Die Dichterin, die Bayreuth vergaß

Selbstbewusster Blick: Hilde Marx als junges Mädchen und mit Mitte 20. Fotos: Familienarchiv/Herbert Sonnenfeld/Jüdisches Museum

Sie lernte erst mit 50 Kochen, war ihr Leben lang berufstätig und floh vor den Nazis nach Amerika. In Bayreuth ist die jüdische Dichterin und Journalistin Hilde Marx fast vergessen. Eine Ausstellung soll das ändern – und bringt ihre Töchter her. Nach einer knappen Woche in Bayreuth sagen June Kaplan (72) und Aviva Weldon (66): „Es fühlt sich an wie heimkommen.“

Die zwei kleinen alten Damen aus New York und New Jersey gehen in dicken Daunenmänteln und mit Wollmützen durch Bayreuth, von Termin zu Termin.

Mit im Schlepptau: Warren Grodin, Junes Lebensgefährte. Ein großer, schmaler, ruhiger Mann, dessen jüdische Vorfahren schon im 19. Jahrhundert in die USA einwanderten, weil der Zar sie enteignet hatte. Und Helene Ritchie aus Neuseeland, Tochter von Hilde Marx’ Cousine.

Die Marx-Familie (von links): Helene Ritchie, Töchter Aviva Weldon, June Kaplan und Warren Grodin. Foto: Andreas Harbach 

Ein Großteil von Ritchies Verwandtschaft wurde von den Nazis ermordet. Die wenigen Angehörigen, die es gibt, stöberte sie übers Internet auf und besuchte sie. „God bless Facebook“, sagt Ritchie, knallrote Lippen, schwarzer Bubikopf.

Die Marx-Töchter hat sie zuletzt vor Jahrzehnten gesehen. „Meine Mutter hat Neuseeland nie mehr verlassen, weil sie gewungen wurde, ihre Heimat zu verlassen“, sagt Ritchie. „Hilde war mutiger, Hilde war anders.“

"Hilde war anders"

Hilde Marx, 1911 in Bayreuth  als einziges Kind von Camilla und Adolf Marx in eine wohlhabende Familie geboren, war anders als viele. Das ahnt man schon, wenn man sich die Fotos in der Ausstellung anschaut.

Lässige Pose: Hilde Marx um das Jahr 1935. Da ist sie Mitte 20 und lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Foto: Herbert Sonnenfeld/Jüdisches Museum Berlin

Eine junge Frau mit kurzen Haaren, die selbstbewusst im Fotoautomaten posiert, den Schalk im Nacken. Die, Zigarette in der Hand, im Kostüm amüsiert und herausfordernd in die Kamera blickt.

Dichterin, Gymnastiklehrerin, Hotelmanagerin, Journalistin, One-Woman-Show

„Hilde war eine interessante Mutter“, sagt Tochter Aviva. Sie hatte den Arzt Erwin Feigenheimer geheiratet und blieb berufstätig. Sie war Gymnastiklehrerin, Hotelmanagerin, Journalistin für die jüdische Zeitung „Aufbau“, Rezitatorin.

Bekannt machte sie in den USA ihre „One Woman Show“, mit der sie es bis ins Haus der Präsidentenwitwe Eleanor Roosevelt brachte. „Kochen lernte sie erst mit über 50 Jahren“, sagt Aviva Weldon. Um die Kinder kümmerten sich im Alltag vor allem die Großeltern.

Aviva Weldon erzählt Schülern vom GCE von sich und dem Leben mit ihrer Mutter. Foto: Eric Waha

Jeden Abend verbarrikadierte sie das Haus, schloss alle Fenster und Türen. „Meine Mutter war zwar nicht im Konzentrationslager“, sagt Aviva Weldon. „Aber sie hat sich nie mehr sicher gefühlt.“ Es sei eine „Dunkelheit“ um sie gewesen. Heute glauben ihre Töchter, die beide Sozialarbeiterinnen geworden sind, dass ihre Mutter depressiv war.

Im Schlafzimmer überall Ermordete

„Ihr Schlafzimmer war wie ein Mausoleum, ein Friedhof, es hat mir Angst gemacht“, sagt Weldon. Überall hingen Bilder von Verwandten, die die Nazis in Konzentrationslagern umgebracht hatten. „Ich habe mich als Kind immer gefragt: Hätte ich dort überlebt?“, sagt Weldon.

June Kaplan und die Interviewer von der Schülerzeitung. Foto: Eric Waha

Und trotzdem sei „Hilde“ Optimistin gewesen. „Sie hat drei Kinder in diese Welt gesetzt“, sagt June Kaplan. Als Zeichen, dass es weitergeht.

Zu Hause in New York sprachen sie deutsch. Irgendwann antworteten die Töchter auf Englisch.

Ihre Mutter wurde im Laufe ihres Lebens immer gläubiger. Organisierte Religion lehnte sie ab, koscheres Essen war kein Thema im Hause Feigenheimer.

Nach ihrem letzten Besuch in Bayreuth schrieb sie über ihre verschwiegene Hoffnung, zusammen mit der Gemeinde in der Synagoge ein Gebet für die Eltern zu sprechen und Klöß mit Schweinebraten in der Bürgerreuth zu essen. Da war der Krebs schon so gewuchert, dass sie nur noch unter Schmerzen essen konnte.

Für die Sprache geehrt, von den Nazis verboten

Mit 17 verlieh die Stadt Bayreuth ihr den Jean-Paul-Preis für ihre Gedichte. Den hängte sie Jahre später gerahmt neben den Brief der Reichsschrifttumskammer, die ihr verboten hatte, in deutscher Sprache zu veröffentlichen – wegen „Unwürdigkeit“.

Nach dem Abitur hatte sie Bayreuth gen Berlin verlassen, studierte noch kurz, bis sie nicht mehr durfte, veröffentlichte Gedichte, arbeitete als Journalistin, schrieb für ein Kabarett mit Texten jüdischer Autoren. 1938 floh sie nach Prag und bald darauf weiter nach New York.

 

Avivas Tochter Julia Weldon hat das Schreibtalent ihrer Großmutter geerbt, sagt ihre Mutter stolz. Sie ist Schauspielerin und Songwriterin und würde am liebsten Texte ihrer Großmutter vertonen. "Dafür muss sie aber erst Deutsch lernen." So klingt sie:

 

 

Drei Gedichtbände veröffentlichte Hilde Marx, keiner wurde ins Englische übersetzt. Ihr Nachlass liegt in der State University of New York in Albany. In all den Jahren hat sich kaum einer dafür interessiert, sagt Aviva Weldon.

Bis sie diese Frau aus Bayreuth anschrieb. Katharina Fink, die Organisatorin der Ausstellung. Die Ausstellung, die Vernissage, die Ehre, der Kuchen, der Wein, „das hätte ihr großen Spaß gemacht“, sagt Aviva Weldon.

Zwei Mal war Hilde Marx in Bayreuth. 1967 und 1986. Aviva Weldon hat noch Bilder von 1967. Damals befand sich in Hilde Marx' Elternhaus an der Richard-Wagner-Straße 4 noch Schuh Reindl. Ihre Eltern führten dort ein Textilkaufhaus, die Familie lebte im zweiten Stock auf zehn Zimmern samt Dienstmädchen. Heute ist dort ein Drogeriemarkt und Schuh Krause.

Ihre ehemalige Schule, das heutige Gymnasiums Christian Ernestinum, war damals noch an der Friedrichstraße 14. Heute ist dort die Kripo.

Hat Hilde Marx viel von Bayreuth erzählt? Hatte sie einen Lieblingsplatz? June Kaplan überlegt. „Nicht viel. Aber es kann auch sein, dass ich ihr als Kind nicht zugehört habe.“ Heute bedauert sie, nicht mehr zu wissen.

Die Wagner-Enkel waren gemein zu ihr

Was sie weiß: dass ihre Mutter an Bayreuth hing. Dass sie mit den Wagner-Enkeln zur Schule ging und sie nicht mochte. „Ich weiß nicht, ob es antisemitisch war, aber sie hat erzählt, sie waren gemein zu ihr.“

Dass sie mit sich haderte, ob sie 1986 noch einmal hinreisen sollte, weil es sie belastete. Dass sie es totkrank tat und mit gemischten Gefühlen zurückkehrte.

Hilde Marx, wahrscheinlich 1967. Foto: red

Ihre Töchter hat ihr Erbe niemals losgelassen. Auch Deutschland nicht. Selbst wenn sie sich mit der Sprache heute schwer tun, klingt sie ihnen vertraut. June Kaplan und Aviva Weldon arbeiteten zwischen 2004 und 2011 auf amerikanischen Militärbasen in Deutschland.

Sie kümmerten sich um Soldaten, die im Irakkrieg kämpften, und ihre Familien. Und fuhren in ihrer Freizeit durch Deutschland. „Was mich beeindruckt hat: Selbst in abgelegensten Dörfern gab es Gedenkstätten für Opfer der Nazis“, sagt June Kaplan.

Dass die Namen der Juden, welche von den Nazis aus der Schule vertrieben wurden, heute an der Fensterfront des GCE kleben, beeindruckt sie ebenfalls. Die Marx-Töchter sind dort, um mit Jugendlichen von der Schülerzeitung zu sprechen.

Im Gespräch mit den Schülern. Foto: Eric Waha

"Habt den Mut, anders zu sein"

Sie erzählen, lachen, lauschen. Irgendwann bricht June Kaplans Stimme, Tränen laufen über ihre Wangen. Es sei so wichtig, zu lernen. „Meine Mutter hat immer gesagt: Das einzige, was sie mir nicht nehmen konnten, war meine Bildung.“

Noch etwas habe sie von ihr gelernt, sagt Aviva Weldon: „Habt den Mut, anders zu sein.“

 

Hintergrund: Ausstellung und Rahmenprogramm

Genau 30 Jahre nach Hilde Marx’ letztem Besuch in Bayreuth ist knapp einen Monat eine Ausstellung über die Dichterin und Journalistin zu sehen. Sie ist die erste im künftigen Kulturzentrum der israelitischen Kultusgemeinde.

Für den Vorsitzenden Felix Gothart schließt sich damit ein Kreis: Sein Vater hatte damals die Idee, Hilde Marx nach Bayreuth einzuladen. Konzipiert haben die Ausstellung Katharina Fink und Nicole Richwald.

Mit Hilfe ihrer Gedichte, Hörbeispiele, Programmzettel, Zeitungsausschnitten und Briefen entsteht das Bild einer selbstbewussten Frau, die das, was um sie passierte, aufmerksam und kritisch verfolgte. Die ausgewählten Texte und Dokumente sind stark und bisweilen von verblüffendem Witz.

Nach ihrem Besuch gab es Krach

Eine Ecke ist Marx’ letztem Besuch gewidmet. Hier lassen sich die Berichte über die Begegnungen mit ihr nachlesen – und der anschließende Leserbrief-Disput im Nordbayerischen Kurier zwischen dem Dichter und Lehrer Jochen Lobe und dem damaligen Oberbürgermeister Hans Walter Wild.

Lobe, der mit Hilde Marx im Briefwechsel stand, kritisierte, die Stadt habe diese nicht richtig gewürdigt. Wie Hilde Marx es empfand, ist in ihren eigenen Worten nachzulesen.

Ausstellung, Rahmenprogramm, Neu-Edition

Der Titel „Dreiklang“ bezieht sich nicht nur auf den Titel ihres Gedichtbands, sondern ist Programm: Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm samt Unterrichtsmaterial und eine Neuausgabe von Hilde Marx’ Gedichten. Von Bayreuth soll die Ausstellung nach Berlin, Prag und New York reisen.

Sie ist noch bis Freitag, 9. Dezember, von Dienstag bis Freitag sowie Sonntag von 14 bis 18 Uhr in der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münzgasse 9 zu sehen. Außerdem nach Vereinbarung. Eintritt fünf Euro.

Das Rahmenprogramm mit Lesungen, einem Konzert und Führungen beginnt am Mittwoch. Mehr dazu hier.

 

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