Der grüne Faden Günther Hinterobermeier setzt sich für andere ein

DER GRÜNE FADEN. Da sein, auch wenn es schwierig ist – das ist nicht nur das Versprechen, das Günther Hinterobermeier einst seiner Brigitte gegeben hat. Das ist seine Lebenseinstellung auch Fremden gegenüber.

Sobald Günther Hinterobermeier auf seine Schüler trifft, gibt es erst einmal ein großes Hallo. Wie geht’s, was machst du gerade, was gibt es heute zu essen, wie geht es den Kindern? Seine Schüler kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, in denen ihnen Lebensgefahr drohte und die sie deshalb verlassen haben. Reden können sie alle, aber auf Deutsch das ausdrücken, was ihnen auf der Seele brennt? „Das ist meine Aufgabe hier in der Wilhelm-Busch-Straße“, meint Günther Hinterobermeier. Er gehört zu den Menschen, die den ersten Satz im ersten Grundgesetzartikel wörtlich nehmen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Menschenwürde, sagt er, sei ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, und wenn er so manche Abschiebeaktion mit fünfzehn, zwanzig Polizisten miterlebe, dann könne er darin keine Verhältnismäßigkeit sehen. „Wenn jemand kein Bleiberecht hat, weil er zum Beispiel in einem Nachbarland einen Aufenthaltstitel besitzt – keine Frage, dann muss er dahin zurück. Nur die Umsetzung, die kann ich oft nicht akzeptieren, weil das gegen die Menschenwürde geht.“

Nach München zum Medizinstudium

Günther Hinterobermeier kam 1950 in Erlach bei Simbach am Inn zur Welt. Sein Bruder Hans wohnt noch im Elternhaus, und schon jetzt freut er sich darauf, zu Weihnachten wieder heimzukommen. Obwohl, und das betont er sehr, Heimat bedeute für ihn nicht unbedingt ein geografisches Gebiet. „Heimat ist, wo man menschlichen Kontakt und menschliche Wärme hat und sein Leben in Frieden führen kann. Dass dann das soziale Umfeld passt, dafür hat man schon selber Sorge zu tragen.“ Er schaut mit einem fast schon väterlichen Blick auf einen seiner Schüler, der mit am Tisch sitzt und interessiert zuhört, und erklärt ihm: „Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass ihr nicht in der Isolation eurer Communitys bleibt. Wir Ehrenamtlichen sind da ganz wichtige Türöffner.“

Nach dem Abitur am Tassilo-Gymnasium in Simbach am Inn schrieb sich Günther Hinterobermeier in München zum Medizinstudium ein. In der Oberprima, erzählt er, sei er sich lange nicht sicher gewesen, ob er nicht doch Theologe werden sollte. „Glaube und Natur, das waren und sind meine Kraftquellen, und die Natur ist für mich schon fast ein sakraler Raum.“ Vor der beruflichen Entscheidung betete er intensiv in einer Waldkapelle und sah sich kurze Zeit später vor seinem inneren Auge als Arzt in der Entwicklungsarbeit. „Da war dann alles klar, weil es sich genau richtig angefühlt hat.“

Nach chronischem Nierenversagen an die Dialyse

Genauso richtig fühlte sich die erste Begegnung mit „meiner Brigitte“ an, die er im Wintersemester 1970/71 im Johanneskolleg in München traf. „Mich hat’s so richtig heftig erwischt.“ Dass die Beziehung der beiden alles andere als einfach werden würde, das war von Anfang an klar. Brigitte, die damals Pädagogik studierte, war nierenkrank und stand an der Schwelle zum chronischen Nierenversagen. Relativ schnell musste sie mit Dialyse behandelt werden, und zu alledem kam noch eine Sepsis dazu. 1974, mitten im Studium, zogen sie nach München-Ramersdorf um, organisierten für Brigitte eine Heimdialyse, und als sich Günther nach dem Examen spezialisierte, ging er ganz bewusst in die Nephrologie – die Nierenheilkunde. „Ich kannte ja nicht nur den Alltag mit Nierenerkrankungen, ich konnte mich auch wirklich in die Patienten hineinversetzen. Das war eine super Vorgabe.“

Beide Ehepartner waren kirchlich aktiv und hegten großes Interesse an der kirchlichen Entwicklungsarbeit. Selber reisen war mit der Heimdialyse nicht möglich, also bauten die beiden an ihrem Wohnort einen Dritte-Welt-Aktionskreis auf. Sie veranstalteten Basare mit fair gehandelten Produkten, sammelten für die Unterstützung von lokalen Projekten in Indien und waren an der Gründung des ersten Münchner Dritte-Welt-Ladens beteiligt. „Wir wollten Basisorganisationen unterstützen, die das Ziel hatten, Menschen auf die Beine zu helfen. Menschenrechte und vor allem auch Frauenrechte standen da sehr im Vordergrund.“ Zudem leiteten sie kirchliche Jugendgruppen, bis 1981, denn dann wurde Günther Hinterobermeier an die Hohe Warte nach Bayreuth versetzt.

Deutschunterricht in der Flüchtlingsunterkunft

Die Strukturen vor Ort sind für Günther Hinterobermeier der Ansatzpunkt, wenn er etwas verändern oder verbessern möchte. Paradebeispiel: sein Engagement in der Flüchtlingshilfe. 2010 hatte sich Günther Hinterobermeier in den Ruhestand zurückgezogen, um seine Frau nach einer Querschnittslähmung zu pflegen. Vier Jahre lang war er ausschließlich für sie da, bis sie 2014 zu Hause sterben durfte. „Schon früher bin ich nach einem anstrengenden Tag gern in die Abendmesse in Heilig Geist gegangen, um wieder Kraft zu sammeln. Und in der Trauerzeit, die ich mir selber zugestanden habe, konnte ich meine Kraftquellen wieder nutzen: Glaube und Natur.“ Er ging viel spazieren, hielt die Kontakte zu seinem Umfeld, ließ lange aufgeschobene medizinische Eingriffe vornehmen, und allmählich rührte sich in ihm wieder der Wunsch nach Aktivität und Engagement. „Ja, und dann kam der Sommer 2015 mit dem großen Andrang Geflüchteter.“

Günther Hinterobermeier nahm am runden Tisch Ausländerarbeit teil, arbeitete bei der Willkommensgruppe St. Georgen mit, schloss erste Freundschaften mit Geflüchteten und übernahm schließlich mit einem Team der Willkommensgruppe den Deutschunterricht in der Flüchtlingsunterkunft in der Wilhelm-Busch-Straße. Und wie alle, die sich in diesem Bereich engagieren, erlebte auch er die verzweifelten Szenen mit, wenn Familien mit einer Abschiebung auseinandergerissen werden.
„Der Abschiebung aus rein formalen Gründen – also wenn ein Mensch sich integriert hat, die Sprache gelernt hat, eine Arbeit und eine Wohnung gefunden hat, nicht kriminell geworden ist und niemandem auf der Tasche liegt – erteile ich persönlich die Rote Karte.“ Hier liegt auch sein dringender Wunsch und Appell für die Zukunft: ein Spurwechsel in der Asylpolitik. Es tue sich ja schon „aweng was“, zum Beispiel wenn es um Pflegehelfer gehe. Doch die politischen Vorgaben allein reichen nach Günther Hinterobermeiers Meinung nicht aus. Denn: „Es muss ja auch in den Behörden vor Ort umgesetzt werden. Und die Würde des Menschen und die Menschlichkeit müssen über all diesen Entscheidungen stehen.“


INFO: Günther Hinterobermeier gibt den Grünen Faden weiter an Verena Faßold. „Sie ist eine tolle Frau, die bei der Schützengilde St. Georgen nicht nur leistungs-, sondern werteorientierte Jugendarbeit macht.“ Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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