Zwei WMs in zwei Jahren: Wie geht das?

Wieder steht Willi Kreutzer in der Sportarena. Natürlich. Vor zehn Monaten hat der Vorsitzende des Speichersdorfer Sportkegelclubs hier die Kegel-WM durchgezogen. 16 Nationen, 17 Tage, 11.000 Besucher. Jetzt baut er die Bühne für die Sport Stacking-WM auf. Ab morgen werden hier drei Tage lang 21 Nationen den schnellsten Becherstapler der Welt ermitteln.

An den Aufbau vom vergangenen Mai erinnert hier nichts mehr. Damals waren acht Kegelbahnen in die Halle eingebaut worden, jetzt stehen da vor allem Stühle. Für die Eröffnung am Freitag ist nur eine kleine Bühne notwendig. Eine „Halle für die Zukunft“ wollten sie 2008 bauen, sagt Bürgermeister Manfred Porsch. Eine, die möglichst vielseitig genutzt werden kann. „An WMs hat da aber noch keiner gedacht.“

Speichersdorf hat sie, Bindlach nicht

Diese Halle ist der erste, recht profane Grund dafür, dass in Speichersdorf Weltmeisterschaften abgehalten werden können. Aber sie reicht nicht. Bindlach hat auch eine, und bisher nur die Deutsche Meisterschaft der Junioren im Ringen beherbergt. „Weil keine Termine mehr frei sind“, sagt Bürgermeister Gerald Kolb. Und auch noch niemand nachgefragt habe.

Was also ist noch anders in Speichersdorf?

Die Vergangenheit. 2003 wird dort ein 42-Jähriger mit seinem eigenen Gürtel erdrosselt, der Täter ist ein Russlanddeutscher. Es wird in diesem Jahr noch einen zweiten Mord geben, auch hier sind Täter und Opfer Russlanddeutsche. „Da waren zehn Jahre Integrationsarbeit auf einmal weg“, sagt Dolores Longares-Bäumler von der Caritas, die seit fast 20 Jahren Menschen in die Speichersdorfer Gesellschaft integriert.

"Unsere Freunde fragten uns: Warum bleibt ihr noch?"

Erst die türkischen Gastarbeiter, die kommen, um bei Rosenthal zu arbeiten, dann die Russlanddeutschen, für die nahe der Bahnschienen sechs Häuser gebaut werden. Schon das schürt Vorurteile. Und dann der Mord. „Unsere Freunde fragten uns: Warum bleibt ihr noch?“, sagt Lothar Büringer, der in Speichersdorf einen Blumenladen betreibt. „Der Ruf von Speichersdorf war unglaublich schlecht.“

Doch Longares-Bäumler und Porsch denken sich: Jetzt erst recht. Sie gründen einen Jugendtreff, in dem zunächst besonders russlanddeutsche Jugendliche eine Heimat finden. Und ein Fest der Kulturen, bei dem Deutsche und Ausländer zusammen essen und feiern. Es gibt einen Sport-Integrationstag, eine interkulturelle Kochgruppe, wöchentliche Sprechstunden. „Eines Tages kamen ein paar einheimische Frauen zu mir und sagten: Wenn du was brauchst fürs Kulturfest, sag Bescheid“, sagt Longares-Bäumler. „Da dachte ich: Jetzt hab ich’s.“

Die neue Offenheit

Eine neue Offenheit war da. „Auch gegenüber neuen Ideen“, sagt Jugendbeauftragter Christian Porsch. „Dass man eben nicht sagt: Becher aufeinanderstapeln ist Blödsinn, sondern dass man denkt: Das ist cool.“

Ein passender Veranstaltungsort und Offenheit für neue Ideen, reicht das?

„Natürlich nicht“, sagt Willi Kreutzer von den Keglern. „Wir brauchten 500 Helfer, ohne die anderen Vereine hätten wir das niemals machen können.“, Und Heike Ziegler von den Hochstaplern sagt: „Wir mussten gar nicht mehr fragen. Viele Vereine haben von sich aus angerufen und wollten wissen, wie sie helfen können.“

Warum, weiß keiner so genau - fast keiner

Doch warum? Woher kommt dieser Zusammenhalt, wo sich in anderen Orten die Vereine gegenseitig die Mitglieder abwerben? Stirnrunzeln. Das sei in Speichersdorf halt so, sagen Kegler und Stapler, sagen Bürgermeister und Integrationsbeauftragte.

„Weil hier alle zusammen großgeworden sind“, sagt Lothar Büringer. Er kann das beurteilen. Denn er ist nicht in Speichersdorf großgeworden. Vor 15 Jahren zog der Floristmeister mit seiner Familie von Helmstedt in Niedersachsen in die Gemeinde und sagt: „Diese Vernetzung, die hier herrscht, so etwas habe ich noch nie erlebt.“

Gerade dieser Zusammenhalt sei es, der kleine Gemeinden liebenswert mache. Auch für ausländische Gäste. „Man zeigt, dass man so ein Ereignis gemeinsam stemmen kann, das fördert das positive Image“, sagt Büringer. Und man habe gemeinsam eine Menge Spaß. Auch deshalb steht Willi Kreutzer in diesem Jahr wieder in der Sportarena. Natürlich.

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Kommentare

So ein Schmarrn. Was hat den der Mord und die Integration mit den Weltmeisterschaften zu tun? Die Kegler sind ein alteingesessener und über die Grenzen der Gemeinde hinaus bekannter Verein, der sich um die WM beworben hat. Auch die Stacker haben sich international engagiert und als eine der deutschen Hochburgen den Zuschlag zur WM bekommen. Es mag ja sein, dass in Speichersdorf viel Integrationsarbeit geleistet wurde und wird, aber weder deshalb noch trotzdem noch überhaupt finden die Weltmeisterschaften hier statt. Das hat ganz anderen Gründe und vor allem mit engagierten Speichersdorfern zu tun. In den 1980er Jahren - vor aller Integration - war auch die Kunstflug-WM in Speichersdorf! Der Zusammenhalt in Speichersdorf war schon immer da, auch vor der Integration der Russlanddeutschen, weil Vereinsarbeit schon immer groß geschrieben wurde. Es besteht keine Verbindung zwischen den Morden, dem früheren Image, dem Zusammenhalt der Speichersdorfer und den Weltmeisterschaften. Man das kann so etwas auch konstruieren. Aber falsch bleibt es trotzdem.
Montag, 13. November 2017 - 11:06