Crashtest-Anlage Cybex investiert Millionen für die Sicherheit

Unternehmenschef Johannes Schlamminger (rechts) und sein Mit-Geschäftsführer Raoul Bader präsentieren die neue Crashtest-Anlage. Foto: Eric Waha

BAYREUTH. Es ist eine Millioneninvestition und für Cybex ein Meilenstein am Firmensitz in Bayreuth. Der Hersteller von Kindersitzen, Kinderwagen und Babytragen feiert heute mit Minister-Unterstützung aus München die Eröffnung seiner eigenen Crashtest-Anlage. Sie ist das Herzstück eines neuen Forschungs- und Entwicklungscampus', geht mit einer deutlichen Vergrößerung einher und sichert zugleich den Standort. Der Kurier war bei einem Schuss - so nennen das die Fachleute - schon dabei.

Man hat die Bilder von Crashtests des ADAC im Kopf, bei denen Autos mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Rammbock geschossen werden, die Fetzen nur so fliegen und es ohrenbetäubend kracht. Dagegen geht es auf der neuen Anlage von Cybex fast unspektakulär zu. Weil nichts kaputtgefahren wird. Doch die Kräfte, die hier bei einer blitzartigen Beschleunigung auftreten, sind die gleichen wie bei einem Aufprall, sagen Unternehmenschef Johannes Schlamminger und sein Geschäftsführerkollege und Entwicklungschef Raoul Bader.

Kraft wie eine große Diesellok

Was nicht heißt, dass die Anlage in Bayreuth nicht beeindruckende Werte zu bieten hat. Innerhalb von 70 Sekunden wird hydraulisch ein Druck von bis zu 350 bar aufgebaut, was auf der Anlage eine Kraft von 800 Kilonewton erzeugt. Das ist in etwa die Kraft, wie sie auch eine große Diesellok entwickeln kann. Zu hören ist davon im Beobachtungsraum nur ein Summen. Außerdem rotiert auf der Anlage ein gelbes Blinklicht. Ginge jetzt jemand in den hoch gesicherten Raum, würde der Versuch sofort gestoppt. Es gibt nur vier Personen im Unternehmen, die die Sperre dann wieder aufheben können.

Auf 80 km/h in 1,2 Metern

Passiert heute natürlich nicht. Stattdessen blenden LED-Leuchten auf und tauchen den Schlitten mit der aufgeschnittenen, knallgelben Fahrgastzelle eines VW Golf VII, auf der ein Kindersitz samt Testpuppe (Dummy) montiert ist, in gleißendes Licht. Bis zu fünf Hochgeschwindigkeitskameras, die bis zu 4000 Bilder in der Sekunde machen und so jede Kleinigkeit des Versuchs festhalten können, stehen bereit. Dann gibt Raoul Bader das Startsignal, ein Warnton ertönt – und los geht die Fuhre. Und zwar mit brachialer Gewalt. Auf einer Strecke von nur 1,20 Meter und innerhalb von 180 Millisekunden - das sind noch nicht mal zwei Wimpernschläge - wird der Schlitten, der immerhin bis zu 1,5 Tonnen wiegt, auf maximal 80 km/h beschleunigt. Der Rest der knapp 20 Meter langen Strecke wird gebraucht, um alles wieder sanft zum Stillstand zu bringen.

Zehn Mitarbeiter sind anschließend damit beschäftigt, die Daten eines jeden Versuchs auszuwerten, um die Sicherheit von Cybex-Kindersitzen weiter zu erhöhen. Getestet werden dabei die unterschiedlichsten Szenarien. Unfälle mit schweren Folgen für die Autoinsassen verteilen sich laut Bader mit 73 und 26 Prozent vor allem auf Frontal- und Seitenaufprall. Bei Kindern treten dabei oft Verletzungen an Kopf und Hals auf, weshalb spezielle Kopfstützen besonders wichtig sind.

Wie ein Sturz aus 25 Metern Höhe

Die Aufgabe eines Kindersitzes sei es, zusammen mit den Crashzonen des Autos die auftretenden Kräfte so abzufedern, dass die Folgen deutlich gelindert oder gar ganz vermieden werden können. Eine Herausforderung, denn ein Crash bei 80 km/h entspricht einem Sturz aus 25 Metern Höhe. Dabei müsse bis zum 40-Fachen (40 g) der Erdbeschleunigung absorbiert werden, wenn auch nur für extrem kurze Zeiträume, so Bader. Zum Vergleich: Hoch trainierte Jetpiloten halten bis zu acht g aus.

Ein Dummy ist 150.000 Euro wert

Sechs Dummys verschiedener Größen und Gewichte hat Cybex im Einsatz, jeder ist rund 150.000 Euro wert. Bei den beschriebenen Bedingungen ist es kein Wunder, dass sie immer wieder repariert werden müssen. „Dafür haben wir einen extra Operationssaal“, sagt Cybex-Chef Schlamminger schmunzelnd.

Bis zu 2200 Tests im Jahr

Für ihn bedeutet die Crashtestanlage, die die vierte innerhalb des chinesischen Mutterkonzerns Goodbaby neben zwei in China und einer in den USA ist, einen gewaltigen Schritt nach vorn für Cybex. 2200 Schüsse im Jahr seien möglich. Die ursprüngliche Idee, Kapazitäten an andere Firmen zu vermieten, wurde mittlerweile verworfen. „Wir brauchen das alles für uns selber.“ Schließlich müssten nicht nur Neuentwicklungen, sondern auch jede sicherheitsrelevante Änderung an bestehenden Sitzsystemen getestet werden.

Stürmische Entwicklung

Zusammen mit der begonnenen Erweiterung des Unternehmenssitzes im Bayreuther Sirius-Park um 7000 auf dann 15.000 Quadratmeter Fläche investiert Cybex laut Schlamminger einen hohen einstelligen Millionenbetrag. Allein gut fünf Millionen Euro hat die Crashtest-Anlage gekostet. „Das ist der Startschuss in eine für uns neue Dimension eines Forschungs- und Entwicklungszentrums.“

Neben noch mehr Sicherheit für die Produkte gehe es dabei vor allem auch darum, noch attraktiver für potenzielle neue Mitarbeiter zu werden. Knapp 500 Beschäftigte gibt es derzeit in Bayreuth, bis zum Jahresende sollen es möglichst 600 sein. Eine stürmische Entwicklung, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen 2011 mit rund 30 Mitarbeitern von Kulmbach nach Bayreuth gezogen ist.

Mitarbeiter aus 40 Nationen

Schlamminger hofft, noch mehr Leute aus der Region anziehen zu können. Insgesamt arbeiten Menschen aus rund 40 Nationen für Cybex in Bayreuth. Leicht ist es trotzdem nicht, neue Mitarbeiter zu finden. „Der Wettbewerb um gute Kräfte ist europaweit entbrannt“, sagt Schlamminger.

In Bayreuth sind vor allem Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb angesiedelt. Produziert wird in China, den USA und Mexiko. Doch Schlamminger kann sich in Zukunft zusätzliche Produktionsstätten in Europa vorstellen - auch in Deutschland, denn: „Die Nähe von Entwicklung und Produktion wird wieder wichtiger. Und die Produktionskosten etwa in China sind auch lange nicht mehr so attraktiv, wie sie einmal waren.“

Platz reicht bis 2021

Bis 2021 werde der Platz für Cybex am Standort jetzt ausreichen. „Dann müssen wir weitersehen. Vielleicht kann man ja hier auch noch in die Höhe bauen, vielleicht müssen wir uns dann aber auch weitere Flächen in der Nähe suchen“, sagt Schlamminger, um gleich zu betonen: „Der Standort Bayreuth ist gut für uns, spätestens auf den zweiten Blick attraktiv für unsere Mitarbeiter - und sicher. Er hat mit seiner Größe und Ausstattung eine kritische Masse überschritten, die eine Absiedlung zumindest sehr schwer machen würde.“

Woran auch die regionale und überregionale Politik ihren Anteil habe. Als es vor knapp zwei Jahren darum ging, wo im Reich des Goodbaby-Konzerns, der auf einen Milliardenumsatz kommt und weltweit fast 20.000 Mitarbeiter hat, der neue Forschungscampus samt Crashtest-Anlage errichtet werden soll, hätten Bundestagsabgeordnete Silke Launert, Landtagsabgeordnete Gudrun Brendel-Fischer und Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe schnell reagiert und unter anderem auch Kontakte nach München vermittelt. Ein Besuch der damaligen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner bei Cybex und ihr anschließendes Schreiben nach China hätten dort durchaus Eindruck gemacht. Das dürfte auch für die Bilder vom heutigen Besuch von Bau- und Verkehrsminister Hans Reichhart gelten.

 

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