CSU und SPD: Die Wahlparty bleibt aus

aGedämpfte Freude bei der CSU: Während die Union Wähler verliert, tritt Silke Launert die Nachfolge von Hartmut Koschyk im Bundestag an. Fotos: Andreas Harbach

Partystimmung will nicht aufkommen bei der CSU in „Engin’s Ponte“. Zwar hat Silke Launert im ersten Anlauf und mit rund 25 Prozent Vorsprung auf Anette Kramme von der SPD das Direktmandat in Bayreuth und Forchheim geholt. Die schweren Verluste der Union auf Bundesebene setzen aber auch den Christsozialen in Bayreuth zu.

Es ist 18 Uhr. 250 CSU-Mitglieder sind gekommen und verfolgen die erste Hochrechnung der ARD. Nur 32,5 Prozent der Stimmen entfallen zu diesem Zeitpunkt auf die Union, davon gerade einmal sechs Prozent auf die CSU. Die SPD landet bei nur 20 Prozent. Für alle Beteiligten ist es eines der schlechtesten Ergebnisse der Geschichte. Während es bei den Bayreuther Genossen heißt, man habe das so kommen sehen, herrschen bei der Bayreuther CSU Entsetzen und betretenes Schweigen. Als eine erste Hochrechnung die AfD im Bund bei 13,5 Prozent sieht, rufen einige „Scheiße!“, andere „Boah!“. Minuten später verkündet Alexander Gauland, der Spitzenkandidat der AfD, im Fernsehen, die Regierung „jagen“ zu wollen. Altoberbürgermeister Michael Hohl (CSU) spricht von einer Katastrophe und Anette Kramme (SPD) von „schierem Entsetzen“.

"Silke, Silke"

„Die Volksparteien verlieren so viel, dass man sich fragen muss, ob sie das Volk noch vertreten“, sagt Jörg Schönenborn in der ARD. Beinahe zeitgleich werden aus dem Bayreuther Rathaus die ersten Ergebnisse gemeldet. Demnach hat Launert 76 Prozent der Erststimmen geholt. „Silke, Silke“ rufen ein paar wenige, der Rest klatscht. Dann greift der Bundeswahlkreisgeschäftsführer Sebastian Machnitzke zum Mikrofon. „Das ist noch nix Besonderes“, sagt er kurz. Tatsächlich ist gerade einmal das erste von 352 Wahllokalen ausgezählt. Der Wert zeigt nicht mehr als eine große Zustimmung für Launert in Mistelgau. „Aber die Tendenz ist gut“, findet Hohl.

Weinfest und Flugblätter

Bei anderen überwiegt der Frust über die sich anbahnenden schlechten Ergebnisse auf Bundesebene. Im „Ponte“ liegen Flugblätter aus. Die CSU wirbt darauf für ein Weinfest auf der Wilhelminenaue, das sie am kommenden Samstag selbst ausrichtet. „Hoffentlich ist da gutes Wetter“, sagt eines der CSU-Mitglieder. „Da können wir unseren Frust runterspülen.“ Als sich um 18.45 Uhr die Erststimmen für Silke Launert der 50-Prozent-Marke nähern, spricht der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, im Fernsehen von einem bitteren Tag für die Sozialdemokratie und davon, dass man aus der Opposition heraus für die Prinzipien der SPD kämpfen wolle. „Wir haben schlichtweg keinen Wählerauftrag“, sagt auch Kramme mit Blick auf das schlechte Ergebnis. Das Aufatmen bei den Genossen an der Basis ist spürbar. Bei der Wahlparty in der SPD-Zentrale in der Friedrich-Puchta-Straße sehen es alle so: Endlich keine große Koalition mehr. „Nur in der Opposition kann die Partei wieder Profil gewinnen“, sagt SPD-Stadtrat Halil Tasdelen.

"Alles geht den Bach runter"

Kurze Zeit später erklärt Seehofer im Fernsehen, warum die CSU in Bayern zehn Prozent verloren hat, und auf der Wahlparty in Bayreuth werden Merkels Versuche, das Wahlergebnis zu deuten als „Durchhalteparolen“ bezeichnet. „Hartmut, du gehst und alles geht den Bach runter“, sagt Hohl zu Launerts scheidendem Vorgänger Hartmut Koschyk. „Ach was, wir haben schon viel Schlimmeres erlebt“, antwortet Koschyk. Die Frage, ob Freud oder Leid, die wird an diesem Abend zu einer Frage des Blickwinkels.

Um 19.30 Uhr sind etwa die Hälfte der Stimmen in Bayreuth und Forchheim ausgezählt. „Silke, du bist bei 46 Prozent, das ist super“, sagt Hohl. Wie viele andere Mitglieder der CSU ist sich auch Launert zu diesem Zeitpunkt noch nicht einig, ob sie eher feiern oder Trübsal blasen soll. „Ach was“, sagt Launert den vielen Gratulanten, die mittlerweile Schlange stehen. Mit den fast 60 Prozent, die Koschyk in den Jahren zuvor holen konnte, habe man nicht rechnen können, hilft Hohl Launerts Laune auf die Sprünge. Koschyk sei bekannt gewesen und ein politisches Schwergewicht. Das habe Launert, die zuvor erst einmal über die Liste in den Bundestag eingezogen war, noch vor sich. „Und früher gab es keine AfD“, sagt Launert, als deren Direktkandidat Tobias Peterka gerade bei zehn Prozent liegt.

"Schimpfen, Panik machen und unseriös argumentieren"

Überhaupt: Der Einzug der AfD in den Bundestag macht Launert und Kramme zu schaffen. Launert fürchtet einen Politikstil aus „schimpfen, Panik machen und unseriös argumentieren. Aber vielleicht ändert sich das jetzt.“

Und Launert fürchtet, dass sich mit dem Erfolg der AfD eine Entwicklung fortsetzt, die mit dem Einzug der Linken in den Bundestag begonnen habe. Dass sich die großen Parteien dauerhaft bei 20 bis 30 Prozent wiederfinden. Dass die Union ein Schicksal wie die SPD ereilt. Und es mit einer über viele Jahrzehnte geglaubten Stabilität in der Bundespolitik jetzt vorbei sein könnte.

Was tun?

Kramme fordert von ihrer Partei eine entschiedene Abkehr von der Agendapolitik von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. „Die SPD hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, das uns seit der Agenda 2010 nachhängt“, sagt Kramme. Und sie fordert eine Enquette-Kommission, die sich damit befassen soll, wie man Politik den Menschen besser vermitteln könne. Launert findet, dass die Union gar nicht viel falsch gemacht habe. Es sei nur irrtümlich der Eindruck entstanden, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel für offene Grenzen stehe. Künftig gelte es daher auch, Kommunikationsprobleme zu verhindern.

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