Badeunglück: Jetzt spricht der Anwalt

Im Juli 2014 ist ein achtjähriges Mädchen im Himmelkroner Freibad ertrunken. Doch das Amtsgericht Kulmbach prüft noch, ob es eine Anklage gegen zwei Aufsichtspersonen zulässt. Foto: Ronald Wittek

Die Mutter der ertrunkenen Vanessa will gerichtlich geklärt wissen, wer den Tod ihrer Tochter verschuldet hat. Doch ist es richtig, überhaupt nach einer Schuld zu suchen? Der Anwalt des wegen fahrlässiger Tötung angeschuldigten Bademeisters äußerte sich jetzt im Namen seines Mandanten.

Bisher habe er dies aus Rücksicht auf die Gefühle der Hinterbliebenen vermieden, sagt Oliver Heinekamp, Rechtsanwalt aus Bayreuth. Aber es sei einfach falsch, den Badeunfall nur mit den Augen der Mutter zu betrachten. „Das Kind ist tot und das ist tragisch“, sagt Heinekamp im Gespräch mit dem Kurier. Die entscheidende Frage sei jedoch: „Kann dafür eine Person strafrechtlich belangt werden?“ Heinekamp meint: „Nein.“ Und es sei eine falsche Vorstellung der Mutter, ein Prozess könne den tragischen Verlust entschädigen.

Bademeister erledigte noch andere Aufgaben

Eine ehrenamtliche Übungsleiterin sei am Beckenrand gewesen, habe Geld herausgesucht, um es einer Mutter mitzugeben, die Eis für die Kinder kaufen wollte. Der Bademeister sei zur Kasse gegangen, um etwas abzulegen. Denn zu seinen Aufgaben habe neben der Aufsicht über das Wasser unter anderem auch das Überwachen der technischen Anlage und das Kassieren gehört. Seit über 30 Jahren habe er die Tätigkeit ausgeübt. „Er hatte alle erforderlichen Kurse, nur bei einem war die Frist überschritten“, sagt Heinekamp. „Aber das heißt nicht, dass ihm die Qualifikation gänzlich gefehlt hat.“ Auch den Defibrilator habe er ordnungsgemäß bedient. Dieser habe allerdings auf der nassen Haut des Kindes nicht gehalten.

Hätte pflichtgemäßes Verhalten das Ertrinken verhindert?

Der Anwalt orientiert sich an einem für ihn maßgeblichen Urteil des ersten Strafsenats des Bundesgerichtshofes vom 19. Januar 1988. Darin heißt es, „eine pflichtwidrige Unterlassung“ könne einem Angeklagten nur dann angelastet werden, „wenn der strafrechtlich relevante Erfolg bei pflichtgemäßem Handeln mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert worden wäre“. Die Kernfrage ist laut Heinekamp: „Hätte der Tod des Kindes mit großer Wahrscheinlichkeit vermieden werden könne, wenn sich mein Mandant anders verhalten hätte?“.

Kind behauptete, es könne schwimmen

Das hält Heinekamp aus mehreren Gründen für unmöglich: Der Bademeister habe nicht zwingend ständig am Beckenrand stehen müssen, da er noch andere Aufgaben gehabt hätte. „Auf eine lückenlose Überwachung hat kein Badegast Anspruch.“ Das Kind habe gegenüber den Betreuern und einer Lehrerin in der Schule behauptet, es könne Schwimmen und habe das Seepferdchen. Das sei die Unwahrheit gewesen. „Die Betreuerinnen können nicht alle Kinder vorschwimmen lassen.“ Das Mädchen sei dann mit einer mitgebrachten Taucherbrille im tiefen Wasser gewesen.

War das Ertrinken zu erkennen?

Wie lange es regungslos im Wasser lag, wisse man nicht. „Nach Angaben eines Arztes reicht schon eine Minute unter Wasser, um gravierende Schäden auszulösen.“ Selbst wenn der Bademeister am Beckenrand gewesen wäre, sei es mehr als fraglich, ob er in dieser kurzen Zeit überhaupt bemerkt hätte, dass das Kind nicht normale Tauchübungen macht. Ob die Beatmung durch den Notarzt korrekt verlaufen sei, könne ebenfalls nicht mehr nachvollzogen werden. „Dem Notarztprotokoll lassen sich keine Werte über die Sauerstoffsättigung im Blut des Mädchens entnehmen“, stellte das Amtsgericht Kulmbach bereits fest.

Heinekamp ist der Ansicht, sein Mandant habe nichts Strafbares gemacht. „Und wir müssen uns auch fragen, welche Anforderungen wir an ehrenamtliche Helfer stellen. Es gibt immer auch eine Eigenverantwortung und ein Restrisiko.“

Prozess oder nicht?

Wie geht es nun weiter? Das Kulmbacher Amtsgericht sieht „nach vorläufiger Würdigung der Aktenlage hinsichtlich beider Angeschuldigter einen wohl hinreichenden Tatverdacht“. Einen solchen erkennt der Anwalt allerdings nicht. Daher sei die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage nicht zuzulassen. Ob sie zugelassen wird oder nicht, darüber muss nun das Amtsgericht entscheiden. Würde die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl beantragen, könnte die Hauptverhandlung umgangen werden, wenn dagegen kein Einspruch erhoben wird. Eine Verhandlung, die dem kleinen Kulmbacher Amtsgericht einen vermutlich noch nie erlebten Medienrummel bescheren würde. Und für alle Beteiligten einen enormen Stress bedeutet.

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