Am Freitag Symposium im Historischen Sitzungssaal: Neue Erkenntnisse zu Wilhelmine Wilhelmines heimliches Geschenk an den Bruder

BAYREUTH. Am Freitag reden sich die Wissenschaftler die Köpfe heiß. Ein Symposium der Universität Bayreuth holt anlässlich der Wiederaufführung der Oper „L’Huomo“ Experten aus ganz Deutschland ins Kunstmuseum. Unter ihnen Professorin Sabine Henze-Döhring, die in den vergangenen Jahren mit vielen neuen Erkenntnissen das Bild der Markgräfin geschärft hat. Im Gespräch mit Kulturredakteurin Christina Knorz teilt sie ihre Erkenntnisse.

Frage: Was sind Ihre neusten Entdeckungen in Sachen Wilhelmine?

Sabine Henze-Döring: Ich habe in meinem Buch „Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik“ bereits im Zusammenhang zu „L’Huomo“ darauf hingewiesen, dass es starke Abweichungen gibt zwischen dem Text im Libretto und dem Text in der Partitur. In meinem heutigen Vortrag werde ich nun eine Fußnote zu diesem Hinweis nachliefern. Ich habe nämlich herausgefunden, dass sich diese Änderungen durch den Austausch von Arien erklären lassen. Es ist tatsächlich so, dass in der Partitur eine Reihe von Arien enthalten sind, die nicht von Andrea Bernasconi sind, sondern von Johann Adolph Hasse oder von Baldassare Galuppi und auch Arien aus einer älteren Oper von Bernasconi.

Frage: Ist dieser Austausch bemerkenswert?

Henze-Döhring: Das ist eigentlich nicht der Erwähnung, nicht einmal einer Fußnote wert. Das war damals üblich und hat nichts mir Schwindel oder Betrug zu tun. Der Witz nun und das eigentlich Sensationelle ist, dass die Markgräfin eine ganz spezielle Idee damit verbindet. Sie hat nicht einfach irgendwelche Arien übernommen, sondern ganz bestimmte. Die Situation war, dass Friedrich der Große in dieser Zeit seinen geliebten Sänger Carestini verloren hat. Carestini wechselte damals auf eigenen Wunsch vom preußischen Hof nach St. Petersburg. In der Presse der Zeit lässt sich das nachlesen. Die ausgetauschten Arien in „L’Huomo“ nun sind in zwei Fällen Arien Johann Adolph Hasses, die für diesen Sänger Carestini geschrieben worden sind. Die Markgräfin hatte also als heimliches Geschenk an ihren Bruder diese zwei Arien in ihre Oper übernommen, und wollte ihrem Bruder damit wahrscheinlich den Abschied von dem Sänger versüßen.

Frage: Wer sang die Carestini-Arien in Bayreuth?

Henze-Döhring: Steffano Leonardi, der Bayreuther Star-Sänger, sang sie bei der Uraufführung. Im Bamberger Staatsarchiv habe ich einen Brief gefunden, den der Markgraf Friedrich 1747 verfasst hat an den sächsischen Premierminister Graf Brühl. Da fragt der Markgraf, ob sein Sänger Leonardi und zwei seiner Musiker nach Dresden reisen dürften und auch Zutritt zu einer Festveranstaltung bekämen, in der eine Hasse-Oper aufgeführt wurde. Und genau aus dieser Oper, die wenig bekannt war, hat die Markgräfin für „L’Huomo“ Arien übernommen, die auf diese Reise von Leonardi zurückzuführen ist. Es ist sehr interessant, dass man eine Arie genommen hat, die Leonardi aus persönlicher Anschauung her kannte und sie quasi mitgebracht hat. Eine liebevolle, rührende Geste der Markgräfin – ich rede schon über sie, als ob sie meine ältere Schwester wäre – ihren Bruder mit diesen Arien zu beschenken.



Im Mittelpunkt des Symposiums am Freitag, 2. Oktober, stehen die verschiedenen Opernkonzeptionen, die zwischen Berlin und Bayreuth in den frühen 1750er Jahren zirkulierten. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf der Betrachtung des kompositorischen Kontextes liegen vor dem Hintergrund, dass sich Wilhelmines Autorschaft am Cembalo-Konzert als hinfällig erwiesen hat. Referenten sind Saskia Maria Woyke (Bayreuth), Wolfgang Hirschmann (Halle), Jürgen Maehder (Berlin), Steffen Voss (Hamburg), Christine Siegert (Bayreuth), Sabine Henze-Döhring (Marburg), Ruth Müller-Lindenberg (Hannover). Die Veranstaltung im Historischen Sitzungsaal von 9 bis 18 Uhr ist öffentlich.
 

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