„Auftakt zum Völkermord“ Bayreuth gedenkt der Pogrome der Nazis am 9. November 1938

Enthüllten am Donnerstag die Gedenktafel (von links): Historiker Norbert Aas, Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe, der Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, Felix Gothart, und Museumsleiterin Marina von Assel. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Bayreuth gedenkt der Opfer der November-Pogrome: Mit der Enthüllung einer Tafel im Alten Rathaus hat Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe gestern Abend an die Ausschreitungen und Gewalttaten gegen Juden am 9. November 1938 erinnert. Merk-Erbe sprach vom „dunkelsten Kapitel der Geschichte“.

Der „spontane Volkszorn“, wie die NS-Propaganda die Hetzjagden auf jüdische Mitbürger nannte, wurde von höherer Stelle angeordnet. In Bayreuth klingelte das Telefon eines NS-Funktionärs, der erkannte die Stimme des in München weilenden Gauleiters Fritz Wächtler und antwortete dienstbereit: „Jawoll, Gauleiter, klappern muss es.“

Von den Nazis höhnisch als „Reichskristallnacht“ bezeichnet

Was die Nazis „klappern“ nannten, war Gewalt gegen jüdische Mitbürger am 9. November 1938, getarnt als Vergeltung auf die Verzweiflungstat eines jungen Juden, der in Paris einen deutschen Diplomaten niedergeschossen hatte. Die deutschlandweiten Pogrome, von den Nazis höhnisch als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, bildeten den „Auftakt zum Völkermord“, wie Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe bei der Feierstunde im Alten Rathaus sagte.

Dort, im Foyer des Kunstmuseums, wo sich vor 80 Jahren die Hofeinfahrt der Polizeiwache befunden hatte, erinnert nun eine Tafel an die Leiden Bayreuther Bürger, die am Abend des 9. November von ihren Peinigern aus den Betten gezerrt wurden. Sie durften nicht auf Mitleid hoffen. „Der Jude Zwirn, welcher den Eintritt in seine Wohnung verwehren wollte und sich mit Gewalt widersetzte, musste eindrucksvoll belehrt werden, dass er nichts mehr zu melden hatte“, höhnte das „Bayreuther Tagblatt“.

„Beschimpft, angeschrien und geschlagen"

Die NS-Schergen setzten zu einer regelrechten Verwüstungsorgie in Wohnungen, in Geschäften und in der Synagoge an. Ihre Opfer trieben sie zunächst im Hof der Polizeiwache zusammen, bevor sie sie später in die Rotmainhalle führten. Nicht wenige Bayreuther wohnten dem Treiben der Nazis wohlwollend bei. Bayreuths Juden seien „beschimpft, angeschrien und geschlagen worden“, stellte Merk-Erbe fest.

Schon wenige Wochen nach den Pogromen, so ist es in der Stadtgeschichte von Rainer Trübsbach zu lesen, gab es im Bayreuther Geschäftsleben keine Juden mehr. Das zumindest meldete die Zeitung „Bayerische Ostmark“. Die Juden, die nicht ins Ausland flüchten konnten, wurden ab 1941 deportiert. Für die meisten wurde es eine Fahrt ohne Wiederkehr.

Baustein in der notwendigen Erinnerungs- und Gedenkarbeit

Für den Text der Tafel zeichnen der Historiker Norbert Aas, Felix Gothart als Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde und Kunstmuseumsleiterin Marina von Assel verantwortlich, unterstützt von Martina Ruppert, der Leiterin des Historischen Museums. Die Tafel sei ein „Baustein“ in der notwendigen Erinnerungs- und Gedenkarbeit, sagte Merk-Erbe.

Eine weitere offizielle Erinnerungsstätte war bereits 1988, zum 50sten Jahrestag der Pogrome, unter der Ägide von Oberbürgermeister Dieter Mronz, im Vestibül des Neuen Rathauses eingerichtet worden. „Es ist wichtig, präsent zu sein“, sagte Felix Gothart, und das gar nicht mal so sehr wegen eines zunehmenden Antisemitismus. Der sei vermutlich nie wirklich verschwunden gewesen, sagte Gothart. „Nur wird er jetzt immer lauter.“

 

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