Der grüne Faden Verena Faßold hat einiges ins Rollen gebracht

DER GRÜNE FADEN. Was sie ihren Nachwuchs-Sportlern beibringt, ist nicht nur das sportliche Know-how, sondern auch Wissen und Können fürs Leben: Verena Faßold.

Drei Begriffe sind es, die Verena Faßold in schöner Regelmäßigkeit hellauf begeistern. Alle drei Begriffe beginnen mit K, sie verändern sich von Jahr zu Jahr, doch „Kegeln“ ist jedes Mal dabei: es sind die Themen für ihre Sommerfreizeiten mit ihren Nachwuchs-Keglern des Vereins Bayreuther Sportkegler und ihres Heimatvereins, der Schützengilde St. Georgen. In beiden Vereinen ist Verena Faßold Jugendleiterin und gut damit beschäftigt, Leistungen zu sichten und das Training zu koordinieren. Genauso wichtig ist ihr, dass die Jugendlichen zu einem Team zusammenwachsen und Wissen mitbekommen, das nicht unbedingt selbstverständlich ist. „Ich habe da meine ganz eigene Hypothese, nämlich: wenn die Jugendlichen mit viel Neugier und Spaß an ein zuvor unbekanntes Thema herangeführt werden, dann wird es ganz automatisch interessant und bleibt im Gedächtnis.“

Auf Umwegen zum Abitur

Die Sommerfreizeiten hießen beispielsweise „Kegeln, Kultur und Kyrill“, bei der die jungen Sportler mit Unterstützung von Professor Thomas Foken Messflächen im Fichtelgebirge suchten und neue Bäume aufforsteten, oder „Kegeln, Kunst und Küche“, bei der sie selber Brot und Käse herstellten. Heuer hieß die Freizeit „Kegeln, Kees und Knödel“, und die Truppe besuchte unter fachkundiger Leitung von Professor Kaser einen Südtiroler Kees, also einen Gletscher. „Es gibt so viele Themen, zu denen die Jugendlichen daheim oder in der Schule noch keinen Kontakt hatten. Ich habe mit meinem Team die Möglichkeit, solche Themen anzupacken, also mach ich es.“

Verena Faßold kam 1960 in Bayreuth zur Welt und wuchs mit ihren Schwestern Petra und Monika in Bayreuth auf. In jungen Jahren kam sie schon früh durch ihren Vater in Kontakt mit Sport, denn er war 1954 deutscher Meister im Sportkegeln geworden und nahm seine Tochter regelmäßig zu den Spielen mit. Als Kind trainierte Verena Faßold Leichtathletik bei Norbert Specht, und mit 18 Jahren, „als echte Spätzünderin“ begann sie ebenfalls zu kegeln. Ihr Abitur erreichte sie auf Umwegen. Denn der Vater, der eine Schlosser-, Heizungs- und Sanitärfirma führte, bestand auf einer abgeschlossenen Ausbildung noch vor dem Abitur. Also verließ seine Verena das Wirtschaftswissenschaftliche Gymnasium nach der 10. Klasse, lernte Bürokauffrau und stieg fürs Abitur wieder am WWG ein.

Dank an den Mathematiklehrer

„Ich hatte sogar teilweise die gleichen Lehrer und habe schnell wieder in den Stoff hineingefunden“, erzählt sie. „Meinem Mathematiklehrer Herrn Fürstenau bin ich heute noch dankbar für seine Unterstützung in dieser Zeit.“ Mit dem Abitur in der Tasche begann Verena Faßold ein Wirtschaftswissenschafts-Studium an der Uni Bayreuth, das sie aber nach vier Semestern auf Eis legen musste. Der Vater hatte einen Unfall, und plötzlich waren Ehefrau und Töchter dafür verantwortlich, dass die Firma lief. „Petra ist Schlossermeisterin, Monika kümmerte sich ums Büro, und ich half, wo ich konnte – da war keine Zeit mehr für die Uni.“ Parallel zu ihren Aufgaben im Familienbetrieb arbeitete sie dann noch Teilzeit an der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie und gründete schließlich ihre eigene Familie.

Hier schlägt Verena Faßold ganz bewusst wieder eine Brücke zum Sport. Sie lernte ihren Mann beim Kegeln kennen, und auch die Kinder blieben bei diesem Sport hängen, obwohl sie so viele Sportarten ausprobieren konnten, wie sie mochten. „Wir sind hier echt gut dran, was freie Entscheidungen und Entschlüsse angeht. Ich finde es enorm wichtig, dass die Nachwuchssportler selber entscheiden dürfen, wofür sie sich einsetzen.“ Das Jugendtraining mit ihren eigenen Kindern machte ihr dermaßen viel Freude, dass sie dabeiblieb und diese Aufgabe auch heute noch übernimmt, „mit unglaublich viel Freude und Überzeugung.“

Auf dem zweiten Bildungsweg zur Bildungswissenschaftlerin

Das Leben, sagt Verena Faßold, beschreitet manchmal Wege, von denen man im Rückblick sagt: Besser hätte es gar nicht laufen können. Als die Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie aufgelöst wurde, regte sich in Verena Faßold der Wunsch, nochmal zu studieren. Die Wirtschaftswissenschaften interessierten sie gar nicht mehr so sehr, viel faszinierender fand sie dagegen den Studiengang Bildungswissenschaften an der Fernuni Hagen. Ihre Präsenzseminare und Prüfungen legte sie in ganz Deutschland ab, fühlte sich so richtig wohl und am richtigen Platz und konnte die Zeiten, in denen ihr Mann beruflich unterwegs war, perfekt fürs Lernen nutzen. „Natürlich hätte ich mich auch alleine fühlen können. Aber genau das Gegenteil war der Fall: er hat mir ganz wörtlich die zeitliche Freiheit zum Lernen geben können.“ Nach ihrem Bachelor setzte sie noch den Master im Fach „Bildung und Neue Medien – e-Education“ drauf. Ob es noch weitere Schritte auf ihrem ganz persönlichen Bildungsweg gibt, das lässt sie ganz bewusst offen: „Die wertvollste Erfahrung durfte ich ja schon machen: Lernen hört nicht mit der Ausbildung auf, und das eigene Wissen muss man ja nicht sofort einsetzen – das kann Jahre dauern. Und genau das macht es so spannend.“

Verena Faßold erinnert sich zu gerne an eine Begebenheit aus dem Leben ihrer Mutter Christel. Sie wuchs nahe Göttingen auf, und vor einigen Jahren machten Mutter und Tochter an einen Ort aus der Kindheit. In ihrer Schulzeit pflanzte jedes Kind aus ihrer Schule einen Baum, und als sie die vielen Jahrzehnte später den Schulweg zusammen mit ihrer Tochter wieder lief, erkannte sie den „Christel-Baum“ sofort wieder. „Genau dieses Gefühl möchte ich meinen Jugendlichen, völlig egal woher sie kommen, auch geben: Ich habe etwas gemacht und gelernt, das ich irgendwann in meinem Leben nützen kann.“ Sie schaut sich in der Kegelbahn und im Fitnessraum um, wo sie wöchentlich auch mit jungen Geflüchteten trainiert. Hier entstehen die Grundlagen dafür, dass die jungen Menschen nicht nur Spaß am Sport und der sportlichen Leistung entwickeln. Hier entwickeln sie den Teamgeist und das Durchhaltevermögen, das ihnen Verena Faßold für ihr zukünftiges Leben nur wünschen kann. „Es ist doch völlig egal, woher jemand kommt oder warum jemand in diesem Sportverein gelandet ist. Die Gemeinschaftserlebnisse treiben an, und für mich ist es eine Freude, wenn ich von meinen jungen Sportlern lernen kann.“

INFO:Verena Faßold gibt den Grünen Faden weiter an Werner Burkhardt, weil „er ein besonderer, beeindruckender Mensch ist, den ich für meinen Bachelorabschluss interviewen durfte. Er ist sehr ehrlich, sehr direkt und er macht den Fußgängern Mut“.

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading