Brief zu spät: Tierschutz holt Hund ab

Die letzten Minuten, die Kristina Morgenstern-Grethe mit der Hündin Dilia verbringen kann. Wenige Minuten später wurde die Hündin von einer Tierschutzorganisation abgeholt. Der Grund: Ein zu spät abgeschickter Brief. Foto: Andreas Harbach

Dilia ist weg und kommt nie wieder. Fünf Wochen lang hat die Berner Sennen-Mischlingshündin, die aus einer ungarischen Tötungsstation stammt, bei Kristina Morgenstern-Grethe und deren Mann Axel Grethe gelebt. Nun wurde sie von der Tierschutzorganisation abgeholt. Der Grund: Ein zu spät abgeschickter Brief.  

Es war ein ruhiger, sonniger Morgen, als Dilia abgeholt wurde. Ein Morgen, den Kristina Morgenstern-Grethe nicht vergessen wird. Freunde und Bekannte der Familie standen an dem Gartenzaun. Sie wollten dem traurigen Frauchen beistehen. „Ich habe am Vortag noch versucht, den Verein anzurufen, weil ich davon ausging, dass es sich um ein Missverständnis handeln muss“, sagt Morgenstern-Grethes Nachbarin Janet Zowe. Doch sie konnte die Verantwortlichen nicht erreichen, um „zu Gunsten des Hundes zu intervenieren“. Bis heute verstehen Morgenstern-Grethe und ihre Nachbarn nicht, warum ihr Dilia weggenommen wurde.

Nur „die ausführende Gewalt"

Bereits um sieben Uhr – eine Stunde vor dem verabredeten Abholungstermin – stand eine Dame mit kurzen grauen Haaren vor der Türe, um Dilia abzuholen. Eigentlich wollte Morgenstern-Grethe sich mit Dilia im Haus verstecken, damit die Hündin bei ihr bleiben konnte. Doch die Drohung in der E-Mail, mit der am Abend zuvor die Abholung angekündigt wurde, war klar: Wenn das Ehepaar Dilia nicht übergebe, machten sie sich strafbar und der Verein würde sie anzeigen.

Die Abholerin klingelte punkt 8 Uhr. An der Leine zog sie Dilia zu ihrem Auto. Die Hündin zitterte und stemmte sich dagegen, Morgenstern-Grethe und ihr Mann schauten hinterher. Sie hätten gern gewusst, warum. Die Frau sagte, sie sei nur „die ausführende Gewalt“. „Die Dame hat die Leine einfach um das Maul von Dilia gewickelt, damit sie sich nicht wehren kann und hat sie hinter sich hergeschleift“, sagt Morgenstern-Grethe. Sie weint.

Hündin hatte sich eingelebt

Dilia war nicht der erste Hund der Organisation „Berner Sennen in Not“, für den sich das Ehepaar bewarb, aber zum ersten Mal erhielt Morgenstern-Grethe eine Antwort vom Verein. Ein Ehepaar kam mit zwei Hunden vorbei, kontrollierte das Haus und den Garten der Familie. Dann stand fest:  geeignet für Dilia.

Je länger sie bei der Familie lebte, desto selbstständiger wurde sie: Sie schlief in ihrem Körbchen im unteren Stockwerk und genoss das Spielen mit Bolle, dem Berner Sennenhund aus der Nachbarschaft. Während der fünf Wochen bei Morgenstern-Grethe lernte sie die Grundkommandos und nahm eineinhalb Kilo zu. Sie wog zuletzt bei einer Schulterhöhe von 50 Zentimetern 18 Kilogramm.

„Herzchenspost“ zu spät

Aber die Familie schickte die „Herzchenspost“ zu spät ab, einen Brief, in dem steht, dass die Familie Dilia behalten möchte. Grund: „Familiäre Probleme“ – es ging um eine Krankheit im Familienumfeld. „Dilia gehörte einfach schon zu uns“, weshalb Morgenstern-Grethe nicht daran gedacht hatte, den Brief abzuschicken. „Hätte der Verein nur einmal angerufen und gefragt, ob wir Dilia behalten möchten, hätte ich sofort ja gesagt“, sagt Morgenstern-Grethe. Auch wenn sie die ehrenamtliche Arbeit des Vereins sehr schätzt, sind ihre Vorwürfe klar: Sobald sich das Ehepaar dazu entschieden hatte, Dilia zur Pflege aufzunehmen, wurden sie vom Verein im Stich gelassen. Keine Besuche mehr, keine Anrufe.

Bereits neue Familie gefunden

Vor wenigen Wochen schickte Morgenstern-Grethe dann den Brief endlich ab. Sie war aufgeregt, sagte zu Dilia den ganzen Tag, dass sie nun für immer zur Familie gehören würde. Doch als das Ehepaar abends kam von einem Spaziergang zurückkam, klingelte das Telefon. „Sie haben heute zwar die Herzchenspost weggeschickt, aber wir haben eine neue Familie gefunden“, soll die Vorsitzende des Vereins, Gabriele Belz, sinngemäß gesagt haben. Doch trotz wiederholter Nachfrage schweigt sie zu den Vorwürfen. 

Vorwurf: Finanzielle Vorteilsnahme

Das verlassene Frauchen wollte für Dilia kämpfen, doch als der Verein ihr „finanzielle Vorteilsnahme“ vorwarf, verschlug es ihr die Sprache. Sie solle  den Brief bewusst hinausgezögert haben, um eventuell anfallende Tierarztkosten vom Verein zahlen zu lassen. „Das ist Unsinn. Wir waren nur beim Tierarzt, wenn es der Verein uns vorgeschrieben hat.“ Der Hund sei gesund gewesen.

Keine rechtliche Grundlage

Eine rechtliche Grundlage habe der Verein nach Ansicht Morgenstern-Grethes nicht, den Hund einfach abzuholen. Im Pflegestellenvertrag, der dem Kurier vorliegt, ist tatsächliche keine Frist angegeben, bis wann sich die Familie entscheiden muss, den Hund zu behalten. „Vertraglich haben wir sogar ein Mitspracherecht, in welche Familie Dilia kommt.“ Nur gefragt habe man sie nicht.

Frist nicht eingehalten

Der Verein „Berner Sennenhunde in Not“ teilt durch den Mediator Uwe Fischer schriftlich mit: „Der Pflegefamilie wurde mehrfach kommuniziert, dass sie eine 14-tägige Eingewöhnungszeit haben.“ Doch die Familie habe bei den Anrufen „vom 18., 20. und 25. Mai“ die Entscheidung wiederholt „bis zum nächsten Tierarzttermin“ verschoben. Bereits am 25. Mai – 20 Tage nach Dilias Einzug – begann der Verein mit der Suche nach einer neuen Familie für die Hündin. Und riskierte damit, dass die ängstliche Hündin erneut stundenlang mit dem Auto fahren musste.

 

 

 

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