Bayreuther App gegen Papierkrieg

Wie können einzelne Menschen über Entfernungen als Team zusammenarbeiten? Ein Bayreuther Startup hat ein Werkzeug dafür entwickelt. Die App Reportheld erspart Außendienstlern Papierkrieg – in Windparks und auf Schuhmessen.

Der Techniker untersucht in 100 Metern Höhe auf dem Windrad die Turbine, sein Kollege prüft am Boden den Schaltschrank. Im besten Fall sieht der eine sofort auf dem Handy, was der andere entdeckt hat, und kann darauf reagieren.

Beide müssen später im Büro keine Formulare mehr abtippen. Und ihr Chef in der Zentrale weiß in Echtzeit Bescheid. Damit das klappt, hat das Bayreuther Startup groupXS eine App entwickelt.

Der Bericht ist schneller als man selbst im Büro

Reportheld heißt die App. Das kommt von „report“, dem englischen Wort für berichten. Die App hilft Mitarbeitern, über Distanzen zusammenzuarbeiten. Statt sich auf Papierformularen mit Tabellen herumzuschlagen, gehen sie eine Checkliste auf dem Handy durch.

Das Häkchen an der richtigen Stelle ersetzt so meist viele Worte. Am Ende ein Knopfdruck, und der Bericht ist vor einem selbst im Büro. Ist der Techniker im Funkloch, sendet die App alle Daten automatisch, sobald er draußen ist.

Zeitersparnis: Bis zu vier Stunden pro Windrad

„Die Dokumentation hat früher pro Windrad bis zu vier Stunden länger gedauert“, sagt Geschäftsführer Tobias Hertkorn (36). Seine Zehn-Mann-Firma groupXS bietet für spezialisierte Teams, also Größe XS, maßgeschneiderte Lösungen an. Mit der App für die Windräder arbeiten nun alle Wartungsspezialisten von Baywa r.e., der Tochter-Firma für erneuerbare Energien des Baywa-Konzerns, in Deutschland, England, Frankreich und Spanien.

15, 20 Seiten in den Computer einzutippen braucht Zeit. Das hätten die meisten Wartungsspezialisten Freitagnachmittag geballt erledigt. „Jetzt haben sie früher Feierabend“, sagt Hertkorn. Weitere Vorteile: Sie müssen sich vorher nicht die alten Berichte durchlesen, weil sie diese in der Hosentasche dabei haben. Sie sehen auf einen Blick, wann ein Schaden schon einmal aufgetreten ist und können besser planen, wann sie ein Teil auswechseln müssen. Denn jeder Tag, an dem ein Windrad unnötig still steht, kostet.

Damit der Biogas-Bauer nicht in die Luft fliegt

Das Baukasten-Prinzip bei den Formularen erlaubt auch andere Einsatzmöglichkeiten. Gerade entwickeln die Bayreuther eine Variante der App für einen Südtiroler Biogas-Hersteller. „Da geht es um hochgiftige, teils explosive Stoffe“, sagt der zweite Geschäftsführer Sebastian Schmidt (34), „aber die Menschen, die die Anlagen kontrollieren, sind oft fachfremd“.

Teilweise müssen die Landwirte das selbst machen, je nach Anlagen-Bauteil alle zwei Tage, jede Woche oder alle zwei Wochen. Die App soll helfen, den Überblick zu bewahren, und neben der Schritt-für-Schritt-Checkliste auch Warnhinweise einblenden. Zum Beispiel, wenn der Landwirt die Zigarette lieber ausdrücken sollte, um nicht in die Luft zu fliegen. „Er kann über die App auch direkt den Spezialisten in der Zentrale kontaktieren, wenn er unsicher ist, was er gerade entdeckt hat.“

Die Einkäufer lassen jetzt auf Messen den Block daheim

Das Unternehmen Schuh Mücke benutzt die App seit anderthalb Jahren. Zum Beispiel notieren die Einkäufer auf Messen ihre Bestellungen seitdem nicht mehr auf Papier. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Prokuristin Kathrin Schmidt. „Der Nachbearbeitungsaufwand entfällt, die Betreuung ist gut und man kann die App schnell anpassen.“ In die Entwicklung und laufende Betreuung hat Schuh Mücke dafür etwa 25.000 Euro investiert.

Das Startup groupXS gründeten Tobias Hertkorn und Peter Sachet 2013. Beide haben in Bayreuth Physik studiert. Hertkorn arbeitete zuvor bei Microsoft, Sachet mittlerweile bei Siemens. Ihr heutiger Geschäftsführer-Kollege Sebastian Schmidt hat in Bayreuth BWL studiert. Er stammt aus Hannover, ist mit einer Oberfränkin verheiratet und war für die Unternehmensberatung Ernst & Young zur Prozessoptimierung jahrelang international unterwegs.

Wie spart man 35 Prozent Personalkosten?

Zum Beispiel sollte er 2010 dem VW-Konzern sagen, wie man in drei Jahren in einem Teilbereich 35 Prozent Personalkosten einspart. „Da schlagen einem nicht gerade große Sympathiewellen entgegen“, sagt Schmidt. „Prozessoptimierung bedeutete oft Personalkürzungen. Mit dem Reportheld optimiere ich Prozesse, indem ich Menschen das Leben einfacher mache.“

Mit der App erreichte die Firma beim Innovationspreis IT 2016 den zweiten Platz in der Kategorie Mobile. Ihr nächstes Ziel: „Bodenständig wachsen und mit dem Reportheld weitere Wirtschaftszweige erschließen“, sagt Hertkorn. Wenn’s geht gleich um die Ecke. „Um Bayreuth gibt es im Mittelstand ein dichtes Netz innovativer Familienunternehmen“, sagt Schmidt.

Glossar:

App: Der Reportheld ist eine mobile Business-App, also eine Anwendungssoftware für tragbare Geräte wie Tablet oder Smartphone.

Startup: von Englisch „start up“ = gründen. Startups sind junge Unternehmen, die sich durch zwei Dinge auszeichnen: eine innovative Idee das Ziel, schnell zu wachsen. Denn in der Regel haben sie nur ein geringes Startkapital und brauchen mehr Geld für die Umsetzung. Da ihre Produkte häufig auf neuen Technologien basieren, stammen die Gründer oft aus den Ingenieurwissenschaften und der Informatik. Typischerweise hatten sie ihre zündende Idee im Studium.

 

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