Dreier ohne Ende Medi Bayreuth empfängt Sensations-Aufsteiger Vechta

Das Doppeln gegen den Aufbauspieler ist ein zentraler Aspekt in der Verteidigung von Rasta Vechta. In dieser Szene lief der Bamberger Ricky Hickman (rotes Trikot) in die Falle von Chris Carter und Seth Hinrichs (rechts). Foto: Imago

BASKETBALL. Sie bezeichnen sich selbst als „der geilste Club der Welt“ und spielen momentan auch wirklich einen geilen Basketball. Die Rede ist von Aufsteiger Rasta Vechta, der am Sonntag um 15 Uhr als sensationeller Tabellendritter zum Bundesligaspiel bei Medi Bayreuth (8.) in die Oberfrankenhalle kommt.

Angesichts dessen verwunderte es schon etwas, dass Erfolgstrainer Pedro Calles bei der Allstar-Wahl mit 24,34 Prozent der Stimmen nur auf dem zweiten Platz landete – und das sogar mit deutlichem Abstand zu seinem spanischen Landsmann Alejandro Garcia Reneses (33 Prozent) von Alba Berlin, der mit seinen 72 Jahren fast der Großvater von Calles sein könnte. Den Vizemeister, bei dem die Bayreuther am vergangenen Sonntag mit 68:86 in der Bundesliga die vierte Niederlage in Folge bezogen, fegte Vechta übrigens mit 80:69 aus der Halle.

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Als jüngster Trainer der BBL ist der 35-jährige Calles zwar mittlerweile vom noch 401 Tage jüngeren Bamberger Federico Perego abgelöst worden. Der Höhenflug des Klubs aus der niedersächsischen Provinz – die im Städtedreieck Bremen, Oldenburg und Osnabrück gelegene Kreisstadt zählt etwa 32 000 Einwohner – hält aber unvermindert an. Zur aktuellen Siegesserie von acht Spielen zählen das 85:67 in Bamberg (5.) und ein 112:92 gegen Ludwigsburg (9.). Zudem gewinnt Vechta auch knappe Spiele wie vor einer Woche gegen den Mitteldeutschen BC am Ende scheinbar souverän (89:79). „Vechta hat eine ganz klare Identität: Energie, Aggressivität, Pressing“, erklärt Medi-Coach Raoul Korner, was den kommenden Gegner auszeichnet. „Sie kreieren viele Possessions und haben eine Hierarchie im Team.“

Hollins mit den meisten Dreiern

An der Spitze steht Austin Hollins, der trotz seiner vielen spektakulären Aktionen nicht in die Startformation für das Allstar-Spiel gewählt wurde (Platz neun). Sollte der 27-jährige US-Amerikaner auch von Trainer Garcia Reneses nicht berücksichtigt werden, hat er zumindest gute Chancen auf die Teilnahme und auch den Sieg sowohl beim Slam-Dunk-Contest als auch Dreierwettbewerb. 153-mal hat der Ex-Gießener schon von jenseits der 6,75-Meter-Linie abgedrückt – seine 59 Treffer sind ebenfalls Ligabestwert – und steht damit stellvertretend für das Offensivspiel Vechtas. Als Zweiter in der Liste folgt schon Teamkollege TJ Bray mit 126 Versuchen.

Auch von Fehlwürfen lassen sich die Rastaner nicht abschrecken und ballern, was das Zeug hält. Von 30,6 Dreierversuchen pro Spiel (Platz eins) finden nur 34,8 Prozent ihr Ziel (Platz 14). „Sie spielen einfach weiter und lassen den Kopf nicht hängen. Dieses Selbstvertrauen steht nicht in den Statistiken. Wenn man das Energielevel 40 Minuten lang hält und jeder seine Rolle versteht, kann man viel Erreichen“, weiß Korner und zieht Parallelen zu seinem ersten Jahr in Bayreuth. „Wir haben einen anderen Basketball gespielt, es war aber ein ähnliches Phänomen. Kaum einer dachte, dass es lange gut geht. Ich traue Vechta ein ähnliches Abschneiden unter den ersten Vier zu.“

Gefasst sein müssen die Bayreuther auf das für Vechta typische Doppeln an der Mittellinie, mit dem die gegnerischen Aufbauspieler immer wieder in Bedrängnis gebracht werden. „Aber nicht nur da. Sie machen es eigentlich überall, wenn sie die Chance dazu haben“, sagt Korner, dessen Spielmacher David Stockton solchem Druck bislang nicht gewachsen war. Im Hinspiel leistete er sich drei Ballverluste. Trotzdem setzten sich die Bayreuther zum Saisonauftakt in Vechta souverän mit 83:67 durch. Topscorer der Hausherren war TJ Bray mit 22 Punkten. Beim Mitteldeutschen BC erzielte der 26-Jährige am vierten Spieltag sogar 36 Zähler und hält damit immer noch den Rekord für diese Saison.

Erster Nationalspieler der Vereinsgeschichte

Ein weiterer Name, der neben Hollins und Bray immer wieder auffällt, ist der des effektivsten Spielers, Seth Hinrichs, aber auch Josh Young und Chris Carter können Spiele entscheiden. Philipp Herkenhoff wurde am 30. November der erste A-Nationalspieler in der 40-jährigen Vereinsgeschichte. Und mit dem nur 2,03 Meter langen Tyrone Nash scheinen die nicht gerade groß aufgestellten Rastaner jetzt auch ihren Center gefunden zu haben. „Sie spielen so aggressiv, weil sie diese Schwäche verstecken wollen. Bevor man in die Nähe des Korbes kommt, nehmen sie viel Zeit von der Uhr oder stehlen den Ball.“

Im bedeutungslosen Champions-League-Spiel in Klaipeda konnten die Bayreuther am Mittwoch schon einmal ohne den verletzten De’Mon Brooks proben. „Die aggressive Pick-and-Roll-Verteidigung haben wir in der ersten Halbzeit ganz gut gelöst, in einigen Momenten hat man aber schon gemerkt, dass er fehlt. Vom Kopf her war es aber eine ganz andere Partie.“ Am wichtigsten sei jedoch gewesen, dass sich kein weiterer Spieler verletzt hat.

Rasta-Höhenflug weckt Erinnerungen an Quakenbrück

Der Höhenflug von Rasta Vechta erinnert stark an die Erfolgsgeschichte der Artland Dragons aus dem keine 30 Kilometer entfernten Quakenbrück, die in der Saison 2006/07 im Finale Bamberg nach einem 70:69-Sieg unglücklich mit 74:77, 59:62 und 63:64 unterlagen. Ein Jahr später gewannen sie den Pokal, stellten dann aber 2015 den Profispielbetrieb ein. Zu diesem Zeitpunkt war Rasta-Trainer Pedro Calles bei den Dragons Assistenzcoach von Tyron McCoy, zuvor unter Stefan Koch Athletiktrainer. „Der Standortnachteil (zu kleine Halle, zu wenig Top-Sponsoren), den Quakenbrück und die Dragons gegenüber anderen Klubs haben, hat nun zum Ende des Bundesliga-Basketballs im Artland geführt“, lautete damals die Begründung.

Der Rasta-Dome in Vechta fasst mit 3140 Zuschauern zwar auch nur 140 mehr als die Quakenbrücker Artland-Arena. Dafür hat der Verein um Vorsitzenden und Hauptsponsor Stefan Niemeyer insgesamt 175 Sponsoren, rund drei Millionen Euro beträgt der Etat. Und von einem sofortigen Wiederabstieg wie in den ersten beiden BBL-Spielzeiten (2013/14 sechs Siege, 2016/17 sogar nur zwei) ist Vechta derzeit meilenweit entfernt.

 

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