn man ein Auto oder eine Stereoanlage kauft, will man ja auch höchste Qualität haben. Manchmal denke ich, man sollte erlauben, dass man dieses Haus mit dieser Akustik auch woanders baut.

Einen Teil des Geheimnisses kennen Sie – die Konstruktionsweise des Festspielhauses mit Holz und Ziegeln als hauptsächlichen Baumaterialien hat er aus Riga mit seinem Opernhaus mitgebracht.

Silins: Das Opernhaus in Riga ist das alte deutsche Theater, das um 1780 herum gebaut wurde. Dort hat Wagner ab 1838 zwei Jahre lang als Dirigent gewirkt. Ich habe gelesen, dass Wagner ein paar Sachen abgeguckt hat: Erstens wurde das Licht abgedämmt, das war nicht üblich. Zweitens hatte man eine Art Deckel über dem Orchestergraben, und das hat er dann übernommen. Es gibt eine Initiative mit Eva Wagner-Pasquier als Schirmherrin und unserem Ex-Premier als Vorsitzendem des Komitees, die das Haus wieder in seinen damaligen Zustand versetzen will. 2021 will diese Initiative das Haus wiedereröffnen. Die Regierung ist immer noch ein bisschen unschlüssig, in welcher Form das Theater an die Investoren vermietet werden kann. Ich bin ebenfalls im Komitee der Initiative, im Mai habe ich einer Unterführung vor dem Hauptbahnhof Holländers Monolog gesungen, um auf unser Projekt aufmerksam zu machen und die Regierung zu bewegen, dass sie in dieser Angelegenheit etwas unternimmt.

Hat’s was genutzt?

Silins: Ja, die Aktion zeitigte Wirkung. Es gibt bereits drei Planungsvarianten. Die Stadt muss später die Kosten für den Kulturbetrieb darin tragen, für die Restaurierung aber muss sie kaum etwas beitragen. Ein bisschen Probleme haben wir mit dem Grundwasser. Es kann sein, dass das den Abschluss der Arbeiten etwas verzögert.

Nochmals zurück nach Bayreuth. Der „Lohengrin“ hat wegen der Ausstattung für Furore gesorgt, wegen des Bühnenbildes von Neo Rauch. Wie wirkt die Ausstattung auf Sie?

Silins: Ich glaube, das ist eine optisch interessante, gute und gelungene Umsetzung für Bühne und Kostüme. Weil – einfach wieder im Anzug zu singen, wäre ziemlich langweilig. Ich glaube, die Zuschauer mögen es auch. Als erfolgreicher Maler hat er da eine sehr schöne Sache geschaffen.

Da gibt es diese Szene, in der Sie als Heerrufer hin- und hergeschubst werden. Warum denn das?

Silins: Ich konnte mich mit dieser Idee nicht hundertprozentig anfreunden. Also, die Idee vom Regisseur war, dass der Heerrufer als Überbringer schlechter Nachrichten gelyncht wird. Aber so schlecht sind die Nachrichten ja genau besehen gar nicht. Ich glaube, der Regisseur wollte da einfach, dass da etwas passiert, dass es nicht so unschuldig aussieht. Ein Lynchversuch, der sich glücklich wieder auflöst.

Zur Person

Der Bassbariton Egils Silins (56, den Nachnamen spricht man übrigens Silinsch aus) hat heuer in der Rolle des Heerrufers im „Lohengrin“ sein Bayreuth-Debüt gefeiert. Er stammt aus Ligatne, Lettland, und studierte an der Musikakademie seiner Heimatstadt. Bei zahlreichen Wettbewerben wurde er mit Preisen bedacht. Seinen Durchbruch erlebte er 1997 bei den Bregenzer Festspielen in der Titelpartie der Oper „Der Dämon“ von Rubinstein. Seitdem führten und führen ihn zahlreiche Verpflichtungen an die bedeutendsten internationalen Festspiele und Opernhäuser unter anderem in London, Paris, Wien, Mailand, Brüssel, New York, Chicago, Berlin, Dresden, München, Petersburg, Barcelona und Madrid. Sein Repertoire umfasst Partien wie Pizarro (Fidelio), Amfortas (Parsifal), Wotan (Das Rheingold, Die Walküre), Scarpia (Tosca), Mandryka (Arabella), Jochanaan (Salome) und die Titelpartie im „Holländer“.

 

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