Die ernsthafteste Inszenierung der diesjährigen Festspiele Premierenkritik: Der Lohengrin der Herzen

Jubel für Edith Haller als Elsa, Musiker und Chor und – nach langer Zeit wieder – einzelne Buhs für die Regie: Mit der Wiederaufnahme von „Lohengrin“ beginnt Andris Nelsons letzter Sommer am Pult der beliebten Produktion.

Hans Neuenfels' „Lohengrin“ ist fünf Jahre alt, und einer der dramatischsten Momente liegt ganz am Ende, wenn alles schon zu spät ist. „Ach“, singt Elsa, „Weh“, singt das Volk, dann läuft Lohengrin auf das Publikum zu, in die Stille nach dem letzten Ton hinein, wohin, tja, keiner weiß das. Dann wird es dunkel. Bei der Wiederaufnahme-Premiere am Donnerstag missverstand ein Zuschauer die Stille - und verewigte sich mit einem gebrüllten „Pfui“.

Es könnte dem Fötus gegolten haben, der am Ende im Schwanenei sitzt und mit Nabelschnurstücken wirft.

Oder den Ratten.

Oder Klaus Florian Vogt, dem Lohengrin.

Oder Hans Neuenfels, der aber gar nicht da ist.

Oder wem auch immer.

Viel interessanter ist ohnehin das, was vor dem „Pfui“ passierte.

Edith Haller gab ihr Bayreuth-Debüt als Elsa. Hell und klar, makellos und strahlend. Und das bringt die Balance im Personengefüge ein bisschen durcheinander, weil Edith Hallers „Einsam in trüben Tagen“ ganz anders schwingt und eine ganz andere Richtung einschlägt als bei Annette Dasch, und diese neue Richtung wird beibehalten - „es gibt ein Glück, das ohne Reu'“ bekommt dasch-dunkel eine ganz anderen Klang als haller-hell. Aber die neue Konstellation pendelt sich schnell ein, das Ensemble ist eingespielt, es besteht aus:

  • Klaus Florian Vogt, der schwereloseste Lohengrin, den es wahrscheinlich je gegeben hat; längst nicht nur in Bayreuth. Aber diese Produktion ist sein persönlicher Triumph geworden

  • Petra Lang als Ortrud, mit stimmgewaltigem Ausbruch zum Schluss, gewaltig ist dafür tatsächlich die beste Beschreibung

  • Thomas Mayer als Telramund, kein warmer, sondern ein rauer Bass, der es manchmal schwer hat, sich gegen das Orchester zu behaupten

  • Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich, auch er muss sich auf die Rücksicht Andris Nelsons verlassen, um nicht zu verschwinden.

  • Und Samuel Youn, der Heerrufer, souverän und komödiantisch, die Kür zur Pflicht im Holländer.

Und auch die Festspielchöre, einstudiert von Eberhard Friedrich, haben an diesem Abend zurückgefunden auf das exorbitante Niveau, das man von diesem Chor gewöhnt ist – konzentriert, brillant intoniert und präzise nutzen sie die – für den Chor heikle – Akustik des Hauses voll und ganz zum eigenen Vorteil.

Andris Nelsons beginnt mit dieser Premiere seinen letzten Sommer am Pult bei „Lohengrin“, man hört (und sieht in einer Szene auch kurz), was ihm selbst diese Musik bedeutet. Aus Bedeutungsschwere macht er sich nichts, er spielt mit dem Tempo und lässt seine Musiker musizieren.

Und die Inszenierung – die mag fünf Jahre alt sein, aber das fühlt sich ganz und gar nicht so an. Sie ist – auch in diesem Jahr – die differenzierteste, zeitloseste, komischste und ernsthafteste Deutung, die es bei den Festspiele in zu sehen gibt. Eine Deutung, deren Qualität nicht nur darin besteht, dass sie kontroverse Reaktionen herausfordert – denn es steckt selbst genug drin.

Das hat sich herumgesprochen: Draußen vor dem Haus stehen, zum ersten Mal in dieser Saison, Kartensucher in Massen.

Am Ende bricht ein Jubelsturm los, der – anders als der immer wieder berichtete Buh-Orkan, den es angeblich nach dem „Siegfried“ gegeben haben soll – diesen Namen auch verdient. Klaus Florian Vogt zieht den Hut vor Edith Haller, sie küsst ihn auf die Wange, Andris Nelsons badet im Applaus, großer, verdienter Jubel für den Festspielchor.

Und für den einzigen wirklich misslungenen Moment des Abends kann auf der Bühne niemand etwas.

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