100 Jahre Erster Weltkrieg Psychologe erklärt, wie Menschen Traumata verarbeiten

Permanente Lebensgefahr: Soldaten des 7. Bayreuther Infanterieregimentes liegen im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben an der Westfront, während wenige Meter entfernt ein Geschoss einschlägt.Foto: Archiv

BAYREUTH. Es war zur Vorweihnachtszeit vor 100 Jahren, als massenhaft Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause zurückkehrten – auch die wenigen Überlebenden aus dem Bayreuther Infanterieregiment. Was war es, das diese Menschen in ihrer Seele mitbrachten? Ein Interview mit dem Psychologen Kai Uffmann.

Herr Uffmann, bei Soldaten ist immer wieder von einer posttraumatischen Belastungsstörung die Rede. Was ist das eigentlich?
Kai Uffmann: Die Soldaten kommen nach Hause und entwickeln innerhalb von sechs Monaten nach dem Erlebten Symptome. Ein Gefühl des Betäubtseins, oder eine Übererregbarkeit, eine Schreckhaftigkeit, Flashbacks – also Bilder, die gegen den eigenen Willen auftauchen. Diese Ereignisse sind so aktiv, dass die Betroffenen durch Schlüsselreize an ihr Trauma erinnert werden. Ein Knall, Gefühle, Geräusche, Gerüche – und plötzlich poppt ein ganzes Netzwerk im Gehirn auf, das verschiedene Aspekte des Traumas wieder erleben lässt. Häufig kommen noch sogenannte komorbide Störungen hinzu. Das sind Begleiterkrankungen wie Depression oder Suchterkrankung. Betroffene wollen sich betäuben. Sie wollen den unangenehmen Erinnerungen entfliehen. Da wird vieles getan. Das geht vom exzessiven Trinken bis zum exzessiven Sporttreiben. Manche ziehen sich zurück. Sie tun alles, um das Erlebte in der Erinnerung nicht wieder erleben zu müssen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Soldat solche Störungen entwickelt?
Uffmann: Es gibt eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2003. Da wurde festgestellt, dass 40 Prozent derjenigen, die an Kriegshandlungen teilgenommen haben, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Woran das hängt, das ist nicht so ganz klar. Nicht jeder, der etwas Tragisches erlebt, erleidet auch eine solche Störung. Es sind einfach Ereignisse, die sehr, sehr schlimm sind und die von jedem als sehr einschneidend erlebt werden würden. Es gibt eine Unterscheidung zwischen Traumatyp eins, ein kurzes Ereignis, eine Naturkatastrophe zum Beispiel, und Traumatyp zwei. Das sind chronische, wiederkehrende Ereignisse – wie die Kriegsteilnahme.

Im Ersten Weltkrieg sind die Soldaten euphorisch losgezogen und haben dann den blanken Horror erlebt.
Uffmann: Es war damals eine ganz andere Erwartung. Keiner wusste, was für Kriegsmittel eingesetzt werden würden. Maschinengewehre, Panzer – das waren nie da gewesene Möglichkeiten, jemanden zu töten. Darauf waren die Leute natürlich nicht vorbereitet. Es gab die Vorstellungen von 1870/71, der Krieg gegen Frankreich. Das war jetzt ganz anders. Der Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg war eine ganz neue Form, mit der die Soldaten nur schwer zurechtgekommen sind.

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Über Wochen und Monate lagen die die Soldaten manchmal in ihren Stellungen. Der Gegner nicht weit entfernt, das Leben ständig in Gefahr. Was macht das mit Menschen?
Uffmann: Man ist ständig angespannt, aber teilweise auch abgestumpft. Diesen pausenlosen, bedrohlichen Zustand, das hält man auf diesem hohen Niveau nicht aus. Irgendwann fährt der Körper wieder runter. Das ist ein chronifizierter Anspannungsmodus. Wie soll man anders damit umgehen, außer sich teilweise daran zu gewöhnen? Dann wird später die Teilhabe am sozialen Leben natürlich schwierig. Man hat ganz andere Bilder im Kopf als andere Menschen. Ich kann mir das auch nicht vorstellen, wie es in Afghanistan oder im Irak zum Beispiel war. Soldaten tragen das mit sich.

Können Soldaten das ohne Hilfe von außen überhaupt verarbeiten und zu Hause wieder normal leben?
Uffmann: Nicht jeder entwickelt eine Störung. Aber es ist nie so, als ob da nichts gewesen wäre. Es hängt viel davon ab, welche Konstanten jemand in seinem Leben hat. Wie werde ich zu Hause aufgefangen? Wie berechenbar ist mein Umfeld? Wie sehen mich die anderen? Maßgeblich für ein Trauma ist, dass man das Erlebte nicht verarbeiten kann. Vielleicht, weil es zu schnell ging. Da spielen verschiedene Bereiche im Gehirn eine Rolle, die das Emotionale, den Schrecken verarbeiten. Ziel in der Traumatherapie ist, diesen Bereichen die Möglichkeit zu geben, das Emotionale zu verarbeiten. Aber diese Art von Hilfe wird es nach dem Ersten Weltkrieg kaum gegeben haben. Aber ein Trauma verschwindet nicht einfach so. Wenn es nicht verarbeitet ist, dann ist es nicht verarbeitet. Die Frage ist dann, wie man mit dem umgeht, was da ist.

Wie funktioniert das in der Behandlung? Geht das über Medikamente?
Uffmann: Man kann natürlich auch Medikamente geben. Aber im Bereich der Psychotherapie geht es um die rationale Verarbeitung und die Integration in die eigene Biografie. Diesen Part muss ich stärken. In einer kontrollierten Form müssen sich Betroffene das, was passiert ist, mit dem Therapeuten zusammen anschauen. Es braucht Zeit, sich an die Erinnerungen zu gewöhnen und alles einzuordnen. Das funktioniert auch gut in vielen Therapieformen. Man soll sich dem Erlebten also schon kontrolliert aussetzen. Geht man da aber unkontrolliert und emotional rein, kann es passieren, dass man aufs Neue traumatisiert wird. Bevor man überhaupt anfängt, eine Traumatherapie zu machen, muss man sich auch klarmachen, wie man sich da auch wieder rausziehen und ablenken kann.

Das Leben eines Soldaten ist im Krieg ständig von außen bedroht. Aber er bedroht auch das Leben anderer. Was ist belastender?
Uffmann: Das hängt von jedem einzelnen ab. In der Psychotherapie ist es sehr wichtig nachzufragen, was für den einzelnen Betroffenen die belastendste Erfahrung war. Die Antworten sind häufig überraschend. Es geht oft um Schuld. Warum habe ich mich nicht anders verhalten? Warum habe ich jemanden nicht gerettet? Das ist sehr individuell.

Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn – wie nach dem Ersten Weltkrieg – zu Tausenden Kriegsrückkehrer integriert werden müssen, die jahrelang Furchtbares erlebt haben?
Uffmann: Die Menschen kommen alle zurück aus dem Krieg mit den Bildern, die sie belasten. Das hat natürlich einen Einfluss darauf, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Werden sie aggressiv, ziehen sie sich zurück? Es ist natürlich Aufgabe eines Gesundheitssystems, einer Gesellschaft, diese Menschen wieder aufzufangen. Die Narben, die Erinnerungen – die wird einem niemand mehr nehmen. Nur die Auswirkungen, die können abgefedert und behandelt werden. Ich war mit meinem Vorgänger hier im BKH häufig in der Ukraine und habe dort Veteranenkrankenhäuser besucht. Die Soldaten haben im Krieg gegen Russland gekämpft und haben ganz starke Probleme. Viele von ihnen sind traumatisiert, womit das System dort einfach überfordert ist. Aber es ist dringend notwendig, Hilfe zu geben.

 

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