Der grüne Faden Jörg Schmidt hilft Menschen, ihre Trauer zu verarbeiten

Hauptberuflich kümmert sich Jörg Schmidt darum, dass Angehörige von Suizidopfern ihre Trauer gut verarbeiten können. Sein liebstes Hobby ist die Musik, denn Jörg Schmidt ist sowohl als Organist als auch als Chorleiter im Raum Kulmbach aktiv. Fotos: Andreas Harbach

DER GRÜNE FADEN. Die Anrufe, die Jörg Schmidt bei seiner Arbeit erhält, kommen von verzweifelten Menschen. Mit dem Verein Agus – Angehörige um Suizid – sorgt er dafür, dass diese Menschen ihre Trauer verarbeiten können.

Der Ton unter den Arbeitskollegen in der Agus-Geschäftsstelle ist sehr vertraut. Die drei Menschen, die die Arbeit von mehr als 70 Selbsthilfegruppen deutschlandweit koordinieren, sind mit vollem Herzen bei der Sache. Suizid, das war bis vor gar nicht langer Zeit ein Tabuthema. Was die Situation für Angehörige oft noch schwieriger werden ließ, als sie ohnehin war.

Als Kind wollte er Lehrer werden

Jörg Schmidt und seine Mitarbeiter wollen mit ihrer Arbeit einen Gegenpol setzen, damit die Angehörigen, die von einem Suizidfall betroffen sind, ihre Trauer verarbeiten können: „Wir präsentieren hier keine Patentlösungen, sondern schaffen die Rahmenbedingungen dafür, dass die Angehörigen wieder festen Boden unter die Füße bekommen.“ In ganz Deutschland gibt es mehr als 70 Agus-Selbsthilfegruppen mit mehr als 140 ehrenamtlich aktiven Gruppenleitern.

Jörg Schmidt kam 1981 in Kulmbach zur Welt und wuchs in Stadtsteinach auf. Seine Schulzeit verbrachte er an der Grundschule Stadtsteinach und am Kulmbacher Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium. Als Kind, das erzählt er mit einem amüsierten Lachen, war sein Berufswunsch Lehrer. Nur dafür habe er sich durch die fünf Jahre Latein geackert, um das große Latinum für das Lehramtsstudium zu bekommen. Dass es dann doch nicht der Lehrerberuf wurde, lag an einer sehr ehrlichen Selbsteinschätzung: „Ich sah ja an den Referendaren, wie viel Mühe sie hatten, ihren Schülern genug Motivation mitzugeben.“

Erste Erfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung

Glaube, Kirche und Religion spielten in Jörg Schmidts Leben schon immer eine große Rolle, und vor allem die Kirchenmusik hatte es ihm angetan. Mit 14 Jahren spielte er zum ersten Mal in einem Gottesdienst, und auch heute noch spielt er regelmäßig in unterschiedlichen Kirchen im Kulmbacher Land. Nach dem Abitur in Kulmbach studierte er ab 2002 Religionswissenschaften in Bayreuth, vor allem andere Religionen interessierten ihn.

Noch während des Studiums konnte Jörg Schmidt erste Erfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung sammeln. „Das Thema Religion war stark in der Diskussion, und die VHS Bayreuth hatte bei uns Studenten angefragt, ob wir nicht eine Veranstaltungsreihe zu Weltreligionen machen wollten. Das war eine tolle Sache, und natürlich haben wir mitgemacht.“

Wallfahrtsort aus seinem Dornröschenschlaf geholt

Jörg Schmidt hielt einen Themenabend über den Islam, und dieser erste Versuch bei der Erwachsenenbildung war für ihn ein voller Erfolg. Nach seinem Bachelorabschluss hängte er deshalb noch das Zusatzstudium katholische Theologie und den Masterstudiengang Erwachsenenbildung in Bamberg an. Während des Bachelorstudiengangs hatte Jörg Schmidt ein Praktikum beim Evangelischen Bildungswerk Bayreuth absolviert, und hierher kehrte er auch für eine Projektstelle über Burn-out-Vermeidung zurück, über die er dann auch seine Masterarbeit schreiben konnte.

Von Oktober 2010 bis September 2016 arbeitete Jörg Schmidt in Marienweiher und half, den kleinen Wallfahrtsort aus seinem Dornröschenschlaf zu holen. Er konzipierte und organisierte verschiedenste Veranstaltungen unter anderem für Erwachsenenbildung, Konzertreihen und neue Pilgerformate. Als er davon erzählt, muss er ein bisschen lachen, denn die Pilgerreihe „Evangelisch aufbrechen – katholisch ankommen“ sorgte anfangs oft für verwirrte Gesichter. Aber halb so wild: „Pilgern ist ja schon lange keine rein katholische Angelegenheit mehr. Also sind wir von einer evangelischen Kirche in der Umgebung bis nach Marienweiher gepilgert. Wie eine Sternfahrt, nur eben kirchlich.“

Bis 2016 nie mit dem Thema Suizid auseinandergesetzt

2016 schließlich kam Jörg Schmidt zu seinem heutigen Arbeitsplatz. Jürgen Wolff, den er von seinem Praktikum beim Evangelischen Bildungswerk Bayreuth her kannte, sprach ihn an, ob er sich vorstellen könne, die Arbeit von Elisabeth Brockmann als Geschäftsführer fortzusetzen.

Mit dem Thema Suizid habe er sich noch nie selbst auseinandersetzen müssen. „Daher war meine erste Reaktion ein Zurückschrecken. Aber nach vielen Gesprächen mit meiner Familie und meinem Freundeskreis, die mir das alle zugetraut haben, habe ich mich beworben.“ Der Verein Agus war auf Initiative von Emmy Meixner-Wülker entstanden, einer Betroffenen, die in ihrer Trauer keine Ansprechpartner gefunden hatte. Die Kirche war ihr auch kein Trost, denn viele Pfarreien lehnten eine kirchliche Bestattung ab, und die Familien der Verstorbenen standen in ihrer Trauer und Verzweiflung völlig isoliert da.

Ein Suizid betrifft im Schnitt sechs weitere Menschen direkt

1995 gegründet, ist Agus heute deutschlandweit die erste Anlaufstelle für Suizidtrauernde, denen dann Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe weitervermittelt werden. Die Betroffenengespräche, erzählt Jörg Schmidt, führt meist seine Kollegin Elfie Loser. Er sei im Großen und Ganzen für die Rahmenbedingungen des Vereins, für die Öffentlichkeitsarbeit, die Projekte und Initiativen zuständig. Doch wenn die Kollegin nicht verfügbar ist, muss auch er ran ans Telefon. „Ich hatte anfangs eher Angst, das Falsche zu sagen und keine wirkliche Lösung parat zu haben. Aber die Menschen, die hier anrufen, brauchen keine Patentrezepte, sondern Verständnis und Zeit zum Zuhören.“

Statistisch gesehen gibt es etwa 10.000 Suizide pro Jahr in Deutschland. Jeder Fall betrifft durchschnittlich sechs Personen direkt, meist die Familie des Verstorbenen. Bei Agus gehen etwa 900 Anrufe pro Jahr von Betroffenen ein. Heute, erzählt Jörg Schmidt, sei die Situation der Hinterbliebenen nicht mehr so stark mit einem Tabu belegt, die kirchlichen Vorbehalte haben stark nachgelassen und der Austausch mit ebenfalls Betroffenen helfe vielen Angehörigen wortwörtlich wieder auf die Beine. „Natürlich gibt es viele Fälle, die uns richtig an die Nieren gehen. Aber wir reden uns das gegenseitig von der Seele, in Supervisionen und mit guten Freunden.“

Im Fall von Jörg Schmidt ist ihm auch sein Chor San Voices eine große Hilfe, mit dem er seine Freude an der Musik teilen kann. Der Chor, erzählt er, sei eine so tolle Gemeinschaft, dass er sich auch an harten Tagen gut aufgefangen fühle. „Ich bekomme die Energie, die ich in den Chor stecke, mindestens doppelt zurück. Da bin ich menschlich und musikalisch wunderbar aufgehoben.“


INFO: Jörg Schmidt gibt den Grünen Faden weiter an Monika Friedlein, „weil sie eine sehr vielseitig engagierte Frau ist.“

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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