Ausstellung von Anna Recker Freiheit und Anarchie

Spaß am Spielen: Anna Recker beim Aufbau ihrer Ausstellung in Bayreuth. Foto: Michael Weiser

BAYREUTH. Aus der Ordnung der Mathematik ins Chaos - und wieder zurück: Anna Reckers entdeckt in der Strenge der Geometrie die Freiheit der Kunst. Am Mittwochabend, 9. Januar,  wird ihre Ausstellung Im Neuen Rathaus eröffnet. Mit Werken, die an Sehgewohnheiten zweifeln lassen. Und die zum Mitspielen einladen.

Anna Recker sagt manchmal etwas, was sich widersprüchlich anhört. Wie etwa dies: „Das ist das Gefängnis, in dem man Freiheit finden kann.“ Auch ihre Kunst offenbart Gegensätze: Es ist Kunst, ganz unbestreitbar, weil ihre Arbeiten die Sinne ansprechen. Es ist aber auch Mathematik, obwohl doch Mathematik eigentlich nicht sinnlich, sondern eher spröde sein sollte, eben so, wie’s mancher aus der Schulzeit her kennt.

Besucher können getrost vergessen, was sie in der Schule gelernt haben. Man sieht Mathematik. Und nimmt Kunst wahr. Allein deswegen ist Anna Reckers Ausstellung im Neuen Rathaus – „Plan – Spiel – Theorie“ heißt sie – zu empfehlen. Sie bringt Gegensätzliches zusammen. Und sie spricht verschiedene Altersklassen an, vom älteren Kunstkenner, der eingeübte Betrachtungsweisen überprüfen darf, bis zum ganz jungen Menschen, der die Welt gerne spielerisch erfährt.

Kunst und Mathematik

Denn auch das findet man bei Anna Recker: Spiel. Es ist Kunst. Noch dazu Kunst, die von Können kommt; Ausdruck, der nicht nur von Kreativität zeugt, sondern von fast schon altmeisterlichem Bleistiftstrich. Trotzdem: Das eine oder andere darf man anfassen. Man sollte es sogar: Im Herumprobieren, findet sich der sonst von Kunst gern in die Schranken gewiesene Besucher neu.

Anna Recker, gebürtig aus Osnabrück, hat ihren Schiller und seine Ausführungen über die ästhetische Erziehung des Menschen gelesen; sie kennt den Satz, dass der Mensch nur dort ganz Mensch sei, wo er spiele. Ihr Ausgangsmaterial, sozusagen ihre Bauklötze, sind gleichseitige Dreiecke und die Formen, die sich daraus ableiten lassen. Sie schafft daraus ganz verblüffende Grafiken, die schon deswegen an die Zeichnungen und Holzschnitte von M. C. Escher erinnern, weil sie unsere Sehgewohnheiten neu kalibrieren.

Keine esoterischen Botschaften

An der Folkwangschule in Essen aber hat sie auch Pina Bausch kennengelernt, die berühmte Choreographin. Die Begegnung hinterließ Eindrücke. Recker lässt sonst so starr wirkenden geometrischen Figuren noch heute tanzen, die auf Maß und Winkel berechnete Vorgabe wirkt bei ihr auf einmal lebendig und flexibel. Tatsächlich aber hat sie auch bildende Kunst und Tanz zu Performance verschmolzen, zum „synchronoptischen Theater“ zum Beispiel oder zum „Tanz auf dem Facettenauge“. Auch Skizzen dazu findet man im Neuen Rathaus.

Das Grundmuster Reckers ist, wie gesagt, das Dreieck. Drei gilt als heilige Zahl, das gleichseitige Dreieck gar als Symbol Gottes. Religiöse oder esoterische Botschaften verbirgt Recker mit ihrem Schaffen nicht; allerdings kann man nach eingehender Betrachtung ihrer Werke nachempfinden, warum Dreiecke auch in der Kunstgeschichte – auch den Goldenen Schnitt kann man mit ihnen ausrechnen – eine solch wichtige Rolle spielt. „Es ist einfach die erste Fläche, die man bilden kann“, sagt sie, „mit zwei Punkten hat man noch eine Linie, mit dreien aber ein Dreieck.“

Zwischen Chaos und Ordnung

Schon die fünf platonischen, als perfekt angesehenen geometrischen Körper lassen sich in gleichseitige Dreiecke zerlegen. Es ist, als kristallisierten sich aus dem scheinbaren Chaos der Natur ewige Gesetze heraus, die alles im Gleichgewicht halten. Auch das, der Übergang von Chaos zur Ordnung und umgekehrt, das Changieren zwischen verschiedenen Aggregatszuständen finden sich in Reckers faszinierenden geometrischen Arbeiten.

Der Betrachter darf auf der Spur der Dreiecke verborgenen Mustern nachspüren. Auch gerne im Puzzle. „Rasenspiele“ heißt ein Werk, das aus sechs Teilen Kunstrasen besteht, die wiederum in bis zu vier Dreiecke zerlegt werden könnten. Ein Stück Leinwand hängt daneben, darauf sind zwei Dutzend Formen aufgezeichnet, die man aus den grünen Teilen legen kann. Alle bis auf eins. Das unmögliche Gebilde zu finden, ist eine Denksportaufgabe, die viel Vorstellungskraft erfordert, eine besondere Form von Intelligenz, wie Recker selber findet. „So lernt man vielleicht auch, Voreingenommenheit zu überwinden“, sagt sie. Nicht, dass es in erster Linie darum geht, um Unvoreingenommenheit. Eigentlich wolle sie keine Weltanschauung propagieren, beteuert sie. Aber man hat schon den Eindruck, sie freute sich, stellte man Denk- und Sehgewohnheiten beim Anblick ihrer Bilder und Plastiken auf den Prüfstand.

Etwas übersichtlicher ist das Puzzle, in dem man verschiedene – wiederum in Dreiecke zu zerlegende – Holzformen zu einem Sechseck anordnen kann. Sie führt das ganze vor, hat sichtlich Spaß bei der Sache. Und sagt den Satz mit dem Gefängnis und der Freiheit. Man hat die Freiheit, die Formen anzuordnen, Spaß am freien Spiel aber stellt sich nur dank der strengen Vorgabe des Sechsecks ein.

Starrer Rahmen und Freiheit, wirklich ein Widerspruch? Freiheit ohne Regeln wäre nur Chaos.


Info: Eröffnung ist am Mittwoch, 9. Januar, um 18 Uhr mit einem Triangelkonzert. Die Ausstellung dauert bis 22. Februar.

 

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