Digitale Transformation Neu denken, neu arbeiten

Diskutierten in Sonnefeld, was digitale Transformation für die Wirtschaft bedeutet (von links): Professor Florian Matthes von der Technischen Universität München, Hans-Peter Friedrich, Bundestagsvizepräsident, Thomas Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Bezirksgruppe Oberfranken der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, und Moderator Matthias Will, Leiter der Wirtschaftsredaktion von "Neue Presse" und "Frankenpost". Foto: Frank Wunderatsch

SONNEFELD. Problemstellungen mutig angehen, nicht gleich das große Rad drehen wollen, auch mit kleinen Dingen beginnen, „einfach nur machen“: Diesen Appell richtet Thomas Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Bezirksgruppe Oberfranken in der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), am Montagabend in der Domäne in Sonnefeld (Landkreis Coburg) an Unternehmerinnen und Unternehmer.

Thema des Abends ist die digitale Transformation. Es treibt die ganze Wirtschaft um. Dieser Herausforderung müssten sich die Firmenlenker stellen. „Sonst setzen wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts und unserer Unternehmen aufs Spiel und gefährden damit Jobs“, sagt Kaeser, dessen Betrieb Kompressoren herstellt. 

In Coburg hat man schon vor 20 Jahren begonnen, sich über Digitalisierung Gedanken zu machen. Auslöser war der Wunsch eines Kunden, von Kaeser zwar Druckluft beziehen und diese, wie Strom und Wasser, auf der Grundlage des Verbrauchs bezahlen, aber keine Kompressoren kaufen zu wollen. Da hätten die Führungskräfte des Familienunternehmens erst einmal geschluckt, seien aber rasch zu der Überzeugung gekommen, dass die Idee so schlecht nicht ist. Heute ist sie ein zentrales Geschäftsprinzip des Unternehmens. 

Auf der Höhe der Zeit

Kaeser baut in seine Maschinen Computer ein, die Daten an die Zentrale in der Vestestadt übermitteln. Damit lässt sich nicht nur der Druckluftverbrauch messen, sondern es lassen sich auch Informationen über Energieeffizienz und Wartungsintervalle der Anlagen sammeln, die in der ganzen Welt installiert sind. 

Dass Kaeser damit auf Höhe der Zeit ist, bestätigt Professor Florian Matthes, Leiter des Lehrstuhls für Software Engineering betrieblicher Informationssysteme an der Technischen Universität München. In seinem Vortrag zeigt er die Tendenz auf, dass sich Märkte weg von Produkten bewegen, die transportiert, gelagert, gewartet und entsorgt werden müssen: Musikstreaming im Internet hat die CD abgelöst, Uber, das weltgrößte Taxiunternehmen, besitzt keine Fahrzeugflotte, und der Kunde von Kaeser kauft keine Kompressoren, sondern Druckluft. Dazu komme eine neue Erwartungshaltung der Kunden: Sie wollten alles einfach, überall, sofort und zum niedrigsten Preis. Der Wissenschaftler spricht in Sonnefeld von „Babymentalität“.

Darauf müssten sich Unternehmen einstellen, und dabei helfe die Digitalisierung. Denn über Vernetzung und Datenerhebung könnten individuell messbare Ergebnisse über Kundenansprüche und -vorlieben erhoben und ausgewertet werden. Wieder nennt Florian Matthes den Coburger Kompressorenhersteller als Beispiel, der so immer tiefer reichendere Erkenntnisse über Energieeffizienz oder Wartungsintervalle seiner Kompressoren erhält. 

Neue Kompetenzen der Mitarbeiter fördern

Doch das allein reiche nicht. Gleichzeitig müssten neue Kompetenzen der Mitarbeiter gefördert werden. „Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit sind der Schlüssel zum Erfolg“, so Matthes. Und das müsse unterstützt werden. In den Unternehmen müssten neue Formen der Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Fachbereiche eingeführt werden, um Innovationen zu fördern, beispielsweise mit Methoden wie „Design Thinking“.

Als Fehler bezeichnet der Professor die Bildung von „Digital Units“, die von anderen Abteilungen nur kritisch beäugt würden. Solche in sich geschlossenen Einheiten würden neuem Denken und Arbeiten widersprechen.

In der vom Wirtschaftsjournalisten Matthias Will moderierten Podiumsdiskussion betonen Thomas Kaeser und Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich (CSU), dass niemand vor der Digitalisierung Angst haben müsse. Zwar würden Roboter immer mehr monotone Produktionsschritte übernehmen, dafür entstünden durch die Digitalisierung an anderer Stelle neue Jobs.

Digitale Grundbildung

Um diese Chance nutzen zu können, fordert Kaeser für jeden jungen Menschen eine „digitale Grundbildung“. Außerdem müssten sich Unternehmen intensiv um die Weiterbildung ihrer Belegschaft kümmern. Die technischen Möglichkeiten würden zudem neue Perspektiven „auch für eingeschränkte Personen bieten, am Arbeitsleben teilzunehmen“.

Hans-Peter Friedrich, der direkt vom Digitalgipfel der Bundesregierung in Nürnberg nach Sonnefeld gereist ist, betont, dass erst der Ausbau der Infrastruktur – Glasfaser, 5 G-Datenfunknetz – digitale Transformation ermögliche. Dies sei Aufgabe des Staates. Es sei erklärtes politisches Ziel, jedes Unternehmen, jede Schule, jedes Krankenhaus und jede Behörde bis zum Jahr 2021 ans Glasfasernetz anzuschließen, so der frühere Innen- und Landwirtschaftsminister. 

 

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