Der Grüne Faden Jürgen Wolff: Mann zwischen Theologie und Pädagogik

DER GRÜNE FADEN. Er ist ein Wegbegleiter. Einer, der mit vielen Menschen ein Stück ihres Weges geht. Das Netzwerk, das aus seiner Arbeit entstanden ist, ist stark und tragend: Jürgen Wolff.

Als Jürgen Wolff sich vor 28 Jahren beim Evangelischen Bildungswerk in Bayreuth vorstellte, war er sich nicht sicher, ob hier der richtige Platz für ihn sein würde – beruflich gesehen. „Ich war damals Anfang 30, und beim ersten Lesen der Stellenausschreibung meinte ich eher, dass das in zehn Jahren was für mich sein könnte.“

Beruf? Kontakt zu Menschen

Doch alles, was hier gefragt war, konnte er bieten: pädagogisches, theologisches und psychologisches Wissen und einen Sinn fürs Kaufmännische. Die Bewerbung schickte er los, bekam kurz darauf eine Gesprächseinladung und hat die Entscheidung für Bayreuth nie bereut: „Ich habe mich vom ersten Moment an wohl gefühlt. Die Stadt, das Umland und vor allem die Menschen sind mir längst ans Herz gewachsen, obwohl die Anfänge damals schon auch holprig waren.“

Jürgen Wolff kam 1959 in Ludwigshafen am Rhein zur Welt und wuchs dort mit seiner Schwester auf. Die Schulzeit, erzählt er, verlief unspektakulär bis zum Abitur, und erst den Zivildienst erlebte er als prägende Zeit. Im Evangelischen Krankenhaus im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim war er für die Grundpflege von Patienten eingesetzt. Die Patienten mussten oft lange ruhen – zum Beispiel nach Operationen. Das war die Grundlage für die engen Kontakte, die die Patienten zu ihm aufbauen konnten. „Ich war ja für wirklich alles zuständig, und im Lauf der Zeit lernt man ein solches Menschenkind schon gut kennen. Diesen Kontakt zu Menschen wollte ich dann auch beruflich haben.“

"Ein verschworenes Team"

Doch zunächst folgte er seinem Plan, absolvierte eine Banklehre, doch sah er sich während der Lehrzeit schon nach einer Ausbildungsmöglichkeit um, die seinem Naturell mehr entsprach. Er fand sie an der Universität Bamberg bei Professor Rainer Lachmann: „Das Religionspädagogik-Studium hat mich schon allein deshalb fasziniert, weil ich mich für beides interessierte, Religion und Pädagogik. Ich war immer ein Grenzgänger zwischen diesen beiden Disziplinen.“

Nach dem Diplom arbeitete Jürgen Wolff ein Semester lang als Assistent für seinen Professor und nahm dann eine Stelle im Kinderheim in Schwarzenbach an der Saale an. „Seine“ Kinder, erzählt er, waren oftmals ganz wörtlich „vom Leben geschlagen“, hatten schwierige häusliche Verhältnisse verlassen und viel verarbeiten müssen. Aber das Schöne für Jürgen Wolff war, dass die Kinder aus dem Heim ganz unkompliziert und völlig selbstverständlich ins Dorfleben integriert waren. „Wir waren beim CVJM, beim Sportverein, beim Wiesenfest, einfach überall dabei. Wir waren untereinander ein verschworenes Team, aber gleichzeitig ein Teil vom Dorf, und das hat sich großartig angefühlt.“

Anfangs unübersichtliche Strukturen

Ende der 1980er arbeitete Wolff im Diakoniedorf Rummelsberg im Jugendhilfezentrum. Doch dann flatterte das Angebot des Evangelischen Bildungswerks Bayreuth auf seinen Tisch, und er sagte zu. Die Stadt selber hatte beim ersten Besuch einen hervorragenden ersten Eindruck hinterlassen, der erste Eindruck seiner neuen Arbeitsstelle jedoch sei, milde ausgedrückt, etwas befremdlich. Die Strukturen des Bildungswerks seien damals nicht wirklich ideal gewesen, erzählt er, doch mit viel Teamarbeit konnte er viel Klarheit schaffen. „Und als ich als Jungspund hier anfing, waren manche Mitarbeiterinnen in einem Alter, dass sie locker meine Mutter sein könnten.“

Er lacht herzlich bei diesen Erinnerungen, doch er betont mehrmals, dass die Neustrukturierung des Bildungswerks ohne die erfahrenen Kräfte, ohne das engagierte Zutun der Mitarbeiter und ohne den ehemaligen Dekan Helmut Hofmann nie so geklappt hätte. „Die Zusammenarbeit war und ist großartig, und das Bildungswerk hat sich toll entwickelt.“

Ruf zurück an die Uni

Ein richtiges Schlaglicht aus seiner Arbeit möchte Jürgen Wolff nicht nennen. Es war eher das immer dichtere und kräftigere Netz aus Kontakten, die er über die Bildungswerk-Veranstaltungen knüpfen konnte. „Aus Verbindungen ergeben sich Veranstaltungen und umgekehrt. Was mir besonders gut gefällt, sind die konfessions- und religionsübergreifenden Veranstaltungen mit ganz unterschiedlichen Gruppen.“ Mittlerweile, erzählt er weiter, habe das Bildungswerk etwa 70 Netzwerkpartner, neben kirchlichen Einrichtungen auch Initiativen für Menschen mit Behinderungen, für Flüchtlinge, für Kulturarbeit oder demokratische Kultur. „Das Bildungswerk ist ja keine One-Man-Show, sondern ein richtig gelungenes Beispiel für funktionierendes Teamwork – und das gilt auch für meine Dienststelle.“

Jürgen Wolff hat mittlerweile einen Doktortitel. Und auch das hat mit seinem Netzwerk zu tun. Der Kontakt zu Professor Lachmann riss nie ab, und 1998 fragte der seinen ehemaligen Studenten, ob er denn nicht bei ihm im Fach Religionspädagogik arbeiten und promovieren wolle. „Ich war völlig überrascht. Aber ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe, denn das war eine unwahrscheinlich reiche Zeit.“

Das Feld für den Nachfolger bestellen

Er schrieb sich wieder an der Bamberger Uni ein, mietete sich ein Zimmer und pendelte zwischen Bayreuth und Bamberg. Das Thema der Dissertation hieß „Zeit für Erwachsenenbildung“, und Jürgen Wolff konzentrierte sich darin hauptsächlich auf die evangelische Erwachsenenbildung. „Ich betrachte diese Phase als großes Geschenk, weil ich über meine Arbeit reflektieren und nachdenken durfte“, sagt er und lacht. Denn ein Gedanke, der ihm damals immer mal wieder kam, gilt auch heute mit Aussicht auf den beruflichen Ruhestand: „Es ist doch oft ganz nützlich, wenn man ein paar Jahre Erfahrung auf dem Buckel hat.“

Für die nächsten Jahre ist es Jürgen Wolff wichtig, dass er eine solide Arbeitsgrundlage für seine Nachfolger im Bildungswerk schaffen kann. „Ich werde loslassen können, aber ich möchte einen gut bestellten Acker hinterlassen.“ Ihm persönlich, das erzählt er mit einem fröhlichen Lachen, werde es in seinem Ruhestand ganz bestimmt nicht langweilig werden. Als Prädikant hält er ehrenamtlich Gottesdienste, reist mit seiner Frau Bernadette, möchte seine Sprachkenntnisse auffrischen und sich theologisch weiterbilden. „Es gibt eine Fülle von Dingen, über die ich gerne noch mehr wüsste – es bleibt also spannend.“

INFO:Jürgen Wolff gibt den Grünen Faden weiter an Makosa Kambembo, weil „ich es bemerkenswert finde, dass sie es als fast schon abgeschobene Asylbewerberin geschafft hat, in Bayreuth Fuß zu fassen, Arbeit und Freunde zu finden und ihr Leben zu gestalten.“

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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