Unipräsident Leible "Ich habe mir Geduld angewöhnt in den letzten Jahren"

Prof. Stefan Leible (55) ist für weitere sechs Jahre zum Präsidenten der Universität Bayreuth gewählt worden. Mit dem Juristen Leible steht ein Bayreuther Absolvent an der Spitze der Hochschule. Am 1. Juli diesen Jahres beginnt seine zweite Amtszeit. Foto: red

BAYREUTH. Der Ausbau der Forschungsschwerpunkte, aber auch Internationalisierung und Digitalisierung stellen die Hochschule vor große Herausforderungen. Nach der Wiederwahl von Universitätspräsident Prof. Stefan Leible für weitere sechs Jahre sprachen wir mit ihm über zusätzliche Stellen, einen neuen Gründergeist auf dem Campus und über weltweit übertragbare Vorlesungen.

Herr Prof. Leible, was haben Sie sich für die nächsten sechs Jahren vorgenommen?

Stefan Leible: Ganz viel. An erster Stelle steht natürlich die Realisierung der Projekte, die wir gerade angestoßen haben: Campus Kulmbach, Medizincampus Oberfranken, Bayerisches Batteriezentrum, ein Zentrum für Entrepreneurship und Innovation und dann noch die Integration unseres Exzellenzclusters in den Campus und noch einiges mehr wie zum Beispiel Internationalisierung und Digitalisierung.

Hat dabei ein Projekt besondere Priorität oder läuft alles mehr oder weniger parallel?

Leible: Das läuft teilweise nebeneinander, teilweise zeitverschoben, aber es muss alles miteinander koordiniert werden. Beim Medizincampus wird in diesem Doppelhaushalt 2019/20 - ich denke nur noch in Doppelhaushalten, das habe ich in den letzten sechs Jahren gelernt, weil dort die entscheidenden Mittel verankert sind -  voraussichtlich nur die Vorklinik in Erlangen enthalten sein, damit die neuen Studierenden dort bereits zum WS 2019/20 aufgenommen werden können. Für den nächsten Doppelhaushalt 2021/22 sind insbesondere die Professuren der Erlanger für das Klinikum Bayreuth vorgesehen und einige wenige der Profilprofessuren an der Uni Bayreuth. Der Rest kommt dann hoffentlich im dritten Doppelhaushalt 2023/24. Ähnliche Stufenpläne gibt es für Kulmbach, wo wir die ersten zehn Professoren für diesen Doppelhaushalt angemeldet haben. Beim Batteriezentrum ist alles wieder ein bisschen anders verteilt.

Wie viele Millionen Euro fließen dafür nach Bayreuth?

Leible: Alles zusammen und über die Jahre verteilt ein netter dreistelliger Betrag.

Was sind denn Profilprofessuren genau?

Leible: Viele der Medizinstudierenden wollen auch promovieren. Teilweise fangen sie damit bereits im klinischen Teil des Medizinstudiums an und beenden das hinterher. Mit den Profilprofessuren wollen wir ihnen in Bayreuth ein interessantes Forschungsumfeld, auch außerhalb der klassischen klinischen Fächer bieten. Ein ähnliches Modell gibt es übrigens auch zwischen den Universitäten Bonn und Siegen.

Ein wenig Zeit ist ja noch, bevor es hier richtig losgeht.

Leible: Jein. Die ersten Studierenden werden voraussichtlich zum WS 2020/21 nach Bayreuth kommen. Sie beginnen ihr Medizinstudium aber bereits im kommenden Wintersemester in Erlangen. Die ersten Doktorarbeiten stünden dann voraussichtlich so 2022/23 an. Wann wir die Profilprofessuren letztendlich einrichten können, hängt – wie gesagt - von den entsprechenden Doppelhaushalten ab. Läuft alles nach Plan, kommen drei Stellen 2021/22 und dann noch einmal sieben 2023/24.

Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen für den Campus Kulmbach? Hat sich die Grundstücksfrage geklärt?

Leible:Noch nicht final, aber wir sind auf einem guten Weg. Wir stehen sowohl mit der Immobilien Bayern, die für den Freistaat die notwendigen Flächen erwirbt, als auch den örtlichen Playern, also insbesondere der Stadt Kulmbach und der Kulmbacher Brauereigruppe, in einem engen Austausch. Unser Ziel ist es, in Kulmbach in den nächsten Jahren eine neue Fakultät – einschließlich der hierfür notwendigen Gebäude - unter dem Titel „Lebenswissenschaften: Lebensmittel, Ernährung, Gesundheit“ aufzubauen. Bisher hatten wir ein Profilfeld Lebensmittel- und Gesundheitswissenschaften, das quasi der Grundstein für diese komplett neue Fakultät mit 20 Professuren - zwei Drittel naturwissenschaftlich, ein Drittel geistes- und sozialwissenschaftlich - ist. Die Fakultätsgründung erfolgte im Juli letzten Jahres. Gründungsdekan ist Prof. Stephan Clemens. Am 29. März feiern wir die Eröffnung gemeinsam mit Wissenschaftsminister Bernd Sibler.

Wer arbeitet schon alles in Kulmbach und vertritt die Uni Bayreuth?

Leible:Gründungsdekan, Geschäftsführer und Sekretariat sitzen bereits in Kulmbach. Dort gibt es außerdem schon Räumlichkeiten, in denen Veranstaltungen stattfinden. Seit mehreren Jahren haben wir dort außerdem einen Lehrstuhl für Lebensmittelanalytik und eine Forschungsstelle für Nahrungsmittelqualität in den Räumlichkeiten des Max-Rubner-Instituts. Der Platz für das Fakultätsgebäude ist ungefähr bestimmt, aber es fehlen noch die rechtlichen Rahmenbedingungen, damit alles in trockenen Tüchern ist. Aber da ist noch vieles im Fluss. Ich habe mir Geduld angewöhnt in den letzten Jahren. Bis das Geld eingestellt ist, bis die Gebäude gebaut sind, das dauert noch. Die nächsten vier, fünf Jahre müssen wir improvisieren mit Laborcontainern und Räumen, die wir für unsere Veranstaltungen mieten. Wir fangen im Wintersemester 2020 an und können nicht warten, bis irgendwann das Gebäude steht. Sobald der Haushalt unter Dach und Fach ist, werden wir die Professuren für Kulmbach ausschreiben. Wir wollen mit einem Bachelor und ein oder zwei Masterstudiengängen beginnen. Wenn wir das Go aus München haben, können wir dafür richtig in die Werbung gehen.

Die Universität bekam im vergangenen Jahr ein Exzellenzcluster Afrika. Welcher konkrete Nutzen für die Hochschule ist damit verbunden?

Leible: Ein Cluster bedeutet zunächst einmal viel zusätzliches Geld für Forschung. Unsere Wissenschaftler haben sich im Exzellenzantragsverfahren mit ihrem Konzept durchgesetzt. Damit fließen über zunächst sieben Jahre pro Jahr zusätzlich zwischen vier bis acht Millionen Euro an die Uni. Mit diesem Geld können Sie insbesondere neue Stellen schaffen und damit Ihre Forschung personell intensivieren. Das Konzept heißt „Africa multiple“. In der Sache gibt es nicht die Afrikaforschung, sondern sehr viele Themen mit Afrikabezug. Welche Themen in den nächsten Jahren die Forschungsagenda bilden, wird sich in einem kompetitiven Verfahren innerhalb des Clusters herausbilden. Geplant ist außerdem der Aufbau von vier Cluster-Centern an verschiedenen afrikanischen Universitäten, mit denen wir dann sehr eng zusammenarbeiten werden. Dafür läuft gerade die zweite Bewerbungsrunde. Letztlich soll mit den Partnern in Afrika ein enges Forschungsnetzwerk entstehen.

Was verbirgt sich hinter dem Zentrum für Entrepreneurship und Innovation?

Leible:Das ist eigentlich ganz einfach. Es hat das Ziel, die Startup-Kultur auf dem Campus deutlich zu fördern. Fast die Hälfte unserer Studenten kommt von außerhalb Bayerns. Sie haben vielleicht gute Geschäftsideen, gehen aber nach dem Studium häufig wieder nach Hause zurück und realisieren sie dort. Wir wollen Anreize schaffen, sich in Bayreuth zu verwirklichen und hierzubleiben. Ob es sich dabei um Unternehmensgründungen oder NGOs handelt, spielt für uns keine Rolle. Wir wollen die Studenten durch entsprechende Lehrangebote befähigen, ein Ziel zu formulieren und die Schritte zu definieren, die zu dessen Verwirklichung erforderlich sind. Und ihnen den "Sandkasten“ zur Verfügung stellen, den sie für die Erprobung ihrer Ideen benötigen. Dafür braucht es Gebäude, zum einen für unser Institut für Entrepreneurship & Innovation sowie zum anderen für das städtische Regionale Innovationszentrum RIZ, die beide nach derzeitigem Stand ist auf dem Campusgelände geplant sind. Für unser Gebäude stelle ich mir vor, dass es im Erdgeschoss das coolste Café des Campus beherbergt sowie einige Seminarräume, im ersten Stock Büroräume für die Gründer und im zweiten Stock für die neuen Professuren. Wenn die Startups erfolgreich sind und weitermachen wollen, können sie ins RIZ wechseln, um ihr Unternehmen weiter auszubauen. Das Zweite, was wir vorhaben, läuft unter dem Begriff Intrapreneurship. Hier geht es darum, unsere Studis mit Unternehmen zusammenzubringen und zu sehen, ob und wie sich für das Unternehmen gemeinsam neue Geschäftsmodelle entwickeln lassen.

Sie wollen sich auch für eine stärkere Digitalisierung der Lehre einsetzen. Was hat die Universität in diesem Zusammenhang vor?

Leible:Zum einen wollen wir erstmals MOOCs anbieten. Was ist das? MOOC steht für Massive Open Online Course (dt: offener Massen-Online-Kurs). Ein MOOC ist eine komplette Vorlesung, die über eine Internetplattform zum Abruf angeboten wird. Es handelt sich dabei um keine nur abgefilmte Vorlesung, sondern ein professionelles aufbereitetes Video, das verschiedene Formen des Online-Lehrens kombiniert.

Die Studenten müssen dann also in den Vorlesungen überhaupt nicht mehr präsent sein?

Leible: Die Universität ist und bleibt ein Kommunikationsort, und das ist auch gut so. Präsenzlehre wird aus meiner Sicht ein essentieller Bestandteil auch der Universität der Zukunft sein, insbesondere in kleineren Gruppen. Uns geht es eher darum, digitale Elemente in die Lehre einzubauen, damit die Vorlesungen und Seminare besser werden. Dafür müssen allerdings die Hörsäle anders ausgestattet sein, damit man in den Vorlesungen stärker interaktiv agieren kann. Sie können zum Beispiel im Laufe der Vorlesung Testfragen stellen, um zu kontrollieren, wie der bisher behandelte Vorlesungsstoff verstanden wurde. Und MOOCs wollen wir vor allem als Marketing-Instrument zur Gewinnung qualifizierter internationaler Studenten nutzen. Wenn MOOCs gut laufen, können sie zigtausende Nutzer haben. Und von denen interessieren sich dann vielleicht einige für ein Präsenzstudium in Bayreuth in einem unserer zahlreichen, rein englischsprachigen Masterstudiengängen.

Was wir auch diskutieren, ist, wie wir mit den bei uns bereits vorhandenen Online-Daten umgehen. Können wir sie auswerten und auf dieser Basis den Studenten Hilfestellungen während ihres Studiums geben? Wir sind da allerdings erst ganz am Anfang und werden das auch eng mit dem Studierendenparlament abstimmen, weil wir nichts machen wollen, womit die Studenten nicht einverstanden sind. Letztlich geht es uns darum, diese Daten so zu nutzen, dass wir Lernerfolge verbessern, Abbruchquoten verringern und überhaupt den Studenten dabei helfen, erfolgreich durchs Studium zu kommen. Das läuft unter dem Begriff Learning Analytics.

 

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