Das lange Warten auf den Facharzt

Sprechstunde beim Frauenarzt: Termine bei Fachärzten sind oft schwer zu bekommen. Dr. Ulrich Megerle, oberfränkischer Ärztechef und Frauenarzt aus Bayreuth, rät: In dringenden Fällen hilft dabei der Hausarzt. Foto: Andreas Harbach

Eine Facharztbehandlung in Bayreuth zu bekommen, sollte eigentlich kein Problem sein. Seit fast zwei Jahren gilt die Garantie, dass jeder gesetzlich Versicherte binnen vier Wochen einen Facharzttermin erhalten soll. Nun aber häufen sich Klagen in der Region: Facharzttermine gibt es demnach entweder sehr spät oder gar nicht oder nur bei Ärzten weit weg. Was ist dran am gefühlten Facharztmangel?

Gudrun Brendel-Fischer, stellvertretende CSU-Fraktionsvorsitzende im Landtag aus Bayreuth, ist mehrfach auf das Problem angesprochen worden. Sie hat daraufhin einen Aufruf im sozialen Netzwerk Facebook gestartet. Über das Echo staunt sie selber: „Mehr als 40 Betroffene haben geantwortet.“ Zwei Frauen berichten zum Beispiel von sechs Monaten Wartezeit beim Psychologen oder Psychiater, mehrere finden keinen Frauenarzt in Bayreuth, nachdem ihre bisherige Ärztin nur noch Privatpatienten annimmt, von mindestens drei Monaten Wartezeit beim Hautarzt und Orthopäden berichtet ein Mann.

Beispiel 1: Der Radiologe

Eine, die den Stein ins Rollen gebracht hat, ist Eveline Speckner-Schmalz. Die Bayreutherin war zu Brendel-Fischer in die Sprechstunde gekommen, weil sie der Umgang mit ihrem geistig behinderten Sohn empört. Der 35-Jährige leidet an der Knochenkrankheit Osteoporose, sein Hausarzt überwies ihn zu einer speziellen Knochendichtemessung an einen Radiologen. Der einzige Radiologe in Bayreuth, der diese Untersuchung durchführen könne, habe aber seine Kassenzulassung zurückgegeben, sagt Speckner-Schmalz. Die AOK sei nicht bereit gewesen, die Behandlung bei diesem Arzt – obwohl Kassenleistung – zu bezahlen und habe sie an Fachärzte in Hof, Rehau, Kronach oder Bamberg verwiesen. Allerdings: Die Fahrtkosten dorthin für Patient und Betreuer habe die Kasse nicht erstatten wollen. „Erst kriege ich keinen Arzt in Bayreuth und muss weit fahren, obwohl meinem Sohn die Behandlung auf Kassenkosten zusteht, und dann bekomme ich noch nicht einmal die Fahrtkosten ersetzt“, empört sich Speckner-Schmalz. „Ich bin als Beamtin privat krankenversichert und bekomme alles bezahlt, mein Sohn bei der AOK stößt dagegen überall auf Hindernisse.“

Sie könne es sich zwar finanziell leisten, ihren Sohn in eine andere Stadt zu bringen oder die Behandlung in Bayreuth privat zu bezahlen, aber andere Patienten mit wenig Geld in ähnlicher Situation nicht. Diese Ungleichbehandlung könne nicht sein. Sie habe beim Hautarzt selber erlebt, dass sie als Privatversicherte binnen zweier Wochen einen Termin bekommen habe, eine gesetzlich Versicherte bei gleicher Dringlichkeit der Behandlung musste dagegen vier Monate warten.

Beispiel 2: Der Nervenarzt

Auch Kerstin Barth-Schmitt aus Bayreuth hatte sich bei einem Besuch im Landtag an Brendel-Fischer gewandt. Ihre 87-jährige Mutter brauchte als Kassenpatientin dringend einen Termin beim Nervenarzt, unter anderem zur Einstellung ihrer Medikamente. Zunächst erhielt sie von ihrem Facharzt in Bayreuth die Auskunft, sie möge es in einem Vierteljahr wieder probieren, dann wurde festgestellt, dass sie länger als fünf Jahre nicht mehr in der Sprechstunde war. Damit galt sie als neue Patientin, und als solche würde sie möglicherweise gar keinen Termin mehr erhalten. Kerstin Barth-Schmitt wandte sich in ihrer Not an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung, die seit 2016 binnen vier Wochen Facharzttermine vermitteln soll. Das tat die KV-Stelle auch für Barth-Schmitt – allerdings bei einem Facharzt in Pegnitz. Das Problem: Die Tochter ist selber krank. „Ich kann meine Mutter in ihrem schweren Elektrorollstuhl nicht hinbringen“, sagt sie. „Meine Mutter kann sich mit ihrer kleinen Rente kein Taxi nach Pegnitz leisten, und die AOK würde nur eine Fahrt innerhalb der Stadt Bayreuth bezahlen.“ Für Barth-Schmitt ist das ein Teufelskreis: „Zum Weinen.“

Die AOK scheint allerdings Spielraum zu haben. Fahrtkosten zu einer weiter entfernten Behandlung dürfe sie „nur im Ausnahmefall“ erstatten, teilt eine Sprecherin mit. Eine Ausnahme könne bei sehr schwerer Behinderung vorliegen, so das bayerische Gesundheitsministerium. Betroffene Personen sollten sich an ihre zuständige AOK-Direktion wenden.

Barth-Schmitt und andere, die sich bei Brendel-Fischer beschwerten, hätten aber gerne Fachärzte im Stadtgebiet, auch für sich selber. Ihre Frauenärztin sei in eine andere Stadt gezogen, sagt Barth-Schmitt. „Jetzt kriege ich bei keiner anderen einen Termin.“ Sie möchte eine Frau als Ärztin, „aber bei mindestens zehn bin ich schon abgeblitzt“.

Die offizielle Version: Überversorgung

Die ärztliche Versorgung sicherstellen muss laut Gesetz die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Nach ihren offiziellen Zahlen gibt es keinen Facharztmangel, sondern im Gegenteil sogar eine Überversorgung in der Kreisregion Bayreuth: 158 Prozent Versorgungsgrad bei Frauenärzten, fast 160 Prozent bei Nervenärzten, 184 Prozent bei Orthopäden und 182 Prozent bei Radiologen in Ostoberfranken. Fatale Folge: In überversorgten Regionen dürfen sich keine neuen Fachärzte ansiedeln, selbst wenn sie wollten.

Dr. Peter Heinz ist Regionaler Vorstandsbeauftragter der KV für Oberfranken. „Auf dem Papier herrscht fast überall Überversorgung, aber die Planung aus den neunziger Jahren trägt den heutigen Gegebenheiten nicht mehr Rechnung“, sagt der Augenarzt aus Schlüsselfeld. Verantwortlich für die Planung sei der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern, und dieser habe gerade ein neues Gutachten über die Bedarfsplanung in Auftrag gegeben.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), gelernte Ärztin, nimmt die KV dagegen in die Verantwortung. Ebenso wie bei Hausärzten könnten Kassenärzte und Krankenkassen auch bei Fachärzten die Planungsregionen teilen. Dann würde besser deutlich, wo möglicherweise Fachärzte fehlen, sagte Huml dem Kurier. Allerdings sei das bisher nirgendwo in Bayern geschehen.

Die Versorgung muss nur ausreichend sein

Dr. Ulrich Megerle, Vorsitzender des ärztlichen Bezirksverbandes Oberfranken und Frauenarzt aus Bayreuth, sieht politische Ursachen für den Widerspruch zwischen gefühltem Fachärztemangel und offizieller Überversorgung. „Das Sozialgesetzbuch schreibt im Rahmen des sogenannten Sicherstellungsauftrages vor, dass die Versorgung der Patienten ausreichend und zweckmäßig zu sein habe, sie dürfe das Maß des Notwendigen nicht überschreiten und müsse wirtschaftlich erbracht werden. Das verstünden viele Menschen nicht, zumal Politiker nie nur „ausreichende“, sondern gute oder sehr gute medizinische Versorgung versprächen. Kassenpatienten bezahlten hohe Beiträge und erwarteten dafür auch gute Leistung. Heinz sagt, deutsche Patienten stellen besonders hohe Ansprüche. „Mit 18 Arztbesuchen im Jahresschnitt ist Deutschland Weltspitze.“

Wenn’s dringend ist, muss der Hausarzt helfen

In einigen Punkten sind sich Megerle und Heinz mit der Ministerin aber einig: Gesetzlich Versicherten müsse klar sein, dass sie sich Zeit nehmen müssten, wenn sie einen nicht dringenden Termin beim Facharzt brauchen. In vielen Fällen kämen Patienten trotz vereinbarter Termine nicht und blockierten so Arzttermine, sagt Heinz.

Dass eine Patientin bei zehn Frauenärzten keinen Termin bekommt, „ist nicht zufriedenstellend“, sagt Huml. Megerle stellt klar: Eine Versicherte könne es sich nicht aussuchen, dass sie eine Frau als Frauenarzt haben wolle. Wenn die KV ihr einen männlichen Frauenarzt vermittle, habe sie ihren Auftrag, ärztliche Versorgung zu gewährleisten, erfüllt. Eine Befragung im Raum Bayreuth vor wenigen Monaten habe ergeben, dass bei Frauenärzten noch Kapazitäten frei seien, sagt Dr. Heinz. Einen Termin beim Nervenarzt in Bayreuth zu bekommen, sei dagegen „ein echtes Problem“, sagt Megerle. Aber auch hier gelte: Wenn ein Arzt erkenne, dass kurzfristig und dringend behandelt werden müsse, wird er zum Telefon greifen und den Kollegen der Fachrichtung persönlich anrufen. Das funktioniere meist innerhalb von zwei bis drei Wochen. In Notfällen gebe es das Nervenkrankenhaus.

Fachärzte gehen demnächst in den Ruhestand

Ärzte und Ministerin raten Versicherten, die keinen Facharzttermin bekommen, sie sollten sich auf jeden Fall zuerst an die Terminservicestelle wenden. Wenn ihnen dort nicht geholfen werden könne, auch an die KV direkt, die dann den Kontakt zu Kollegen herstelle.

Nach Ansicht von Brendel-Fischer sind die ihr geschilderten Wartezeiten und vergebliche Suchen nach Fachärzten unhaltbare Zustände. „Das ist ein großer Auftrag an die neue Koalition in Berlin, diese Missstände abzuschaffen“, sagte sie. In Deutschland, nicht nur in Bayern, müssten deutlich mehr Medizinstudienplätze geschaffen werden. Der Freistaat könne das nicht alleine stemmen, ein Medizinstudienplatz koste 250 000 Euro.

Unterstützt wird Brendel-Fischer von Gesundheitsministerin Huml. „Oberfranken ist derzeit zwar gut versorgt, aber wir brauchen mehr Ärztenachwuchs“, sagte sie. Andernfalls dürfte sich das Problem verschärfen. Viele Fachärzte würden demnächst in den Ruhestand gehen. Im Raum Bayreuth sind Frauenärzte mit 55,9 Jahren im Schnitt zweieinhalb Jahre älter als in Bayern und gehen entsprechend früher in den Ruhestand. Spätestens dann dürfte aus dem gefühlten ein akuter Facharztmangel werden.

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