Amokfahrer vor Gericht Erst Schüsse stoppten ihn

Ein 26-jähriger Amokfahrer aus Berlin konnte am 17. April von der Bayreuther Polizei nur durch Schüsse gestoppt werden. Jetzt steht der Mann vor Gericht - allerdings nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter in einem Antragverfahren wegen mutmaßlicher Schuldunfähigkeit. Foto: Arne Dedert, dpa-Archiv

BAYREUTH/HOF. Er raste mit bis zu 200 Sachen über die Autobahn – wie ein Verrückter, würde man am Stammtisch sagen. Er überholte rechts, ignorierte Anhaltesignale und soll versucht haben, einen Polizisten zu überfahren. Er konnte nur durch Schüsse in die Reifen aufgehalten werden. Im Prozess gegen einen 26-jährigen Amokfahrer aus Berlin zeigt sich: Der Mann soll tatsächlich psychisch krank sein.

Einen zweiten starken Hinweis darauf, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt, gab es zwei Tage nach der Amokfahrt, am 18. April beim Ermittlungsrichter: Zu dem soll der 26-Jährige bei der Befragung gesagt haben, er werde nun „die Kameras in meinen Augen einschalten“.

Am 17. April, als eine größere Ansammlung von Polizisten aus ganz Oberfranken nach der Verfolgungsjagd den Mann aus seinem silbernen C-Klasse-Mercedes zerrten, hatte es den ersten Hinweis gegeben: Der Fahrer aus Berlin rief immer wieder, er sei „Schweizer Diplomat“ und genieße „Immunität“. Der Ermittlungsrichter erließ zwar zunächst Haftbefehl, gab aber zugleich einen Untersuchungsauftrag an einen Psychiater, der im weiteren feststellte, dass der 26-Jährige an einer Psychose, an einer Schizophrenie leide.

Staatsanwalt will Einweisung in die Psychiatrie

Diese Erkrankung hat nach der vorläufigen Einschätzung des Psychiaters zur Folge, dass der Mann für die während der Amokfahrt begangenen Straftaten aufgrund einer Schuldunfähigkeit nicht bestraft werden kann. Weil der Mann aber auch als gefährlich gilt, hat die Staatsanwalt dem Schwurgericht eine Antragsschrift vorgelegt, in der sie fordert, den 26-Jährigen in die Psychiatrie einzuweisen – zur Behandlung der Erkrankung und um die Allgemeinheit vor ihm zu schützen.

Das Schwurgericht ist in dem Fall zusammengetreten, weil der am schwersten wiegende Vorwurf auf versuchten Mord lautet: Nachdem mehrere Polizeistreifen den 26-Jährigen gegen 10 Uhr am Parkplatz am Sophienberg gestellt hatten, soll er versucht haben, einen der Beamten zu überfahren. Der Polizist, so sagen es mehrere seiner Kollegen aus, habe sich nur mit einem Sprung auf eine den Parkplatz begrenzende Beton-Leitwand vor Schlimmerem retten können. Dieser Beamte habe darum gebeten, im Prozess nicht als Zeuge aussagen zu müssen: Ihm gehe es nicht besonders gut.

Ein anderer "wäre überfahren worden"

Einer seiner Kollegen berichtet, der zurzeit nicht dienstfähige Kollege sei ein Top-Sportler. Ein anderer, der nicht derart fit sei, „wäre überfahren worden“.

Aufgrund der Schuldunfähigkeit wird der 26-Jährige in den Verfahren „Beschuldigter“ genannt, sein Anwalt Karsten Schieseck verwendet sogar den Begriff „Betroffener“. Schieseck gab für seinen Mandanten eine Erklärung ab, der zufolge der Betroffene die Vorwürfe nicht abstreite, jedoch nicht mehr die allerbeste Erinnerung habe. Insbesondere habe er damals am Sophienberg nicht mitbekommen, dass „jemand habe zur Seite springen müssen.“

Seinen Anfang nahm das Drama des Mannes in Berlin am Abend des 16. April in der Wohnung der Mutter des Beschuldigten: Bei einem Streit mit ihr woll er sie gewürgt und ihr ihren Autoschlüssel weggenommen haben. Laut Verteidiger Schieseck hatte sein Mandant knapp zwei Jahre lang in Berlin keine Wohnung und keine Arbeit. Eine langjährige Beziehung sei in die Brüche gegangen. Nach dem Angriff auf seine Mutter soll der 26-Jährige angekündigt haben, er wolle nun „in den Krieg ziehen“.

Das, was dann am nächsten Tag auf der A 9 zwischen Hof und Bayreuth geschah, war auch eine Art Krieg. Bei Hof versuchte eine Streife der Hofer Verkehrspolizei den zur Fahndung ausgeschriebenen Mercedes zu stoppen. Der Beschuldigte gab Gas, die Verfolgungsjagd begann. Immer mehr Polizeistreifen hetzten hinter dem Mercedes her. Auf der Gefällstrecke am Bindlacher Berg wäre der Mercedes beinahe in die Leitplanken gekracht. Ein Polizist sagte über die Fahrweise des Verfolgten: „Es wurde mir zu riskant, am Ende wollten wir ihn ziehen lassen, bis ihm der Sprit ausgeht.“

Am Sophienberg versuchte der 26-Jährige, die Verfolger auszutricksen, indem er abrupt in den dortigen Parkplatz einscherte. Eingekeilt rangierte der Fahrer hin und her, erst drei platt geschossene Reifen beendeten die Fahrt.

Der Prozess wird fortgesetzt.

 

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