Bayreuther Forscher Kampf gegen die nächste Doping-Stufe

SPORT ALLGEMEIN. Die Nordische Ski-Weltmeisterschaft hat es wieder einmal deutlich vor Augen geführt: Doping-Skandale können jede große Sportveranstaltung in Verruf bringen. Wenn wie in diesem Fall vor allem Ausdauer gefordert wird, geht es meist um EPO.

Diese Abkürzung steht für Erythropoetin, ein künstlich hergestelltes Mittel zur Erhöhung der Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit der Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes. Es steht oft im Zusammenhang mit Eigenblutdoping.

Dabei wird dem Sportler einige Wochen vor dem Wettkampf etwa ein Liter Blut abgenommen, nachdem er die Zahl der in seinem Blut enthaltenen roten Blutkörperchen zuvor erhöht hat – entweder durch Absolvieren eines Höhentrainings, oder eben durch Anwendung von EPO. Die daraus gewonnene Blutkonserve konzentrierter roter Blutkörperchen wird gekühlt gelagert und kurz vor dem Wettkampf dem Sportler per Transfusion zugeführt.

Eine wichtige Rolle im weltweiten Anti-Doping-Kampf spielt schon seit langer Zeit die Universität Bayreuth unter Federführung von Prof. Walter Schmidt, dem Leiter der Abteilung Sportmedizin/Sportphysiologie am Institut für Sportwissenschaft. Die dortige Forschung befasst sich schon seit einigen Jahren mit der nächsten Substanz, die in Zukunft die Doping-Schlagzeilen prägen könnte: Kobalt.

Der leistungsfördernde Effekt des Schwermetalls ist schon lange bekannt, und es steht bereits auf der Liste der verbotenen Substanzen. Bisher wird bei Doping-Kontrollen aber noch nicht gezielt nach Kobalt gesucht, und das soll sich nicht zuletzt durch die Forschung in Bayreuth möglichst bald ändern.

Zum aktuellen Stand beantwortete Prof. Schmidt einige Fragen.

In einem TV-Interview sagten Sie kürzlich, Sie glauben, dass Kobalt „schon sehr lange eingenommen wird von Athleten, die betrügen wollen“. Warum lässt sich also überhaupt noch jemand beim EPO-Doping erwischen, wenn doch Kobalt sogar leichter zu beschaffen und einzunehmen ist?

Prof. Walter Schmidt: Wir wissen seit 30 Jahren, dass Kobalt ein sehr wirksames Dopingmittel sein kann, sind damit aber nicht in die Öffentlichkeit getreten, um potenzielle Betrüger nicht auf das Mittel aufmerksam zu machen. Diese Information ist vor wenigen Jahren allerdings öffentlich geworden, so dass wir unsere Studien zur Wirksamkeit von Kobalt geplant und durchgeführt haben. Wir können nicht ausschließen, dass Kobalt schon seit Jahren, eventuell Jahrzehnten missbräuchlich genutzt wird. Bis heute gibt es keinen offiziellen Nachweis, so dass ein Doping mit Kobalt nicht direkt nachgewiesen werden kann. Sehr große Manipulationen können aber über den Blutpass auffallen. Möglicherweise sind die leistungssteigernden Effekte von Kobalt sogar noch größer als von Erythropoietin, da es in der Wirkungskette noch früher angreift und zu weiteren Veränderungen führt. Allerdings sind die zum Teil sehr schwerwiegenden Wirkungen von Kobalt bekannt, so dass dies – hoffentlich – Sportler, die betrügen wollten, davon abgehalten hat.

Muss man annehmen, dass dieDoping-Dunkelziffer in letzter Zeit deutlich gestiegen ist, weil mit Kobalt eine nicht nachweisbare Alternative relativ leicht verfügbar war und ist?

Schmidt: Das ist eine sehr interessante Frage, aber dazu liegen mir keine Informationen vor. Ich hoffe und gehe davon aus, dass nach Einführung von Kobaltgrenzwerten im Urin und eventuell auch im Blut umfangreiche Nachuntersuchungen von eingelagerten Urinproben durchgeführt werden und wir diese Frage dann konkret beantworten können. Es ist durchaus möglich, dass dann, wie nach den Olympischen Spielen von Peking und London, viele positive Fälle zu verzeichnen sind.

Sie arbeiten an einem angemessenen „strafbaren“ Grenzwert für Kobalt. Wie weit sind Sie damit, welche Schwierigkeiten gibt es dabei, und wie lange wird es dauern, bis dieser Grenzwert zusammen mit dem Nachweisverfahren fester Bestandteil aller Routine-Dopingkontrollen wird?

Schmidt: Das Anti-Doping-Labor in Köln hat einen Vorschlag für einen Grenzwert im Urin entwickelt. Demnach sollte der Wert, der das Vierfache der normalen Kobaltkonzentration überschreitet, zu einer Sperre führen. Zur Zeit wird dieser Wert von einem zweiten Analyse-Labor überprüft und könnte dann von der WADA (Abkürzung für Weltantidopingagentur; Anm. d. Red.) eingeführt werden. Wir haben mit unseren Studien gezeigt, dass ein Kobaltmissbrauch mindestens eine Woche nach Absetzen des Präparates meistens sogar noch nach zwei bis drei Wochen diesen Grenzwert überschreitet.

Werden aktuell schon Dopingproben archiviert, um nach der Festlegung eines Kobalt-Grenzwerts rückwirkend danach zu suchen – verboten ist es schließlich schon?

Schmidt: Ja, bei Olympischen Spielen werden zum Beispiel Proben für zehn Jahre aufgehoben, um im Verdachtsfall oder bei fortgeschrittener Analysemöglichkeit nachzutesten. Es konnten daher in den vergangenen drei Jahren bei über einhundert Proben der Olympischen Spiele in Peking und London Sportler des Dopings überführt werden. Ganz nebenbei: Es ist ein Skandal, dass darüber so wenig berichtet wird. Unter anderem die deutsche NADA bewahrt daher auch Proben von verdächtigen Athleten auf, um zu einem späteren Zeitpunkt gezielt mit neuen Analyseverfahren testen zu können.

Falsche Dosierung von Kobalt gilt als sehr gefährlich. Halten Sie es für möglich, dass Todesfälle bei Sportlern auftreten?

Schmidt: Kobalt wurde von etwa 1950 bis 1980 als Medikament bei Anämie, sogenannter Blutarmut, eingesetzt. Dabei ist es zu schwerwiegenden Komplikationen gekommen, die fast alle inneren Organe – unter anderem Herz, Leber, Niere – betroffen haben. Ebenso wirkt es Krebs erregend. Wenn Sportler die damals üblichen Dosierungen einnehmen, sind auch Todesfälle denkbar; auf alle Fälle aber schwerwiegende Vergiftungserscheinungen. Kobalt wurde in den USA eine Zeit lang dem Bier zugegeben, um den Schaum im Glas zu stabilisieren. Als Folge davon hat es eine Reihe von Todesfällen gegeben, so dass diese Praxis aufgegeben wurde.

 


Ersatz für 200 Stunden Trainingslager in 2000 Metern Höhe

In welchem Maße die Einnahme von Kobalt die Leistung fördern kann, beschreibt Prof. Walter Schmidt in einem Artikel, den er gerade zur Publikation eingereicht hat. Bei einer oralen Dosis von fünf Milligramm pro Tag werde demnach so verstärkt Erythropoietin (EPO) gebildet, dass es „den Effekten eines 200 Stunden langen Trainingslagers auf etwa 2000 m Höhe entspricht“. Etwa zehn Prozent des verabreichten Kobalts werde vom Körper aufgenommen und mit einer Halbwertzeit von vier bis zwölf Stunden über den Urin ausgeschieden.

Um ein Doping mit Kobalt nachweisen zu können, sei ein Grenzwert von 14 Nanogramm pro Milliliter im Urin vorgeschlagen worden, „was der vierfachen Standardabweichung der normalen Kobaltkonzentration im Urin entspricht“. Dieser Wert werde noch eine Woche nach einer dreiwöchigen Nahrungsergänzung mit fünf Milligramm pro Tag „klar überschritten“.

Entsprechende Grenzwerte müsse die Weltantidopingagentur festlegen und regulär danach testen, „da zu erwarten ist, dass Sportler auch höhere Kobaltmengen zu Dopingzwecken missbrauchen und dadurch ihre Leistung deutlich steigern dürften, aber damit auch schwerwiegende Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen.“

 

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