Bayreuther Festspiele Telramund mal als poetische Figur

Ein dunkler Gegenspieler mit auffälliger Frisur: Tomasz Konieczny als Graf Telramund. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Ist Telramund ein Waschlappen, weil er sich von Lohengrin gar so schnell niederstrecken lässt? Stimmt nicht, sagt der Sänger, der ihn heuer verkörpert: Tomasz Konieczny. Wir sprachen mit ihm über Schauspiel in der Oper, schlimme Figuren und nette Regisseure.

Als Solist feiern Sie Ihre erste Saison hier. Wie aber kamen Sie zum ersten Mal nach Bayreuth?

Tomasz Konieczny: Ich habe hier schon einmal vorgesungen, noch zu Zeiten von Wolfgang Wagner. Es war toll, auf dieser Bühne zu singen. Die wollten mich auch haben, als Klingsor für die nächste Saison. Aber das hat mit meinem Stammhaus nicht geklappt. Beim zweiten Mal hat man mir erst Hans Sachs angeboten, aber für den hätte ich noch mehr Zeit gebraucht. Also bekam ich das Angebot, alle möglichen Rollen zu covern. Aber auch da ließ mich mein Stammhaus nicht. Dann wiederum bot man mir den Wotan an, vor zwei Jahren, unter Marek Janowski, allerdings hatte ich da schon für die „Liebe der Danae“ in Salzburg unterschrieben. Also habe ich auf diesen meinen Traum, am Hügel zu singen, verzichtet. Zehn Jahre nach dem ersten Treffen hier trete ich als Telramund auf.

Sie sagten, dass Sie ihren Vertrag in Salzburg erfüllen wollten…

Konieczny: Dort hatte ich schon drei Jahre zuvor unterschrieben. Vielleicht wäre das parallel zu machen gewesen, aber von meiner Seite aus wäre das unredlich gewesen und außerdem nicht so wahnsinnig professionell.

Das sehen manche ein bisschen lockerer, offenbar. Wie ist das, wenn eine Hauptrolle so kurz vor den richtigen Proben absagt?

Konieczny: Sehr schwierig. Wenn es sich beim Hauptdarsteller um einen Sänger handelt, der in den Lohengrin eingesungen ist, wenn das ein Riesenstar ist, dann kann das schon gehen, wenn er später kommt. Aber Roberto Alagna hat die Rolle noch nie gesungen. Und wenn das dann so kurzfristig geschieht – dann riecht das schon nach Katastrophe. Mich geht das nicht so viel an, ich habe mehr mit Ortrud zu tun und wenig mit Lohengrin. Also kann ich auch ohne Lohengrin proben. Das hier war trotzdem heftig. Alagna ist auch ein Profi, ein Löwe sogar, aber eben in einer anderen Liga.

Bevor Sie Sänger wurden, waren Sie mal Schauspieler…

Konieczny: Ja, ich war Schauspieler, aber nicht sehr lange. Ich habe Schauspiel studiert und am Theater viele Hauptrollen gespielt und auch mal in einem Film von Andrzej Wajda.

Wie unterscheidet eine solche Vorgeschichte einen von den Kollegen auf der Opernbühne?

Konieczny: Man denkt anders, man fragt sich in den Momenten, da man nicht singt, was empfindet meine Person, was fühlt sie? Zuerst war es ein Hindernis. Meine Ausdrucksmittel als Theater- und Filmdarsteller waren sozusagen zu zierlich. Auf der Opernbühne arbeitet man nicht mit Blicken, sondern mit der Haltung des Kopfs oder mit dem ganzen Körper. Die Gesten müssen dann einfach größer sein. Aber langsam kam das dann bei mir.

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Eine ganz schöne Umstellung. Frustrierend?

Konieczny: Es ist doch bei Schauspielern wunderbar, dass man sein ganzes Leben lang lernen kann. Ich glaube, dass diese Art von Weiterarbeiten in Bayreuth immer der Fall gewesen ist. Das war die Wagnersche Art und Weise, Oper zu empfinden. Er hat ja eigentlich keine Opern geschrieben, er hat Dramen geschrieben. Ich glaube, dass er tatsächlich einen Sängerdarsteller auf der Bühne haben wollte.

Man kann ihn als Dichter sehen, der eigentlich nur seinen eigenen Soundtrack haben wollte. Das treibt die Anforderungen natürlich schon hoch.

Konieczny: Marke ist so eine Partie: Wahnsinn, was der eigentlich alles aus einem statischen Auftritt macht. Es ist kaum vorstellbar, dass er sich bewegt, er ist ja wie eingefroren. Also versucht man das. Man lernt doch immer dazu, man lernt, auch die Hände zu kontrollieren – Schauspiel ist wirklich ein Beruf, das sehr viel beinhaltet. Ein Holländer zum Beispiel sollte eher stehen, er hat doch schon alles erlebt, eine Bewegung hat für ihn wenig Sinn. Bei Wotan ist das anders. Es gibt da Phasen, da ist er tief getroffen, da geht er in die Knie, er sitzt nachdenklich da. Wie die Figur von Rodin – so ist Wotan im zweiten Akt. Im dritten Akt kommt er voller Zorn, mit dem Speer, und dann muss man schon was unternehmen. Ein Speer ist schließlich keine Gehhilfe.

Dagegen wirkt der Telramund wie eine ziemlich eindimensionale, einschichtige Gestalt.

Konieczny: Telramund ist ein junger Ritter, sein Körper muss eine intensive Spannnung halten. Eindimensional ist er nicht, von den Rollen, die ich gesungen habe, ist das eher Pizarro. Im ersten Akt ist Telramund zunächst sehr davon überzeugt, dass er recht hat. Dann wird er vom Ausgang des Gottesgerichts schwer getroffen, er wird von der letzten Instanz überzeugt, dass nicht recht hat. Anfang des zweiten Akts ist er wie zertrümmert. Eine Gestalt, die große Bitterkeit und Qual ausstrahlt.

Aber Lohengrin macht sehr kurzen Prozess mit ihm. Telramund hat nicht den Hauch einer Chance, er ist kein gleichwertiger Gegner.

Konieczny: Das empfindet man nicht so. Das macht Yuval Sharon als der Regisseur auch sehr richtig. Telramund ist ein Ritter. Der König kommt, um Hilfe zu erbitten, Telramund hat die Dänen geschlagen, er ist ein großer Held. Aber er hat falsch investiert, in eine machtgierige Frau, die ihn in den Wahnsinn treibt.

Ortrud ist vielleicht die konsequenteste Gestalt.

Konieczny: Ich weiß es nicht. Alberich, das ist für mich eine konsequente Gestalt. Ein Wesen, das alles opfert, um das eine zu gewinnen. Er verzichtet auf die Liebe, verflucht sie, gewinnt dann das Gold und schmiedet den Ring. Dann wird ihm alles geraubt. Und auch in seiner Rache ist er wahnsinnig konsequent, bis zum Ende. Was Telramund angeht: Der ist eben nicht konsequent. Er hätte Elsa und Gottfried schützen sollen, dann geschieht,was Ortrud angestiftet hat. Und dann wechsel er sehr schnell von der Position des Vormunds zu der des Anklägers. Das ist doch keine Konsequenz. Dass er dann so geschlagen wird und sich wieder anstiften lässt: Auch das ist nicht konsequent. Das ist wie Politik in Polen. Die EU-Kommission sagt, die Gerichte in Polen werden misshandelt. Die Regierung sagt, es seien alles nur Reformen, alles sei in Ordnung.

Gerade von der Rolle des Alberich aber haben Sie Abstand genommen.

Konieczny: Demnächst singe ich den Alberich jedenfalls nicht mehr. Den letzten singe ich an der Met, das ist ein Vertrag, der seit fünf Jahren steht.

Wenn er Ihnen so gefällt – warum mögen Sie ihn nicht mehr singen?

Konieczny: Alberich treibt den Sänger in eine Richtung, die für die Stimme nicht gesund ist. Wenn man eine solche Partie mit großer Distanz singen kann, und solche Sänger gibt es, dann geht es. Bei mir geht es nicht. Es ist eine komplexe Partie, in der „Götterdämmerung“ ist sie sehr kompliziert, aber auch im „Rheingold“ - mit all den Ausrufen. Das ist, wie soll ich sagen, nicht hygienisch, nicht gut für die Stimme. Wenn ich die Rolle mit den ganzen Emotionen singe, dann ist es nicht gesund. Schauspieler neigen dazu, sich zu sehr mit ihrer Rolle zu identifizieren.

Da kommen Ihnen Ihre Erfahrungen als Schauspieler in die Quere.

Konieczny: Genau. Der Schauspieler will auch die Stimme beherrschen, und das treibt die Stimme in eine Richtung, die weniger schön, mehr ausdrucksvoll und schärfer ist. Die Problematik liegt eher in der tiefen Mittellage. Mit bleibt eigentlich in diesem Fach nur noch der Hans Sachs. Alberich zu singen habe ich geliebt, ich werde es auch an der Met mögen. Trotzdem: Der Abschied vom Alberich ist eine bewusste Entscheidung. Wenn man Alberich auf hohem Niveau singt, großen Erfolg damit hat, und den habe ich ich in Wien, in München und in Berlin gehabt – dann kommt der Moment, da mich alle nur noch als Alberich haben wollen. Von der Statur und vom Charakter bin ich aber letztlich doch nicht der Typ. Alberich strapaziert die Stimme, Wotan nicht. Auf der anderen Seite sehen wir in Alberich die gesamte menschliche Natur, er ist viel wahrhafter als die starke männliche Vater-Führerpersönlichkeit Wotan. Da merkt man doch, warum er böse wird. Hm....

 

"Ich habe als kleines Kind schon viel für Theater empfunden"

Da liegen Sie mit sich im Widerstreit.

Konieczny: Ich bin nur ein Mensch, ich kann empfinden, zur Zeit empfinde ich für Wotan mehr als für Alberich. Nach Wotans Abschied kommen Menschen zu mir, die beben förmlich vor Rührung.

Zum Schauspiel nahmen Sie sehr früh Kontakt auf.

Konieczny: Das stimmt. Ich hatte für Theater schon als kleines Kind sehr viel empfunden. Das hat mit meinem Großvater angefangen, der ein verrückter Mensch gewesen ist – der hat mich ins Theater gebracht. Dort hat mir alles gefallen. Den größten Eindruck hat allerdings eine bewegliche Krippe in einem Kloster hinterlassen, in der sich alle Tiere bewegt haben. Ich war fasziniert, dann habe ich zu Hause angefangen, so was zu basteln. Also, es hat früh angefangen. Als ich viel später aufs Gymnasium ging, waren meine Eltern ein bisschen traurig, denn meine Noten waren nicht gut, aber ich habe immer was veranstaltet, Kabarett zum Beispiel. Mit 18 habe ich die Schauspielschule besucht. Aber davor noch habe ich mit einem Freund, einem Komponisten, eine Musical-Veranstaltung gemacht, „Der kleine Prinz“. Das haben wir auch noch parallel zur Schauspielschule gemacht.

Mit welcher Art Regisseuren kommen Sie zurecht?

Konieczny: Mit guten. Ob es modernes Theater ist oder nicht modern, das spielt keine Rolle, das denke ich mir um so mehr, je älter ich werde. Hauptsache, gutes Theater, und den Begriff verstehen Profis ganz schnell. Es gibt eine Theatersprache, die was besagt, und es gibt Theater, das nichts sagt. Mit Profis komme ich sehr gut zurecht. Wenn Menschen kommen, die andere Ziele haben, Menschen, die Dichter und Komponisten auslachen, die das Publikum oder Sänger auslachen möchten, die skandalieren, dann leuchtet bei mir ein Warnzeichen auf. Ich komme meistens auch dann zurecht, aber es kann dann schon mal schwierig werden.

Welcher Typ von Regisseur ist Yuval Sharon?

Konieczny: Ich bin sehr zufrieden. Yuval Sharon ist ein sehr netter, professioneller Regisseur, der ein klares Bild davon hat, wie er die Inszenierung haben möchte. Es hat mir Spaß gemacht, dass er Telramund irgendwie poetisch darstellt. Ich hätte nie gedacht, dass Telramund als poetische Figur auftreten könnte.

Und der Rest, hier, in Bayreuth?

Konieczny: Es geht hier super professionell zu, akustisch ist das Haus phantastisch. Ich würde manchem Kollegen im Repertoirebetrieb wünschen, dass er eine solche Profiarbeit erlebt. Und: Ich bin ein großer Wagner-Liebhaber. Dass ich die Generalproben von fast allen Stücken anschauen konnte, also – ich finde das großartig.

 

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