Artenkenntnis Der Vogel, das unbekannte Wesen

Erkennen Sie den Vogel? Um welche Art es sich handelt, ist vielen Schülern nicht mehr klar. Die Auflösung finden Sie am Ende des Artikels. Fotos: dpa

KULMBACH. Wer zwitschert dort auf dem Baum und sitzt am Futterhäuschen? Die meisten Schüler kennen die Amsel, offenbaren sonst aber große Wissenslücken.

Wenn Erich Schiffelholz seine Vorträge über Nisthilfen oder die Vogelfütterung hält, veranstaltet er zum Einstieg gerne eine kleine Fragerunde. Dabei zeigt er Bilder von Amsel, Spatz, Meise und anderen häufig vorkommenden Arten. Das Resultat ist meistens dasselbe. Nur wenige können die heimischen Vögel zweifelsfrei identifizieren.

Es gibt große Wissenslücken bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen, sagt der Kreisgruppenvorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Erich Schiffelholz hat mit seinem kleinen Ratespiel in den vergangenen Jahren herausgefunden, was jetzt auch eine offizielle Studie bestätigt. Die Artenkenntnis nimmt ab.

Wissenschaftler vom Institut für Didaktik der Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München haben knapp 2000 bayerische Schüler im Alter zwischen zehn und 19 Jahren befragt. Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche im Freistaat erkennen immer weniger einheimische Vogelarten. Das teilt die LBV-Landesgeschäftsstelle in Hiltpoltstein mit.

Wie es heißt, seien im Schnitt lediglich fünf von 15 häufigen Singvogelarten richtig benannt worden. Die Amsel ist bei den Schülern noch die bekannteste Vogelart. Immerhin gut drei Viertel der Studienteilnehmer haben sie erkannt.

Kam jemand kennt den Erlenzeisig

Aber schon bei einem Allerweltsvogel wie dem Spatzen hat nur etwas mehr als ein Drittel der Schüler richtig getippt. Der Buchfink, nach Auskunft des LBV immerhin der häufigste einheimische Singvogel, werde von 14 Prozent der Schüler identifiziert. Die Rangliste der bekanntesten Vogelarten unter bayerischen Schülern sieht so aus: Ganz oben steht die Amsel, gefolgt von Rotkehlchen und Blaumeise. Ganz hinten auf den Plätzen 13, 14 und 15 landen Grünfink, Buchfink und Erlenzeisig.

Die Forscher haben herausgefunden, dass die aktuellen Ergebnisse auf einem deutlich niedrigeren Niveau liegen als bei einer vergleichbaren Studie im Jahr 2007. Demnach sei keine einzige Vogelart heute deutlich besser erkannt worden als noch vor zehn Jahren. Im Gegenteil. "Bei zwei Drittel der untersuchten Arten ging die Bekanntheit sogar dramatisch zurück. So erkennen heutige Gymnasiasten zum Beispiel Elster und Grünfink ungefähr 25 Prozent seltener als im Jahr 2007", heißt es in der Studie.

"Wenn Schüler nicht mal mehr die Elster kennen, dann haut es mir echt den Vogel raus", sagt LBV-Kreisgruppenvorsitzender Schiffelholz. Auch er weiß aus der Praxis, dass die Amsel gerade noch identifiziert wird, andere Drosselarten wie die Mistel- oder die Wacholderdrossel seien bei der Mehrheit jedoch so gut wie unbekannt.

Oft verwechselt: der Dompfaff

Der Dompfaff ist mit seiner Erscheinung sicher einer der prägnantesten Finkenvögel. Doch allein wegen seiner Farbe werde er oft mit dem Rotkehlchen oder dem Bluthänfling verwechselt, obwohl die beiden völlig anders aussehen. "Auch bei grünlich-gelben und olivfarbenen Vögeln wird es für viele schwierig", stellt Erich Schiffelholz fest. Grünfink, Goldammer, Zeisig oder ist es vielleicht doch ein Spatz? Das können nur wenige zweifelsfrei bestimmen.

"Wenn sich die Alten nicht interessieren, dann kommt es bei den Jungen auch nicht an", sagt der LBV-Kreisgruppenvorsitzende. "Ich versuche dagegen zu steuern. Es gibt schon viele Leute, die sich unseren Exkursionen anschließen und mehr erfahren wollen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, was in unserer Umwelt um uns herumschwirrt."

Es sei natürlich schade, dass Kinder die Vogelarten heutzutage nicht mehr gut kennen, sagt Sabine Mörlein von der Grundschule Ziegelhütten. Im Heimat- und Sachunterricht der ersten und zweiten Klassen werde das Leben auf der Wiese und das Leben in der Hecke schon thematisiert. "Da geht es um die Vögel, aber auch um andere Tiere und Pflanzen", sagt die Schulleiterin im Gespräch mit dem Kurier. Um etwas über die verschiedenen Arten zu lernen und um sie unterscheiden zu können, sei neben dem Unterricht und der Schule auch die eigenständige Erforschung der Natur wichtig. Aber die Kindheit und die ganze Welt habe sich stark verändert.

Schule stößt an ihre Grenzen

"Früher war es normal, den ganzen Nachmittag draußen zu sein und etwas zu unternehmen", erinnert sich Sabine Mörlein. Der Tagesablauf und die Freizeitgestaltung sehen heute ganz anders aus. Die Schule sehe ihren Bildungsauftrag, stoße aber auch an Grenzen. Denn die Zeit ist limitiert. "Wir können leider nicht alles ausgleichen." Wenn die Kinder in der Natur einen Vogel sehen und sich dafür interessieren, dann lernen sie nebenher etwas über ihre Umwelt. Doch die Lebenswirklichkeit sehe mittlerweile in vielen Familien anders aus.

"Vor 20 oder 30 Jahren hätte auch niemand daran gedacht, Ernährungsbildung in der Schule zu machen", sagt Sabine Mörlein. In Ziegelhütten ist es nun sogar das Jahresthema. Übergewicht ist ein Problem geworden. Die Kinder lernen, welches Essen und Trinken gesund oder ungesund ist und setzen sich kritisch mit ihrem Pausenbrot und den eigenen Ernährungsgewohnheiten auseinander.

Auch die Bewegung sollte in der Schule eine größere Rolle spielen. "Ich wäre sofort dafür, dass die Kinder jeden Tag eine Stunde Sport haben", sagt die Ziegelhüttener Schulleiterin. Aber der zeitliche Rahmen lasse das nicht zu. Ob Sport und Bewegung oder Naturkunde - es liege in der Verantwortung der Eltern, was ihre Kinder in der Freizeit tun.

Für Thomas Gerl, den Leiter der Schüler-Studie an der Uni München, sind die Ergebnisse ein besorgniserregendes Alarmsignal. "Artenkenntnis gehört auf die Rote Liste des bedrohten Allgemeinwissens. Wenn wir so weitermachen, wird es bald niemanden mehr geben, der überhaupt noch merkt, welche Arten aussterben. Wie sollen sich unsere Kinder für den Erhalt einer Art einsetzen, die sie gar nicht kennen?"

Der Biologielehrer fordert, dass sich die Schulen wieder viel stärker mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt beschäftigen, um die Artenkenntnis vor dem Aussterben zu schützen. Die besondere Erwähnung der Artenvielfalt an vielen Stellen im neuen Lehrplan-Plus für das neunjährige Gymnasium sei dabei ein erster Schritt in die richtige Richtung, den alle Bundesländer gehen sollten, betont Gerl.

Mitmachaktion

Der Landesbund für Vogelschutz will dazu beitragen, die Artenkenntnis zu steigern. Die aktuelle Studie der Uni München hat gezeigt, dass die Schüler, die an der Mitmachaktion "Stunde der Wintervögel" teilnehmen, mehr Arten kennen. Die nächste Stunde der Wintervögel findet vom 4. bis 6. Januar 2019 statt.


Die Auflösung: Von links oben im Uhrzeigersinn sind abgebildet: ein Rotkehlchen, eine Amsel, ein Sperling und eine Kohlmeise

 

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