Beleidigung auf der Bühne: Open Air mit Tiefpunkt

Sänger Campino stand im Mittelpunkt des Konzert der Toten Hosen. Seine Kritik an Horst Seehofer war eleganter als die von Feine Sahne Fischfilet. ⋌Foto: Peter KolbFotograf Peter Kolb

BAYREUTH. Punk-Party mit Bier, Musik, politische Einwürfe. Die Toten Hosen haben mit ihren Vorbands Triggerfinger, Feine Sahne Fischfilet und Flogging Molly Bayreuth auf ihrer „Laune der NaTour“ 30 000 Menschen auf den Volksfestplatz gelockt. Der Sänger von Feine Sahne Fischfilet bedachte Horst Seehofer mit einem Schimpfwort.

„Es war klasse!“ Die Bayreutherin Laura Springer (21) und ihr Freund haben am Freitag zum zweiten Mal gemeinsam ein Hosen-Konzert besucht, Laura ist aber schon von klein auf Fan. Die Atmosphäre in Bayreuth sei super gewesen und: „Es war toll, dass eine Mischung aus älteren und neueren Liedern gespielt wurde.“

Seit 15.30 Uhr war das Volksfestgelände für die Fans geöffnet. Jung und Alt, Punks und Familien mit Kindern konnte man antreffen. Auch politische Gruppierungen wie Oxfam und Pro Asyl waren vertreten. „Die Hosen sind schon lange Unterstützer dieser Gruppen“, sagt Laura. Spätestens da wusste man, dass es auch politisch werden würde.

Eine unfreiwillige Dusche

Als die belgische Gruppe Triggerfinger gegen 17.30 Uhr mit ihrer Einlage begannen, war der Volksfestplatz schon recht gut gefüllt. Beim Auftritt von Triggerfinger gab es einen heftigen Regenschauer. Obwohl die Belgier versuchten, der Menge einzuheizen, beeindruckte das das Publikum nicht wirklich. Das lag vermutlich an der unfreiwilligen Dusche.

Der heimliche Star unter den Vorbands war eindeutig Feine Sahne Fischfilet. Sie bekamen den lautesten Jubel. Mit Klassikern wie „Geschichten aus Jarmen“ feierte die Gruppe mit dem Publikum wilde 30 Minuten. Auf der Bühne wurden Bengalos gezündet, der Sänger versorgte die erste Reihe mit Pfefferminzschnaps. Schließlich Stagediving: Sowohl bei den Fans als auch bei Bandtrompeter Max Bobzin – dieser ließ sich auf einem sogenannten „Banana Boat“ über die Menge tragen. Die linke Gruppe ist allerdings umstritten, zeitweise wurde sie sogar vom Verfassungsschutz beobachtet – das hat nicht einmal die AfD bisher geschafft. Der Sänger „Monchi“ ließ es sich nicht nehmen, hochpolitische Sätze zu verlautbaren und rief die Masse auf, vor allem hinsichtlich der jüngsten Ereignisse in Chemnitz, auf die Straße zu gehen, anstatt nur zu reden. In den ersten Reihen wurde eine „FCK AFD“-Fahne geschwenkt. Auf offener Bühne betitelte Monchi zudem Innenminister Horst Seehofer im Kontext seiner jüngsten Migrationsäußerung als „Arschloch“. Lauter Jubel brach daraufhin aus, insbesondere bei den jüngeren Fans. Ob solch eine öffentliche Verrohung der Sprache und des politischen Umgangs miteinander in diesem sowieso aufgeheizten Diskurs sinnvoll ist? „Das derbe Auftreten hinterlässt schon irgendwie einen Beigeschmack“, sagt Laura.

Eine Besucherin reist enttäuscht ab

Eine Besucherin meldete sich nach dem Konzert per Mail beim Kurier: Sabrina Ismer schreibt, ihr sei nach dem Auftritt von Feine Sahne Fischfilet der Spaß vollkommen vergangen, sie habe das Konzert enttäuscht verlassen.

Auf Nachfrage teilt Polizeisprecher Prechtl zur Band und deren Äußerung mit, dass die Polizei „generell neutral“ sei, sowohl bei Konzerten als auch allgemein bei Demonstrationen. Die Polizei würde aber ermitteln, sofern Straftaten vorlägen. Diese würden zur Anzeige gebracht.

Flogging Molly aus Los Angeles folgte anschließend mit einem guten Liveauftritt. Irisch angehauchte Musik eben. Zwischen den Liedern rief der Sänger immer wieder: „Deutschland!“ Ob er überhaupt wusste, in welcher Stadt er ist? Der Auftritt konnte nur einige im Publikum zum Tanzen hinreißen.

Erhöhter Alkoholpegel bei "eisgekühlter Bommerlunder"

Drei Vorbands, viele Bierstände: der Alkoholpegel war kurz vor dem Hosen-Auftritt entsprechend erhöht. Gegen 20.45 Uhr betraten die Toten Hosen für ihren siebten Auftritt in Bayreuth die Bühne und lieferten einen Mix aus älteren und neueren Liedern. Schon die ersten Takte von „Auswärtsspiel“ veranlassten die Menge zu lautem Jubel. „Wannsee“ durfte nicht fehlen, genauso wenig wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ und „Hier kommt Alex“. Es bildeten sich Kreise innerhalb der Menge, in der sich Menschen schubsen und wild herumspringen. Die Fans hatten sichtlich Spaß und sangen meistens lautstark mit. Die Band war am Freitag in Topform. Sänger Campino flitzte ständig von einer Stelle zur anderen. Er war der Mittelpunkt der Show. Er ließ sich sogar auf der Bühne dazu hinreißen, zwei Schnäpse zu kippen, verteilte auch Schnaps und Weinschorle an Fans. Die Band verkörpert noch immer, wenn auch nicht mehr ganz so wild wie früher, Punk: Das merkte man insbesondere an den älteren Liedern, die die Hosen mit Leidenschaft und musikalischer Stärke vortragen waren. Die Setlist und Campinos Ansprachen bauten thematisch aufeinander auf und die Lieder reichten von Gesellschaftskritik („Sascha…ein aufrechter Deutscher“, damals eine Reaktion auf die Ausschreitungen auf Asylbewerberheime in den 1990ern) bis hin zu Trinkliedern und auch ernsteren Stücken wie „Alles passiert“. Ebenso coverten die Hosen Lieder von Wegbegleitern oder von Bands, die sie geprägt haben. So etwa „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten, „TNT“ von AC/DC oder „Should I stay or should I go“ von The Clash. Langer Konfettiregen prasselte bei „An Tagen wie diesen“ auf das Publikum hinab. Selbst von weit hinten konnte man dank hervorragender Technik alles auf den großen Leinwänden in sehr guter Qualität mitverfolgen. Campino schmeichelte Bayreuth immer wieder: Er sprach vom Bindlacher Baggersee, von Medi Bayreuth und erwähnte Wagner – „Bayreuth ist eine Stadt der Hochkultur!“, sagte er. „Es war schön“, sagt Laura nach dem Konzert, „dass er sich ein bisschen regional informiert hat.“

Der Besuch der Toten Hosen in Bayreuth war der erste nach dem Gratiskonzert in Chemnitz. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, dass sich dazu und auch generell politisch geäußert werden würde. Im Vergleich zur umstrittenen Vorband äußerten sich die Hosen zu Chemnitz – wider Erwarten – aber relativ wenig. Ihre politische Sichtweise haben sie nicht mit markigen Worten, sondern insbesondere durch ihre Musik, so etwa in „Willkommen in Deutschland“ und das bereits erwähnte „Sascha…“, deutlich gemacht.

Auch Campino machte einen Seitenhieb auf Horst Seehofers Aussage, die Migration sei die „Mutter aller Probleme“, indem er sagte: „Herr Seehofer, passen Sie auf, dass Sie nicht der Vater aller Probleme werden.“

 

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