Kulturreferent Knoblich, der Rächer

Der in Erfurt neu gewählte Dezernent Tobias Knoblich (links). Foto: Marco Schmidt

KOMMENTAR. Vielleicht wird es eines Tages, dargeboten von einer fränkischen Laienspielgruppe, die Aufführung des Stücks „Bayreuth und seine Kulturreferenten“ geben. Das Werk, das sich je nach Belieben in die Sparte Komödie, Trauerspiel oder Farce einordnen ließe, wäre schnell geschrieben.

Der Autor bräuchte dazu nicht mal Fantasie. Die nüchterne Beschreibung dessen, was sich seit mehr als einem Jahrzehnt im Bayreuther Rathaus in puncto Kulturreferenten abspielt, ist der Garant für ein Schauspiel der Extraklasse. Besetzungsfragen wären schnell geklärt: Wer macht die Rampensau? Wer gibt den Dummen August? Wer zieht im Hintergrund die Strippen?

Tobias Knoblich jedenfalls ist der Held, der sich als Rächer seiner einst vom Hof gejagten Vorgänger begreifen kann. Ja, Tobias Knoblich, der aus Erfurt zum Vorstellungsgespräch nach Bayreuth gekommen war und es dann gewagt hatte, auch in seiner Heimatstadt den Hut für eine mutmaßlich attraktivere Stelle in den Ring zu werfen, hat den Bayreuther Stadtrat gedemütigt. Vermutlich wollte er das garnicht.

Doch die Kränkung, die dessen Doppelbewerbung verursacht hat, saß bei einigen Stadtratsmitgliedern so tief, dass deren Aufschrei entsprechend aggressiv ausfiel. Was zeigt: Die Decke der Zivilisation ist auch dann ziemlich dünn, wenn es um Kultur geht. Dass man den Kandidaten aus Thüringens Landeshauptstadt nur wenige Wochen zuvor für den Qualifiziertesten unter 130 Bewerbern gehalten hatte, war schnell vergessen. Innerhalb kürzester Zeit wurde der vermeintliche Heilsbringer zur persona non grata. Zumindest in der Sicht einiger Bayreuther.

Dabei hatte Knoblich nun wirklich nichts Verbotenes getan. Sonst wären ja auch viele Uni-Professoren, Klinikärzte und Führungskräfte in allen möglichen Bereichen Verbrecher. Doch der Fall lehrt: Mit einer „Kulturstadt wie Bayreuth“ darf man offenbar so nicht umspringen. Wer nicht die bedingungslose Hingabe signalisiert, ist raus.

Immer ein Verlierer?

Freilich: Von dieser Haltung, die die Stadt Bayreuth vermutlich seit Generationen geprägt hat, hat man sich inzwischen sogar im Festspielhaus verabschiedet. Denn dort weiß man: Wenn man will, dass die Allerbesten in Bayreuth auftreten, muss man ihnen gestatten, im Sommer auch in anderen Häusern singen zu dürfen.

Was ja auch bestens funktioniert. Im Bayreuther Rathaus sollten sich die Verantwortlichen nun sehr genau überlegen, ob man sich tatsächlich zum vierten Mal innerhalb eines Jahrzehnts in das Abenteuer stürzen will, zu dem die Suche nach einem qualifizierten Kulturreferenten werden kann. Ob die Gesetzmäßigkeit, dass immer eine Seite der Verlierer sein muss, jemals gebrochen werden kann?

Doch wie geht es nun mit dem noch ungeschriebene Stück „Bayreuth und seine Kulturreferenten“ weiter? Vielleicht so: Da man bei der Sanierung der altehrwürdigen Stadthalle auf historische Mauerreste aus dem Vor-Wilhelminischen Zeitalter gestoßen war, mussten die Bauarbeiten dauerhaft eingestellt werden. Insofern musste sich auch niemand mehr Gedanken darüber machen, wie das Haus eines Tages zu bespielen wäre. Bayreuth versank in einen hundertjährigen Schlaf. Dabei waren die Aussichten einstmals durchaus ein bisschen rosig gewesen.

Ach ja, für die Uraufführung des Stücks sollte man vier Ehrenplätze reservieren: für die Herren Hillgruber, Lange, Kern und Knoblich.

roman.kocholl@nordbayerischer-kurier.de

 

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