Der grüne Faden Asha Noppeney - Mit einem Bein ganz fest im Leben

Asha Noppeney. Foto: Andreas Harbach

Ihre herausragende Eigenschaft ist Sturheit, gepaart mit Humor, Lebensmut und Spaß am Sport. Sie entging dem Terror einer Diktatur in ihrer Heimat Uganda, wo sie verhaftet wurde und man ihr mit der Exekution drohte: Asha Noppeney.

BAYREUTH.

Eine Sache gibt es, die schafft Asha Noppeney so gut wie nie: einen ununterbrochenen Spaziergang in der Mittagspause. Die Bewegung ist ihr wichtig, die Menschen um sie herum jedoch sind es noch mehr. „Ich liebe unsere Patienten, und ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns irgendwo kurz treffen und unterhalten können.“ Asha Noppeney ist eine Migrantin, sie wuchs in einer Familie aus Migranten auf und hat schließlich auch einen Migranten geheiratet. „Herbert stammt aus Aachen, ist also in Bayreuth ein Migrant aus dem Rheinland“, sagt sie fröhlich lachend. „Aber hier gehören wir beide her. Definitiv.“

Monatelang Schmerzen gelitten

Asha Noppeney kam in Moroto in Uganda zur Welt. Von ihren sechs älteren Geschwistern lebt heute nur noch eine Schwester, zu der sie immer Kontakt hält. Und von den Schwestern war Asha die einzige, die zur Schule ging. Eigentlich war das nicht geplant, denn vor allem ihre Mutter erzog die Mädchen sehr traditionell, und sie sollten früh heiraten. Doch eine Kollision mit einem Fahrrad änderte alles. Ashas rechter Unterschenkel war schwer verletzt. Nachdem ihre Eltern sie etwa drei Kilometer zum nächsten Krankenhaus getragen hatten, nahm das Unglück seinen Lauf: „Die medizinische Versorgung war sehr schlecht, und das Wissen um Wundversorgung auch“, erzählt sie. „Meine Beinwunde infizierte sich, das Bein starb ab und wurde schließlich unterhalb des Knies amputiert.“

Wenn Asha Noppeney heute über dieses Ereignis spricht, dann vor allem davon, welche Schmerzen sie monatelang hatte. Bei jeder Gewichtsverlagerung, jeder Bewegung und jeder Berührung ihres Beines hätte sie schreien mögen. An ein annähernd normales Leben war damals in Uganda nicht zu denken. Als die Wunde dann langsam heilte und sie aus dem Bett herauskonnte, bewegte sie sich für einige Jahre ausschließlich hüpfend fort. „Prothesenversorgung? Das gab es nicht, und der erste große Fortschritt war, als mein Vater mir eine Krücke selber baute.“ All das, sinniert sie weiter, sei aber auch ein durchaus großes Glück im Unglück gewesen. Ihre Mutter stimmte nämlich nun zu, das Mädchen zur Schule zu schicken – als einziges Mädchen zu rund 100 Jungs in einer Klasse. „Das war eine harte Schule. Aber in dieser Zeit erarbeitete ich mir meine Sturheit. Ich habe mein Leben lang gegen Traditionen angehen müssen, und es hat sich sowas von gelohnt.“

Hilfe von der Heilsarmee

Große Bedeutung für Asha Noppeney hat die Heilsarmee. Ashas Vater hatte von einem Wohnheim für körperbehinderte Menschen in der Hauptstadt Kampala am Victoriasee gehört und schickte seine Tochter nun zur Ausbildung in die etwa 500 Kilometer entfernte Stadt. Bei der Heilsarmee, erzählt sie, gab es Ränge wie beim Militär, und besonders Captain Mary habe sich extrem gut um sie gekümmert. Aber die Lehrerinnen in der Schule waren äußerst streng, und als Strafmaßnahme mussten die Kinder zum Beispiel Holz hacken. „Auch ich, mit meinem einen Bein! Aber das hatte auch sein Gutes: Ich bekam keinerlei Mitleid, und das hat mich stark gemacht.“

Mit 14 Jahren bekam sie schließlich ihre erste Beinprothese angepasst, und als 1971 die Diktatur von Idi Amin begann, lernte sie für ihr Abitur. Zunächst, erzählt sie, habe sie bei verschiedenen Familienmitgliedern gelebt und gearbeitet. Mit Unterstützung eines Politikers gelang ihr dann der Sprung nach Europa, und sie studierte in Paris. Doch immer öfter hörte sie die schlimmen Nachrichten aus Uganda und fasste schließlich den Entschluss, wieder heimzugehen. „Als ich ankam, sah und hörte ich nur Bomben und Krieg, und ich dachte mir: Warum um alles in der Welt bist du hierher zurück?“

Diktatorisches Regime wollte sie ermorden lassen

Den Terror der Diktatur erlebte sie am eigenen Leib, als sie mit Anschuldigungen verhaftet wurde, die völlig aus der Luft gegriffen waren. „Sie haben mir vorgeworfen, dass ich ein Spion wäre und mich dann zehn Tage in eine leere Halle eingesperrt, ohne Klo, ohne Dusche und ohne Kontakt zu Menschen. Das war Folter.“ Später wurde sie in letzter Sekunde vor ihrer Exekution gerettet. Heute noch stehen ihr beim Erzählen die Tränen in den Augen, denn das Gefühl der völligen Hilflosigkeit hat sich tief eingeprägt. „Ich war denen völlig ausgeliefert.“

Mit Hilfe einiger Familienmitglieder und Diplomaten kam sie schließlich wieder frei und zurück nach Europa. Bis sie eine längere Aufenthaltserlaubnis erhielt, dauerte es einige Jahre. Doch trotz der unzähligen Rückschläge erhielt sich Asha Noppeney immer ihre Sturheit und auch ihren Lebensmut. „Die harte Schule von damals zahlte sich in den harten Zeiten aus. Ich biss mich durch, ich gab nie auf, und ich war überzeugt davon, dass es immer eine Lösung gibt.“ An Silvester 1985/86 lernte sie dann ihren heutigen Ehemann Dr. Herbert Noppeney kennen, die beiden zogen nach Bayreuth, und Asha arbeitete von da an in seiner Praxis mit.

Für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen

Im Jahr 2005 begann sie sich für die Sportart Nordic Walking zu interessieren, ganz besonders, als ihr ein Fachmann es ausreden wollte. „Als er sagte: ,Das können Sie nicht, war ich sofort bereit, das Gegenteil zu beweisen. Ich war damals nicht gut trainiert, aber sowas konnte ich mir ja überhaupt nicht bieten lassen.“ Sie begann zu trainieren und schraubte ihre Laufstrecken über mehrere Jahre immer weiter hoch. 2008 lief sie bereits einen Marathon in Gefrees, und heute noch ist sie dem Organisationsteam um Reinhold Zeitler, Heiner Brinkmann und Johannes Herold dankbar dafür, was sie ihr ermöglichten: „Ich durfte nachts loslaufen, damit ich mit den zweibeinigen Läufern zusammen ankomme, und Johannes hat sich als Fan vorgestellt und ist mit mir mitgelaufen.“

Die sportlichen Herausforderungen hat sie angenommen und gewonnen, und heute läuft Asha Noppeney mit Begeisterung für karitative Zwecke. Wenn „mein lieber Mann, der so viel Geduld mit mir hat, mich weiterhin gesund und erfolgreich unterstützt“, geht das abenteuerliche Leben von Asha Noppeney auf jeden Fall weiter. Sie ist für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, und auch der Posten der Botschafterin für ugandische Athleten wurde ihr angetragen. Annehmen würde sie ihn gerne. Denn: „Es wird schon langsam Zeit, dass nicht nur die kenianischen Läufer den ganzen Ruhm ernten.“

INFO: Asha Noppeney gibt den Grünen Faden weiter an Jörg Schmidt, „weil er mit dem Verein Agus - Angehörige um Suizid für viele Menschen eine große Hilfe in harten Zeiten ist. Ich finde es sehr wichtig, dass es Leute wie ihn gibt.“Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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