Das Rathaus Ahorntal ist verseucht

Die Gemeinde Ahorntal braucht ein neues Rathaus. Eine Untersuchung hat ergeben, dass das Holzgebälk in dem denkmalgeschützten Haus seit 36 Jahren verseucht ist. Die Schädlingsbekämpfungsmittel Pentachlorphenol (PCP) und Lindan sind bereits im Blut der Gemeindemitarbeiter nachgewiesen worden. PCP gilt als krebserregend, Lindan steht im Verdacht krebserregend zu sein. Beide Stoffe sind durch Holzschutzmittel in das Rathaus gekommen.

Im März wurden Proben genommen. Bürgermeister Gerd Hofmann hatte das selbst veranlasst. Weil er und andere Mitarbeiter des Rathauses sich häufig krank gefühlt hätten. Seit Mai liegen die Ergebnisse vor. Hofmann spricht von einem Hammer. In der ersten Etage und im Dachgeschoss liegen die Werte von PCP und Lindan deutlich über Richtwerten. Staubproben haben um das 200-fach erhöhte PCP-Werte ergeben und um das 75-fach erhöhte Lindan-Werte. Die Grenze, ab der die Stoffe im Verdacht stehen Krebs zu erregen, seien um das vier- beziehungsweise neunfache überschritten. Und das, obwohl die Untersuchung im Frühjahr bei 7,5 Grad Außentemperatur stattgefunden habe. Mit steigender Temperatur setze das Holz den Giftstoff aber weiter frei. Soll heißen: Im Sommer sind die Werte nochmals deutlich höher. In dem Gutachten heißt es, Mitarbeiter könnten den verunreinigten Staub jahrelang über offene Getränke und Lebensmittel zu sich genommen haben.

Keine Spinnen und tote Fliegen

Zur Gemeinderatssitzung sind daher alle Mitarbeiter der Verwaltung erschienen. Später erzählen sie, dass man sich schon lange darüber gewundert habe, dass es im Rathaus keine Spinnen gebe. Und dass Fliegen tot vor den Fenstern lagen. Mitarbeiter sagen auch: Der Tod des ein oder anderen Kollegen erscheine jetzt in einem anderen Licht. Ob es etwas mit dem verseuchten Gebäude zu tun hat, wird niemand mehr herausfinden können, sagt Bürgermeister Gerd Hofmann. Das Gesundheitsamt des Landkreises sagt dazu: "Der Zusammenhang von PCP und Lindan in der Raumluft und möglicherweise aufgetretener Krebserkrankungen von Menschen, die sich in den Räumen aufgehalten haben, gestaltet sich aufwendig." Entscheidend seien neben Aufenthaltsdauer und weiteren Belastungen wie Rauchen, auch genetische Faktoren.

Erste Untersuchung 1995

Brisant: Schon 1995 soll ein Gutachten eine Belastung des Gebälks ergeben haben. Damals war Herbert Dannhäuser Bürgermeister der Gemeinde Ahorntal. Warum er damals keine Maßnahmen ergriffen hat, erklärt er so: Er habe alle Mitarbeiter zur Blutuntersuchung geschickt und anschließend nach dem Ergebnis befragt. Auffällige Werte seien ihm nicht gemeldet worden. 

Auch Gerd Hofmann hat seine Mitarbeiter zum Arzt geschickt. Das Ergebnis ist diesmal ein ganz anderes. Hofmann berichtet von PCP- und Lindan-Werten über zwei Mikrogramm pro Liter Blut - bei Mitarbeitern, die noch gar nicht lange im Rathaus beschäftigt seien.

Die letzte Sitzung im Rathaus

Der Gemeinderat hat daher entschieden: Im Rathaus will er nicht mehr tagen. Die Sitzungen werden ab sofort ins Feuerwehrhaus verlegt. Auch Trauungen sollen nur noch auf ausdrücklichen Wunsch im Rathaus stattfinden. Dazu hat der Gemeinderat den Besprechungsraum im Feuerwehrhaus zum Trauzimmer gewidmet. Und: Die Räte haben beschlossen, einen Architekten mit der Planung eines neuen Rathauses zu beauftragen. Bis das steht, sind die Mitarbeiter der Verwaltung den Schadstoffen weiter ausgesetzt. Bürgermeister Gerd Hofmann sagt, sie hätten sich damit einverstanden erklärt. Er rechnet mit der Fertigstellung eines Neubaus in spätestens drei Jahren. Diesen Zeitraum hat auch das Gesundheitsamt des Landkreises der Gemeinde gesetzt. Und die Behörde rät dazu, die Räume solange regelmäßig zu lüften und feucht zu wischen.

Sanierung unwirtschaftlich

Die Sanierung des Rathauses ist kein Thema. Weil ein Austausch aller Holzbalken einem Neubau gleich käme und weil ein großflächiges Abhobeln der belasteten Schicht die Statik des Rathauses gefährden könnte. Hofmann sagt: "Und dass das Problem damit gelöst ist, kann uns trotzdem niemand garantieren."

Wie lange die Mitarbeiter den Schadstoffen noch ausgesetzt sind, hängt vor allem auch davon ab, wo das neue Rathaus gebaut wird. Entsteht es am Ortseingang, gegenüber der Grundschule, könnte das noch bis zu drei Jahre dauern. Lässt die Gemeinde das Rathaus abreißen und baut es an Ort und Stelle neu, müsste die Gemeinde schon früher ausziehen. Ob in das Feuerwehrhaus oder in ein Containerdorf auf dem Festplatz, soll geprüft werden. Kosten der Container: über hunderttausend Euro. Dazu kommen die Kosten des Neubaus, die Verwaltungsleiter Christian Arneth auf rund eine Million Euro schätzt. Vorteile und Nachteile beider Varianten soll ein Architekt jetzt untersuchen. Fällt dann die Entscheidung für einen Bauplatz an der Schule, könnte dort in Kombination mit Sparkasse, Dorfladen und Kindergarten ein völlig neues Zentrum entstehen.

Abriss trotz Denkmalschutz?

Aber darf die Gemeinde das Rathaus überhaupt abreißen? Das Amt für Denkmalschutz sagt dazu:  "Der Abbruch bedarf einer denkmalschutzrechtlichen Erlaubnis." Aber grundsätzlich sei der Eigentümer verpflichtet, Baudenkmäler instand zu halten oder instand zu setzen. Ein Abbruch sei nur dann zulässig, wenn Erhalt oder Sanierung wirtschaftlich nicht zumutbar sei. Und wenn das direkt an das Rathaus gebaute Wohnhaus durch den Abbruch nicht gefährdet sei.

Das Rathaus ist eines der ältesten Häuser im Ort und eines der wenigen, das dem großen Brand um 1780 nicht zum Opfer fiel. In dem Haus waren bereits Bauernhof, eine Schule und ein Wohnhaus untergebracht, bevor es 1979 von der Gemeinde saniert und zum Rathaus umfunktioniert wurde. Zuvor, also von der Gebietsreform 1972 bis zur Sanierung des Hauses 1979, war die Verwaltung kurzfristig in einer Gaststätte untergebracht.

Investor gesucht

"Die Zukunft des Gebäudes ist erst der zweite Schritt", sagt Bürgermeister Gerd Hofmann. Denkbar sei demnach auch, einen Investor zu finden, der das Haus saniert. Wird es dem Erdboden gleich gemacht, könnte im Ortskern von Kirchahorn ein Dorfplatz entstehen.

Info: Das sind PCP und Lindan

Der Verkauf und die Anwendung von von Pentachlorphenol (PCP) ist in Deutschland seit 1989 verboten. Zuvor war PCP der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff in Holzschutzmitteln. Das Bayerische Landesamt für Umwelt stuft PCP als krebserzeugend ein. Es sei darüber hinaus verantwortlich für Nerven- und Gelenkschmerzen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen. In vielen Holzschutzmitteln wurde PCP mit Lindan kombiniert. Über Lindan sagt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, es wirke vor allem schädigend auf Nerven und Leber. Aufgrund von Tierstudien steht auch Lindan im Verdacht krebserregend zu sein.

 

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