Angeklagter streitet Gewalt an Ehefrau ab

Vor dem Landgericht streitet ein 34-Jähriger die Schläge und Tritte gegen seine Ehefrau ab. Foto: dpa

Ein 34-jähriger Gewalttäter, der für Misshandlungen seiner Ehefrau fast drei Jahre ins Gefängnis muss, will eine mildere Strafe. Und zog deswegen vor dem Landgericht Bayreuth in die Berufung. Aber das Gericht meldete bereits Zweifel an. Die Staatsanwältin fordert eine höhere Strafe.

„Was wollen sie mit der Berufung erreichen?“, fragte Richter Werner Kahler den Angeklagten, „einen Freispruch?“ Vor dem Landgericht Bayreuth musste sich am Montag ein 34-Jähriger wegen vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung sowie Sachbeschädigung verantworten. Im September dieses Jahres war er vor dem Amtsgericht deshalb zu zwei Jahren und elf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden, saß seit dem ersten Verhandlungstag damals wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft. „Ich habe teilweise auch Fehler gemacht, aber da gehören immer zwei dazu“, sagte der gelernte Bestattungsfachmann.

Akten fast auswendig gelernt

Er brauche keine Sorge zu haben, so der Richter, man werde so tief ins Verfahren wie noch nie einsteigen und wenn es ein halbes Jahr dauert. Er habe die Akten gründlich gelesen, fast auswendig gelernt, so Kahler. Der Angeklagte hatte seine Frau Anfang 2016 allein oder mit ihren Kindern in Unterwäsche ausgesperrt hat, massiv geschubst, mit der Faust geschlagen und mit Winterstiefel gegen das Kinn getreten. Hatte sie angeschrieben, als Hure und Nutte beschimpft hat, sie aus dem fahrenden Auto schubsen wollen, aufgefordert von einer Autobahnbrücke zu springen – es sähe aus wie ein Suizid oder Unfall, er habe keine Probleme, die Leiche in einem Krematorium verschwinden zu lassen. Der Angeklagte zerstörte Kleidung, Brillen, Laptop und Handy der Frau, drohte ihr zu zeigen „was die Hölle ist“, Nacktfotos von ihr ins Internet zu stellen. Die Frau erlitt einen Schulterbruch, Knochenabsplitterungen, einen Handgelenkbruch, kaputte Zähne, zahlreiche Hämatome. Ein Rechtsmediziner bestätigte gestern, dass seine Untersuchungen und die Aussagen der Frau zu den Misshandlungen übereinstimmen. Und der Angeklagte setzte seine Frau psychisch unter Druck, zwang sie, vor Gericht die Aussage zu verweigern, im Krankenhaus falsche Angaben zu machen.

Von Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht

Noch im September hatte die 31-Jährige am ersten Verhandlungstag von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, am zweiten Termin dann doch ausgesagt. Und auch gestern wiederholte sie, welche körperlichen und seelischen Misshandlungen ihr Mann ihr zugefügt hatte. Ins Rollen war die Sache durch die Schule gekommen, die über die damals achtjährige Tochter der Frau von Gewalt in der Familie gehört hatte und daraufhin die Polizei informiert hatte.

Der Angeklagte bestritt gestern sämtliche Tatvorwürfe. „Ich habe nicht sie nicht geschlagen und getreten“, sagte er. Auch die Aussage mit der Brücke stritt er ab. Er habe seine Frau lediglich einmal im Streit hoch gehoben, dabei sei sie ihm entglitten und hingefallen. Er gab lediglich zu, Sachgegenstände zerstört zu haben. „Ich habe momentan keine Zweifel an der Aktenlage“, betonte der Richter. Er mahnte den Angeklagten sich seine Berufung zu überlegen, um manchen Zeugen – beispielsweise der Tochter – eine Aussage zu ersparen.

Anklage ist kein Einzelfall

„Sie spielen auf Risiko“, so Kahler. Das Gericht überlege, ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben, das den Angeklagten auf eine mögliche Persönlichkeitsstörung hin untersuchen soll. Dafür gebe es gravierende Anhaltspunkte, da die Anklage kein Einzelfall sei. Auch die vorherige Ehefrau des Angeklagten und andere Partnerinnen hatten von gleichen Vorfällen berichtet. „Sie können in der Psychiatrie landen und das ist nach oben zeitlich offen“, betonte er. Aber nicht alles, was anormal sei, sei auch krankhaft. – Der Angeklagte blieb bei seiner Berufung.

Und Richter Kahler taten sich Rätsel auf, nachdem die Ehefrau ihre Aussagen vom September wiederholt hatte. „Beim Aktenlesen dachte ich mir, die hat doch nicht alle Tassen im Schrank“, sagte er. Sie solle ihm erklären, warum sie das alles mitgemacht habe, den Angeklagten im Frühjahr dieses Jahres sogar geheiratet habe. „Ich war abhängig von ihm, dachte ich bekomm mein Leben nicht mehr allein auf die Reihe“, so die 31-Jährige. Sie habe alles vorgeschrieben bekommen, alles über sich ergehen lassen, weil sie dachte, sie liebe ihren Mann noch, hoffte, dass es besser werde. „Ich dachte, ich brauch ihn zum Überleben“, so die Frau. Seit September habe sie aber gemerkt, dass Familie und Freunde da sind, die ihr Halt geben. „Ich wollte das alles nicht mehr“, sagte sie, darum habe sie nun ausgesagt, „die vergangenen drei Monate waren das Paradies für mich.“

Fortsetzung im Januar

Die Verhandlung wird im Januar fortgesetzt. Die Frau überreichte dem Gericht noch Briefe, die ihr Mann aus dem Gefängnis an sie, Verwandte und Freunde geschickt hatte.

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