Das unsichtbare Stoppschild

Das Stoppschild an der Roglerstraße in Gefrees wird oft übersehen, sagt ein Anwohner. Die Polizei sagt, hier ist kein Unfallschwerpunkt. Foto: Andreas Gewinner

Mitten in Gefrees macht die alte B 2 einen scharfen Knick. Da, wo die Hofer Straße zur Hauptstraße wird, gilt Vorfahrt. Wer aus Richtung Kornbach kommt, muss halten. Die offiziellen Stellen sagen: Unfalltechnisch ist hier alles im grünen Bereich. Ein Anlieger, der schon sein ganzes Leben hier lebt, sagt das Gegenteil. Wer hat recht?

Eigentlich ist die Sache klar: Stopp heißt Stopp. Das Stoppschild, das an der Einmündung der Roglerstraße steht, ist zusätzlich 50 Meter zuvor vorangekündigt. Und zusätzlich auf den Straßenbelag ist ein Stoppschild aufgemalt.

An dieser Straßenecke ist Thomas Gesell aufgewachsen, hier lebt er noch heute und hat auch sein Büro, das auf die Roglerstraße rausgeht. Er erzählt von früher. Als hier noch eine Engstelle war, ein Bauernhof, dort, wo heute die Pizzeria ist. Früher wurde hier der ganze Schwerverkehr aus den Steinbrüchen im Osten der Stadt abgewickelt. Aber wegen der Engstelle und weil noch nicht so viel Verkehr war, war das Eck Rogler-/Hofer/Hauptstraße früher unproblematisch.

Das sei heute anders, sagt Gesell. Er hat im Laufe der Jahre zahlreiche Fälle beobachtet, in denen Autofahrer ohne zu bremsen aus der Roglerstraße auf die Hauptstraße einfuhren. Offenbar, weil die Fahrer das Stoppschild übersahen. Und durch die gerade Verbindung von Rogler- und Hauptstraße sich auf einer Vorfahrtstraße wähnten. Extrem sei es, wenn man dabei – abhängig von der Jahres- und Tageszeit – direkt in die tief im Westen stehende Sonne blicke.

Nächtlicher Unfall

Im vorletzten Jahr hat er einen Unfall miterlebt, der viel schlimmer hätte ausgehen können. Er hörte in seinem Büro kurz vor Mitternacht, wie ein Lastwagen ungebremst das Stoppschild überfuhr, dann einen gewaltigen Schlag. Als er vors Haus trat, sah er einen tschechischen Autolastzug und ein beschädigtes Auto, das sich gedreht hatte. „Der Fahrer des Lastzugs ist zum Glück nach links auf die Gegenspur der Hauptstraße ausgewichen, so hat er das andere Auto nur vorne erwischt und die junge Fahrerin kam mit einem Schock davon. Wäre er geradeaus in die Hauptstraße gefahren, wäre er genau in der Fahrerseite des anderen Autos eingeschlagen.“

Gesells Wahrnehmungen finden sich in den offiziellen Zahlen nicht wieder. In den letzten sechs Jahren hat es an dieser Einmündung drei Unfälle mit zwei Verletzten gegeben, die der Polizei angezeigt wurden, so Jürgen Schenkel, Verkehrssachbearbeiter bei der Polizeiinspektion Bayreuth-Land. Nur einer der drei Unfälle sei wegen übersehenem Stoppschild geschehen. Bei den anderen beiden hätten die Verursacher das Stoppschild beachtet, beim Einfahren dann aber einen Bevorrechtigten übersehen. Vor einiger Zeit hatte es einen Ortstermin wegen des Schilds gegeben, kann sich Schenkel erinnern. Damals wurden verschiedene Optionen erwogen: Schnell wieder verworfen wurde die Idee, die Vorfahrt zu ändern. „Dann hätten wir wirklich einen Unfallschwerpunkt“, ist Schenkel überzeugt. Ein zweites Stoppschild auf der linken Straßenseite – scheiterte mangels Platz. Auch die Idee, das Schild bei Dunkelheit zu beleuchten, wurde verworfen. Blieb ein zusätzliches kleines Stoppschild auf dem Vorwegweiser an der Egerstraße kurz vor der Neuenreuther Straße. Dies soll im Frühjahr aufgebracht werden, so Fritz Baumgärtel vom Staatlichen Bauamt Bayreuth.

Gibt es zu viele Schilder?

Schenkel ist seit Jahrzehnten bei der Polizei, seit 16 Jahren kümmert er sich um das Thema Verkehr im Landkreis. Beim Thema Schilder kommt er ins Philosophieren: „Vielleicht werden Schilder auch gerade deswegen übersehen, weil heute so viele mehr stehen als früher. Früher hätte bei einer solchen Verkehrssituation ein Stoppschild gestanden, fertig.“

Thomas Gesell kann sich dem nicht anschließen. Als in den 1980er Jahren das Stoppschild zusätzlich auf die Straße gemalt wurde, sei es schlagartig besser geworden. Andererseits hätten die Vorfahrtfehler in dem Maße zugenommen, in dem die weißen Markierungen auf der Straße abgefahren waren. Deswegen hat er in der Vergangenheit auch schon mal zur Selbsthilfe gegriffen. Weiße Farbdosen gekauft und nachts die abgefahrenen Markierungen selbst nachgesprüht. Und er hätte noch eine andere Idee: „Warum macht man nicht einen Geschwindigkeitstrichter mit zunehmenden Tempolimits?“

Bis es vielleicht so weit ist, wartet er auf den nächsten großen Knall. Und am gestrigen Donnerstagvormittag war es so weit: Zwei Autos stoßen vor seinem Haus zusammen. Die Polizei sagt: Die Verursacherin hat nicht das Stoppschild übersehen. Sie ist wetterbedingt in die Einmündung gerutscht.

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading