Das erste Elektroauto kam aus Kulmbach

Siegfried Müller aus Bayreuth rüstete in den 70er Jahren die BMW-Isetta auf Elektroantrieb um. Foto: Andreas Harbach

„Wir waren unserer Zeit weit voraus.“ Etwas wehmütig blickt der Bayreuther Kraftfahrzeugmeister Siegfried Müller zurück in die 70er Jahre. Damals baute er mit anderen Tüftlern das erste Elektroauto in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus.

Nach der weltweiten Ölkrise im Herbst 1973 sei der Plan eines Elektroautos noch einmal aus der Schublade geholt worden, erinnert sich der 77-Jährige. So bauten der Kulmbacher Ingenieur Erich Pöhlmann und sein Mitarbeiter Siegfried Müller von den damaligen Kulmbacher Klimawerken KKW eine BMW-Isetta zum Prototypen eines Elektroautos um. Ein zehn PS starker Elektromotor, von drei schweren Bleibatterien angetrieben, wurde in den kultigen Zweisitzer eingefügt.

Reichweite 60 Kilometer

Um dem hohen Eigengewicht gerecht zu werden, veränderten die Tüftler einiges an der Isetta: Die Blattfedern wurden verstärkt, spezielle Stoßdämpfer eingebaut. Ferner wurde ein Ladegerät installiert, um die Batterien über Nacht aufzuladen. Das Fahrzeug schaffte eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde, die Reichweite betrug 60 Kilometer. Die Isetta wurde vom TÜV abgenommen und war straßenverkehrstauglich.

Tödlich verunglückt

Eine weitere seriöse Quelle bestätigt die Vorreiterrolle. Das erste Elektroauto, das nach dem Krieg in Deutschland entwickelt wurde, habe aus Oberfranken gestammt. Das berichtete der damalige Regierungspräsident Wilhelm Wenning bei der Eröffnung einer Wanderausstellung zur Elektromobilität im Juni 2015 in Bayreuth. So hätten Erich Pöhlmann und Siegfried Müller 1973/74 eine Isetta auf Elektroantrieb umgerüstet.

Zusammen mit dem Stromkonzern RWE aus Essen sei der Prototyp in den 80er Jahren zum sogenannten „Pöhlmann EL“ weiterentwickelt worden – mit Tempo 115 das schnellste Elektroauto der Welt. Doch der schnittige Zweisitzer mit Flügeltüren und einem Preis von 78.000 Mark verkaufte sich nicht. Sein Entwickler Erich Pöhlmann verunglückte im Alter von 76 Jahren mit seiner Segeljacht 2008 auf hoher See nahe Neuseeland – ist seitdem spurlos verschwunden.

"Die Reichweite war zu gering"

„Die Politik hat sich zu wenig um die Elektromobilität gekümmert“, blickt Müller zurück. Von der Elektro-Isetta habe es nur ein Exemplar gegeben. Pöhlmann habe den Zweisitzer regulär zugelassen (KU-K 192) und sei mit dem Stadtflitzer zur Arbeit und in der Freizeit gefahren. „Die Reichweite war zu gering“, benennt Müller das Hauptproblem.

Eingebaut waren drei schwere Bleibatterien, die das Gewicht der kleinen Isetta massiv erhöhten. „Als die Ölkrise vorbei war, sanken die Kraftstoffpreise wieder. Das Interesse am Elektroantrieb verblasste“, erinnert sich der Tüftler. Politik und Wirtschaft hätten das Elektroauto ausgebremst. „Wenn die Industrie eingestiegen wäre, wäre Deutschland heute auf dem Sektor weltweit führend“, ist er überzeugt. Doch ihre Wege trennen sich: Pöhlmann machte sich in Kulmbach selbstständig, baute das „EL“; Müller wechselte zum Straßenbauamt nach Bayreuth.

Gutes und sicheres Fahren

Carla Brendel aus Kulmbach war 15 Jahre lang Geschäftspartnerin von Pöhlmann, mit der anfänglichen Isetta-Umrüstung hatte sie nichts zu tun. Die heute 69-Jährige kümmerte sich um das Kaufmännische, der Ingenieur um die Technik des neuen Elektroautos „EL“, von dem nur elf Exemplare gebaut worden seien. In der Isetta ist sie mitgefahren, noch heute schwärmt sie von der „guten Beschleunigung“.

Der kleine Flitzer mit Elektroantrieb habe „gutes und sicheres Fahren“ geboten. „Die dunkelrote Isetta gehörte damals in das Kulmbacher Stadtbild“, sagt die Zeitzeugin. Mit Wehmut blickt auch sie zurück: „Das hätte man schon vor 20 Jahren machen können. Die Technik war vorhanden.“

Die Technik passte

„Die Euphorie der Beteiligten war groß“, schwärmt Karl Friedrich. Der Kfz- und Maschinenbaumeister aus Kulmbach hatte die Isetta mit umgerüstet und später später das „Pöhlmann EL“ gebaut. „Wir waren von der Technik her so weit wie heute“, erzählt der 65-Jährige stolz. „Wir haben gesagt, der Elektroantrieb ist eine gute Ergänzung zum Verbrennungsmotor.“ Auch er ist fest davon überzeugt, dass die Isetta das erste Elektrofahrzeug nach dem Krieg in Deutschland war. Das Fahrzeug sei alltagstauglich gewesen, Erich Pöhlmann habe damit die Strecke Kulmbach-Bayreuth und zurück problemlos bewältigt. Ja, die Elektro-Isetta, sie war einmal ...

 

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