Brose-Chef im Interview Zu viele Kranke, zu wenig Erlös im Coburger Werk

Kurt Sauernheimer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Brose-Gruppe. Foto: Brose/dpa

COBURG. Die Sitzproduktion am Stammsitz von Brose in Coburg soll wieder wettbewerbsfähig werden. Wie das gelingen soll, erläutert Kurt Sauernheimer, Vorsitzender der Geschäftsführung im Interview. Sorgen bereitet offenbar vor allem der hohe Krankenstand im Coburger Werk. "Im Durchschnitt kommen unsere Mitarbeiter nur jeden zweiten Tag im Jahr zur Arbeit", sagt der Brose-Chef.

Herr Sauernheimer, Brose spricht von einer dramatischen Wettbewerbssituation für das Werk Coburg. Ist das nicht übertrieben?

Kurt Sauernheimer: Die Wettbewerbssituation ist ein Thema, das nicht nur Brose beschäftigt, sondern die gesamte Branche. Am Markt lässt sich kein Mehrpreis erzielen, nur weil die Produkte in Deutschland gefertigt werden. Das kann man bedauern, aber es ist nicht zu ändern. Dem Druck halten manche Firmen nicht stand und müssen schließen, jüngst ein Betrieb bei Kulmbach.

Und Brose in Coburg?

Sauernheimer: Das Werk erwirtschaftet nicht mehr die Erlöse, die wir langfristig für die Finanzierung der Entwicklungskosten und Investitionen benötigen. Das ist aber unabdingbar für die Sicherung der Zukunft des Brose-Werks in Coburg. Die Gesellschafter sind bereit, auf einen Ergebnisbeitrag zu verzichten. Sie erwarten aber auch einen Beitrag der Mitarbeiter, um die Wettbewerbsfähigkeit des Werkes zu erhalten.

Wo sitzen die Konkurrenten des Brose-Werks Coburg?

Sauernheimer: Unsere Wettbewerber produzieren inzwischen in Osteuropa. Die Lohnkosten sind nur ein Viertel so hoch im Vergleich zu Coburg. Dieser Tatsache müssen wir uns stellen. Auch wir haben dort Betriebe und können deshalb die Kostensituation nachvollziehen.

Für welche Produktion in Coburg geht es um was?

Sauernheimer: Für unser wichtigstes Produkt am Standort, eine Sitzstruktur, ist der Stückpreis seit 2006 um 31 Euro gesunken, die Kosten dagegen nur um elf Euro. Daran sehen Sie den großen Handlungsbedarf.

Warum ist das so?

Sauernheimer: Bei einigen Kostenfaktoren wie Logistik und Material konnten wir die Kosten ausreichend senken. Im Personalbereich nicht, weil im gleichen Zeitraum Lohnkostensteigerungen in Höhe von 37 Prozent stattgefunden haben. Unsere Wettbewerber lösen das mit einer Produktion in Osteuropa.

Wie ist dieser Wettbewerb für Brose ausgegangen?

Sauernheimer: Zum Jahreswechsel haben die Verhandlungen mit dem Kunden begonnen, den Abschluss haben wir vor drei Wochen erzielt. Wir mussten eine extreme Preisreduzierung akzeptieren.

Warum?

Sauernheimer: Wir wollten den Auftrag für Brose behalten. Wenn nicht für Coburg, dann zumindest für unsere Unternehmensgruppe mit der Ausweichmöglichkeit in eines unserer osteuropäischen Werke. Ohne Auftrag keine Arbeit! Darüber habe ich unseren Betriebsrat frühzeitig informiert. Unsere ganze Mannschaft war unterwegs, um die Verhandlungen zu führen, die wir erfolgreich abschließen konnten. Selbst Michael Stoschek, Vorsitzender unserer Gesellschafterversammlung, war beim Kunden. Oft geschieht so etwas nicht.

Und jetzt ...

Sauernheimer: ...sind wir dabei, die Kostenpositionen in Ordnung zu bringen. Das beginnt am Produkt mit Kostensenkungen durch Konstruktionsänderungen, reicht aber nicht. Wir verbessern zudem die Produktions- und Logistikabläufe. Dafür sind wir bereit, in Coburg zu investieren. Ein dritter wichtiger Punkt ist die Senkung der Personalkosten. Das gehen wir jetzt mit dem Betriebsrat an.

Was will das Brose-Management ändern?

Sauernheimer: Wir diskutieren die Änderung der Entlohnungs- und Arbeitszeitmodelle: Eine Umstellung von Akkord- auf Prämienlohn wird untersucht. Auch die Erhöhung der Anwesenheitszeiten, zum Beispiel durch Senkung des Krankenstandes, ist notwendig. Was mich freut, ist, dass der Betriebsrat für den Standort Coburg kämpft und die Maßnahmen des Managements unterstützt. Natürlich wird die Mitarbeitervertretung an der einen oder anderen Stelle andere Auffassungen haben als die Geschäftsführung. Das liegt in der Natur der Sache. Aber einig sind wir uns, dass wir eine Lösung für das Coburger Brose-Werk finden wollen, die es uns gestattet, den Produktionsauftrag weiter hier abzuwickeln. Das ist Fakt!

Werkleiter Jan Brauer und Brose-Gesellschafter Michael Stoschek haben den Krankenstand angesprochen.

Sauernheimer: Der ist natürlich ein wichtiger Faktor für die Verbesserung der Kostensituation. Ein Prozent Krankenstand in der Belegschaft kostet Brose in Coburg 1,5 Millionen Euro im Jahr. Fakt ist: Die Arbeitsbedingungen in Coburg sind ähnlich wie in unseren Werken in Osteuropa oder China, wo der Krankenstand wesentlich niedriger liegt. Dort stehen ähnliche Anlagen, auf denen ähnliche Produkte hergestellt werden wie in Coburg, daher ist die Situation vergleichbar. Regelmäßig finden Arbeitsplatzbegehungen mit dem Betriebsrat statt. Ich schließe aber nicht aus, dass man Dinge besser machen kann. Wir haben beschlossen, dass wir jeden Einzelfall anschauen und untersuchen: wie ist der Arbeitsplatz beschaffen, hat es mit der Führungssituation zu tun, oder liegen gesundheitliche Probleme in der jeweiligen Person begründet. Dazu wird es in Kürze eine Betriebsvereinbarung geben. Wir müssen handeln, der Krankenstand ist seit dem Jahr 2010 um 50 Prozent gestiegen. Leider ist die Diskussion sehr emotional geworden. Aber lassen Sie mich vor allem eines sagen: Der größte Teil der Brose-Mitarbeiter ist hoch engagiert, setzt sich fürs Unternehmen ein, ist stolz darauf, hier zu arbeiten. Es wäre absolut ungerecht, ihnen Faulheit oder Krankmacherei vorzuwerfen.

Wie ist Michael Stoschek dann zu interpretieren?

Sauernheimer: Herr Stoschek hat sich klar geäußert: Wenn Menschen krank sind, muss man sie unterstützen. Das gehört für mich zu einer ausgewogenen Darstellung über unsere Betriebsversammlung am 23. Juli dazu. Jeder einzelne Mensch hat einen anderen Beweggrund, wenn er am Arbeitsplatz fehlt. Welcher das ist, werden wir herausfinden, analysieren und dort, wo es geht, abstellen.

Sie weisen in einer Mitarbeiterinformation auf das Brose-Werk in Berlin hin, wo das gelungen sei. Was hat das Management unternommen?

Sauernheimer: Auch die Arbeitsplätze dort waren gefährdet. Wir haben die Ursachen ermittelt, individuelle Gespräche mit jedem Mitarbeiter geführt und an den Stellen gehandelt, an denen Bedarf bestand. Das hat geholfen.

Wie groß ist das Berliner Werk?

Sauernheimer: Es hat rund 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Werk Coburg arbeiten siebenmal so viele Menschen in der Produktion. Wie will man so viele Gespräche führen?

Sauernheimer: Das müssen wir leisten, das ist es wert! Ich bin sicher, dass wir das auch hinbekommen.

Gerade in Coburg investiert Brose stark in Vorsorge und medizinische Betreuung. Und trotzdem ist der Krankenstand hoch.

Sauernheimer: Deshalb ist die Entwicklung für mich so enttäuschend. Erst vor Kurzem waren 65 Ärzte im Unternehmen. Sie waren positiv überrascht, was wir unserer Belegschaft an medizinischer Vorsorge anbieten. Obwohl wir an keinem anderen Standort stärker in das betriebliche Gesundheitsmanagement investieren, sind die Krankheitstage so hoch. Deshalb sind wir uns mit dem Betriebsrat einig, dass wir uns jeden Krankheitsfall genau anschauen, um der Ursache auf den Grund zu gehen.

Hat das Herr Stoschek nicht doch etwas anders dargestellt?

Sauernheimer: Herr Stoschek hat erklärt, er versteht, wenn unsere Kunden nicht akzeptieren, dass wir in unserer Coburger Fertigung nicht nur die höchsten Personalkosten haben, sondern auch die geringste Arbeitsleistung: im Durchschnitt kommen unsere Mitarbeiter nur jeden zweiten Tag im Jahr zur Arbeit.

Was bewegt ihn?

Sauernheimer: Er macht sich Sorgen um den Standort Coburg, an dem er fast 50 Jahre in unterschiedlichen Aufgaben tätig war. Da ist es doch klar, dass es ihn emotional bewegt, wenn eine so kritische Situation eintritt. Eine Situation, die er abwenden möchte. Deshalb hat er die Fakten offen, klar und verständlich angesprochen. Ich persönlich finde es nicht fair, wie er danach angegriffen wurde.

Wie bewerten Sie als Vorsitzender der Geschäftsführung die Situation für das Werk in Coburg?

Sauernheimer: Ich bin zuversichtlich, dass wir für Coburg eine Lösung finden: mit den Mitarbeitern, mit dem Betriebsrat, mit der Geschäftsführung, mit den Gesellschaftern. Das wird nicht einfach werden, aber wir haben das schon mehrfach geschafft: 2006, als wir nicht wussten, ob wir in Coburg weiter Sitzstrukturen produzieren können. Zwei Jahre später, 2008, kam die Wirtschaftskrise. Brose hat damals seine Stammbelegschaft nicht entlassen, während andere Unternehmen diesen Weg gegangen sind. Auch diesmal werden wir mit der notwendigen Sorgfalt vorgehen, um eine Zukunft für das Werk Coburg und seine Mitarbeiter zu schaffen – auch und vor allem für die Produktion.

Herr Stoschek fordert Solidarität aller Beschäftigten am Standort Coburg ein. Was heißt das?

Sauernheimer: Ich will keine Ergebnisse vorwegnehmen, wir führen ja im Moment Gespräche über Veränderungen. Klar ist aber, dass die Lasten gerecht über alle Beschäftigten am Standort Coburg verteilt werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Sauernheimer: Wenn wir am Standort Deutschland die höchsten Löhne und die höchsten Kosten haben, dann müssen wir die beste Leistung im Wettbewerb erbringen, um zu gewinnen. Das muss unser Anspruch sein. Die Suche nach Lösungen wird nicht einfach, aber wir haben auch in der Vergangenheit gezeigt, dass wir gemeinsam auch komplizierte Herausforderungen lösen können.

Das Gespräch führte Wolfgang Braunschmidt

 

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