Der grüne Faden Die Martin-Kaiser-Formel: Erfolg = Akzeptanz x Qualität

DER GRÜNE FADEN. In dieser Folge des Grünen Fadens sollte Matthias Mörk vorgestellt werden. Aus gesundheitlichen Gründen war das nicht möglich. Daher übernimmt Monika Friedleins hochgeschätzter Kollege: Handwerksmeister Martin Kaiser.

Martin Kaiser ist nach mehreren beruflichen Stationen bei der Technischen Berufsbildung in Bayreuth angekommen. „Im Paradies“, wie er sagt. Selbst ehedem ein mittelmäßiger Schüler, ist er heute als Ausbilder der neuen Generation von Handwerksfachkräften fest davon überzeugt, dass er seinen Schülern den Stoff nicht einfach vorsetzen und einpauken kann. „Lernen ist ein selbst gesteuerter Prozess, und als Lehrer kann ich nur die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass der Schüler den Stoff annimmt, analysiert und aufnimmt.“ Kaisers Formel: Erfolg = Akzeptanz x Qualität. „Wenn ich die bestmögliche Lehrqualität anbiete und der Schüler den Stoff nicht akzeptiert, dann ist das wie eine Multiplikation mit Null – das kann nichts werden. Aber Menschen dazu zu bringen, das Beste aus sich zu machen, das ist meine schönste Aufgabe.“

Wie der Vater, so der Sohn

Martin Kaiser kam 1983 zur Welt und wuchs mit seinem älteren Bruder erst in Regensburg und dann in Neuenmarkt auf. Die Mutter war in der Altenpflege tätig. Und da der Vater Elektromeister war, konnte Martin Kaiser als Schüler schon ein paar Mal in den Beruf hineinschnuppern. „Ich habe in seiner Firma Praktika und Ferienjobs gemacht, ich wusste also ganz gut, was da auf mich zukommen würde – auch wenn die Ausbildung sich damals mitten in einer Umbruchphase befand.“

1998, mit 15 Jahren, zog er nach Nürnberg und begann nach dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss seine Ausbildung als Elektroinstallateur bei der Deutschen Post. Eine gute Wahl, wie er findet. Weil Lehrlinge nicht nur in der Ausbildungswerkstatt, sondern auch bei anderen Firmen lernen konnten. Das letzte halbe Jahr seiner Ausbildung absolvierte Martin Kaiser im Briefzentrum in Wolfsbach, leistete seinen Zivildienst beim Landesbund für Vogelschutz im Lindenhof Bayreuth ab und arbeitete dann für fünf Jahre im Briefzentrum in Amberg.

„Ich habe in meinem Leben immer ein Riesenglück gehabt"

Was Schule und besonders das Lernen in der Schulzeit angeht, so bezeichnet sich Martin Kaiser ungeschönt als „stinkfaul“. Physik und Chemie „war super, aber in den anderen Fächern war ich bestenfalls mittelmäßig“. Hätte er auf Anraten eines Lehrers Englisch nicht in der Hauptschule abgewählt, hätte er am Ende seiner Ausbildung sogar die Mittlere Reife gehabt. „Aber in den sprachlichen Fächern war ich nie gut. Ich brauchte etwas handfestes, und ich brauchte Etappenziele.“ Als er seine Ausbildung beendet hatte und in Amberg arbeitete, hatte er kein solches Ziel mehr vor Augen. Die Schule war beendet, die Lehrzeit und der Zivildienst ebenso – was also tun? „Ich habe in meinem Leben immer ein Riesenglück gehabt, wenn es um richtungsweisende Entscheidungen ging“, sinniert Martin Kaiser. „Ich entschloss mich, meinen Meister zu machen, rief bei der Handelskammer an, hatte sofort die richtigen Ansprechpartner am Telefon und bekam das Okay von meinem Chef, den Meister in Vollzeit zu machen.“

Die folgenden Monate kann man sich in etwa so vorstellen: früh und nachmittags saß Kaiser in der Schule, abends lernte er jeden Tag bis in die Nacht. „Das kostete eine Riesenmenge Energie, weil die Lernkurve eben so steil nach oben ging. Und manchmal habe ich mich auch wahnsinnig über mich selber geärgert.“ Als es um Formelumstellungen ging, zum Beispiel. In seiner Schulzeit hatte er sich nicht die Mühe gemacht, die Umstellung so zu lernen, dass er sie anwenden konnte. Also, erzählt er mit einem Lächeln, schlug er mit dem Mut der Verzweiflung bei seinem alten Schuldirektor in Neuenmarkt auf: „Ich sagte ihm, dass ich den Raum erst wieder verlasse, wenn ich Formeln umstellen kann“, erinnert er sich. „Es war Freitagnachmittag, und ich hatte echt nichts zu verlieren. Aber zu gewinnen. Und das schaffte der Herr in 20 Minuten.“

„Und irgendwann kapiert man es schon."

Martin Kaiser lacht und erzählt weiter, dass er irgendwann förmlich Angst vor sich selbst bekommen habe, als es so reibungslos funktionierte. Aber, fährt er fort, wegen solcher Erfahrungen habe er ein großes Maß an Toleranz für seine Lehrlinge bei der technischen Berufsbildung. „Und irgendwann kapiert man es schon: wenn ich etwas nicht weiß oder nicht kann, weil ich es nicht gelernt habe, dann ist es allein meine Baustelle.“

Nach der glänzend bestandenen Meisterprüfung arbeitete Martin Kaiser erst noch einmal bei der Post im Bereich Steuerungstechnik und war dann Teil des Teams, das die Firma MTS in Wolfsbach komplett neu hochzog. „MTS stellte Gasturbinenschaufeln her, und ich hatte unheimlich viel Glück, dass ich mit meinen 25 Jahren eigentlich immer die richtigen Ansprechpartner hatte, um meiner Verantwortung gerecht zu werden.“

Heute schockt ihn kein Redetermin mehr

Die Arbeit bei MTS sei oft dermaßen nervenaufreibend gewesen, dass sich Martin Kaiser nach einem zweiten Standbein umsah und schließlich eine eigene Planungsfirma gründete. 2015 wechselte Kaiser dann als Ausbilder „ins Paradies“, wie er lachend erzählt. Seinem heutigen Beruf kommt sein privater Erfahrungsschatz sehr zugute, nicht nur was Lernen betrifft, sondern auch was Motivation angeht. Als er 2014 bei der Kommunalwahl mitmischte, besuchte er unzählige Rhetorikkurse, sodass ihn heute kein Redetermin mehr schocken kann. „Ich wollte weder Bürgermeister noch Amtsträger werden, aber ich möchte mich noch stärker mit meiner Region verbinden. Der Virus namens ,Ich muss da noch mehr machen’ hat mich voll infiziert!“

Mehr machen, das ist für Martin Kaiser mittlerweile eine Lebenseinstellung geworden, mit der er ausgezeichnet fährt. Als er die ersten Abende nach Dienstantritt in der TBB nach Hause kam und wirklich Freizeit hatte, nahm er einen alten Kindheitstraum wieder in Angriff: Akkordeonspielen lernen. Hier, das erzählt er mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck, kann er seine perfektionistische Ader voll ausleben und stundenlang üben, bis er mit sich zufrieden ist. „Wenn du das im Beruf machen willst, dann arbeitest du dich auf. Aber so ein Instrument lehrt dich Konzentration, und weil es das perfekte Spiel eh nicht gibt, kann man immer etwas verbessern.“

INFO: Martin Kaiser gibt den Grünen Faden weiter an Günther Hinterobermeier, „weil er eine sehr interessante Lebensgeschichte hat. Außerdem finde ich sein Engagement mit den Sprachkursen für Migranten beeindruckend.“

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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