Demenzprojekte Mit Silberfilm zurück ins Leben

Kino bringt Freude, auch im Alter und sogar bei Demenz, sagt Sabine Distler vom Curatorium Alter gestalten, dem Initiator der Silberfilmreihe im Kintopp Hollfeld. Foto: Peter Rauscher

FRENSDORF/HOLLFELD. Eine schöne Zeit für alte Menschen gestalten, selbst wenn bei manchen von ihnen das Bewusstsein bereits durch Demenz getrübt ist: Darum geht es bei dem Projekt Silberfilm, das vor einem Jahr im Kintopp Hollfeld gestartet ist. Die Organisatoren ziehen eine positive Bilanz. Aber möglich wäre noch viel mehr.

Demenz ist kein Nischenthema, sondern geht jeden an, sagte Christine Schwendner vom bayerischen Gesundheitsministerium bei einem Fachforum des Demographie-Kompetenzzentrums Oberfranken am Mittwoch in Frensdorf (Landkreis Bamberg). Bis zum Jahr 2030 werde die Zahl der von Demenz betroffenen Menschen in Bayern um 25 Prozent auf 300.000 zunehmen. Als eines der Leitziele der bayerischen Demenzstrategie nannte sie, diesen Menschen Teilhabe auch am kulturellen Leben zu ermöglichen.

Start vor einem Jahr

„Kultur ist ein großartiges Mittel, Menschen der 70plus-Generation wieder in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“, sagte Sabine Distler vom Curatorium Altern gestalten, das die Silberfilmreihe in vier bayerischen Städten anbietet. Vor einem Jahr fiel der Startschuss in Hollfeld.  Zu den fünf Veranstaltungen im vergangenen Jahr im Kintopp kamen ihren Angaben zufolge mehr als 400 Besucher. Besonders bemerkenswert: 80 Prozent kamen wieder, jeder vierte Gast war Begleitperson.

Kino bringt Freude

Silberfilme sind bunt gemischt: Alte Schwarz-Weiß-Filme mit Marika Rökk oder Sonja Ziemann sind ebenso dabei wie neue Produktionen. Die Auswahl treffen ein ehrenamtlicher Filmbeirat und die Kinobesucher selbst durch Punktevergabe. Das Kintopp ist barrierefrei, auch Rollstühle haben Platz, die Stadt sowie einige angrenzende Gemeinden setzen einen Busshuttle ein.

Ganz wichtig seien für die Besucher Kaffee und Kuchen im Kintopp vor Beginn der Aufführung. „Die Zeit dafür mussten wir sogar verlängern“, sagte Distler. Kino im Alter bringe Freude, fördere das Lernen und das Gemeinschaftsgefühl und belebe die Infrastruktur. Auch wenn bei sieben Euro Eintritt, von denen 43 Prozent an den Filmverleih abgeführt werden, nicht viel Geld übrig bleibe, sei Silberfilm eine Bereicherung, sagte Kintopp-Geschäftsführerin Ruth Dormann. „Es macht einfach Spaß zu sehen, welche Freude auch demente Menschen im Kino haben“, sagt Winfried Hartl, Vorsitzender des Vereins Kintopp-Hollfeld.

Standorte gesucht

Diese Freude würde Silberfilm gern weiter verbreiten, neue Standorte in Oberfranken werden gesucht. Es braucht nicht mal ein richtiges Kino wie in Hollfeld, die Filme könnten auch über Beamer auf der Leinwand gezeigt werden, sagte Dister. Und Filme sind auch nur eine von vielen Möglichkeiten, Menschen mit und ohne Demenz kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Der Kölner Verein dementia +art bringt seit einigen Jahren Menschen mit Demenz auch Musik und sogar Museumskunst nahe. „Kulturelle Teilhabe ist Teil der Menschenwürde“, zitierte Geschäftsführer Jochen Schmauck-Langer in seinem Vortrag die UN-Behindertenrechtskonvention.

In Konzerten und Museen

 So haben er und seine Mitstreiter seit 2013 mit Menschen mit Demenz rund 70 Kammerkonzerte des Symphonieorchesters des SWR besucht und mehr als 200 Führungen in den großen Museen der Region organisiert. Während die ausgewählten Musik-Aufführungen – die Veranstaltungen dauern jeweils 60 Minuten - Menschen mit Demenz immer erreichten, laufen Führungen durch Kunstmuseen anders ab als gewohnt. Statt Vorträgen über Künstler und Kunstwerk zu hören, erarbeiten sich die Besucher die Kunstwerke selber. Was sieht man auf einem Bild, welche Gefühle spiegeln Gesicht und Körperhaltung der gemalten Figuren wider, was kann die Ursache für diese Gefühle sein? Immer bei der Gruppe dabei sind ein Akkordeonspieler, der ein passendes Lied anstimmt, und ausreichend speziell ausgebildete Begleiter.

Aktivierung über Emotionen

„Demenz lässt die Emotionen der Menschen unangetastet, über diese Emotionen lassen sie sich gut aktivieren“, beschreibt Schmauck-Langer den Schlüssel, diese Menschen trotz ihrer kognitiven Einschränkungen zu erreichen. Das funktioniere sogar, wenn die Demenz so weit fortgeschritten ist, dass Museumsbesuche nicht mehr möglich sind. Schmauck-Langer besucht diese Menschen mit einem großen Koffer voller Bilder und Objekten vom alten Köln im Pflegeheim. Der Akkordeonspieler ist auch dabei.

Leuchttürme in Oberfranken

Im Vergleich zu Köln sei Oberfranken zwar eine ländliche Region, in Bamberg und Bayreuth sieht er aber einige „Museumsleuchttürme“, die beim Thema kulturelle Teilhabe mit gutem Beispiel vorangehen könnten. Hier wie dort geht es dabei nur um eines: Dass Menschen mit und ohne Demenz eine gute Zeit haben können.


Info: Als nächsten Silberfilm präsentiert das Kintopp Hollfeld am Freitag, 22. März, um 14.30 Uhr die 2009 gedrehte Komödie "Dinosaurier – gegen uns seht ihr alt aus", mit Walter Giller und Nadja Tiller.

 

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